Der australische Popstar Troye Sivan hat heute sein viertes Studioalbum „She’s the Best“ veröffentlicht. Der 31-Jährige verbindet darauf elektronische Tanzmusik mit persönlichen Einblicken in sein Liebesleben. Neben freizügigen Musikvideos und expliziten Texten stehen vor allem Einsamkeit, Identität und der Wunsch nach einer dauerhaften Beziehung im Mittelpunkt.
Das Wichtigste im Überblick
- Troye Sivan veröffentlichte heute sein viertes Studioalbum „She’s the Best“ mit einer Mischung aus tanzbaren Songs und persönlichen Balladen.
- Prominente Unterstützung: Nicole Kidman, Ian McKellen und Lily-Rose Depp wirken an Musikvideos oder Songs mit. Auch Dragstar Sasha Colby ist zu sehen.
- Sexuell explizite Inhalte: Der 31-Jährige thematisiert schwules Begehren, sexuelle Fantasien und Intimität ungewöhnlich offen.
- Sehnsucht nach einem Partner: Mehrere Lieder handeln von einer großen Liebe, die der australische Sänger bislang noch nicht gefunden hat.
- Neben House und elektronischem Pop experimentiert Sivan mit Trip-Hop, Shoegaze, Breakbeats und orchestralen Arrangements.
- Seine Musik wurde bislang mehr als 15,5 Milliarden Mal gestreamt. Der Künstler erhielt drei Grammy-Nominierungen.
Verletzlichkeit und Nähe
Mit „She’s the Best“ setzt Sivan seine Auseinandersetzung mit schwuler Identität und schwuler Lebensrealität fort. Dabei geht es nicht ausschließlich um sexuelle Selbstbestimmung und ausgelassene Partynächte. Hinter den selbstbewussten Inszenierungen zeigt sich ein Künstler, der sich zunehmend mit Verletzlichkeit und emotionaler Nähe beschäftigt. Bereits vor der Albumveröffentlichung hatte Sivan mit aufwendig produzierten Musikvideos viel Aufmerksamkeit erregt. In der ersten Single „She’s the Best“ würdigt er die Frauen, die ihn persönlich und künstlerisch geprägt haben. Das dazugehörige Video zeigt Nicole Kidman in einer verführerischen Rolle in einer heruntergekommenen Bar. Sasha Colby, bekannt aus „RuPaul’s Drag Race“, bewegt sich durch die von aufsteigendem Dampf geprägten Straßen der New Yorker Innenstadt. Der Song bildet zugleich den Auftakt des Albums. Darin singt Sivan: „Dieses Mädchen, dieses Mädchen, wow, dieses Mädchen. Sie ist die Beste.“
Für die nachfolgende Veröffentlichung „Party“ konnte der Sänger Ian McKellen gewinnen. Der britische Schauspieler, der sich seit Jahrzehnten für die Rechte schwuler Menschen einsetzt, spricht die einleitenden Worte des Liedes. Das Musikvideo fällt besonders freizügig aus. Neben zahlreichen leicht bekleideten Männern enthält es auch die Darstellung einer Rimming-Szene. In der schwulen Community fand die Veröffentlichung bereits vor Erscheinen des vollständigen Albums große Beachtung. Kurz vor der Veröffentlichung präsentierte Sivan dann weiteres Material seines Albums bei einem unangekündigten Bühnenauftritt. Während des Headliner-Konzerts von Charli XCX (34) beim Austin City Limits Music Festival in Texas erschien der Sänger überraschend auf der Bühne. Gemeinsam mit der britischen Musikerin stellte er den bis dahin unveröffentlichten Titel „Le Boy“ vor. Dabei setzte Sivan erneut auf eine betont körperliche und freizügige Inszenierung.
Auch in den sozialen Netzwerken hatte der Musiker die Veröffentlichung vorbereitet. Seit Beginn der Woche teilte er zahlreiche Fotos, auf denen er sich mit freiem Oberkörper oder nur leicht bekleidet zeigte. Für den Song „Lost Time“ gewann er zudem Lily-Rose Depp. Die Schauspielerin und Sängerin, die mit Sivan befreundet ist, übernimmt auf dem Album einen besonderen Part: Sie singt auf Französisch über die bittersüße Traurigkeit einer vergangenen Liebe, deren Gefühle noch immer nachwirken.
Schwule Lust und Fantasien
Wie offen Sivan auf seinem neuen Album über Sexualität spricht, zeigt sich auch in seinen eigenen Erläuterungen zu den einzelnen Liedern. In den sozialen Medien kommentierte der Sänger die Tracklist und beschrieb mehrere Songs mit kurzen, teilweise ausgesprochen direkten Bemerkungen. Über „Embarrassingly“ schrieb er: „Leider eine Hymne auf die Selbstbefriedigung.“ Noch deutlicher fiel seine Beschreibung von „Canada Dry“ aus. Den Titel bezeichnete er sinngemäß als „schlüpfrigen, klebrigen, geschmeidigen Pop, bei dem man den Rücken durchdrückt, über einen attraktiven Kanadier, den ich bis zum letzten Tropfen aussaugen will, haha“. Auch „FF“ spielt mit sexuellen Erwartungen. Die Abkürzung steht für „Fuck Forever“, also „Für immer ficken“. Trotz des provokanten Titels geht es dabei jedoch um eine romantische Vorstellung. Sivan beschreibt den Song mit den Worten: „Nur Spaß, ein Lied über unsterbliche Liebe zu einem Mann, den es gar nicht gibt.“ Mehrere weitere Stücke des Albums richten sich an einen möglichen zukünftigen Partner. Der Sänger verarbeitet darin Gefühle für einen Menschen, den er noch nicht kennengelernt hat.
Liebeslieder an einen Mann
In einem Interview mit der amerikanischen Modezeitschrift Vogue erklärte Sivan, dass die wiederkehrende Sehnsucht nach einer zukünftigen Beziehung ursprünglich kein bewusst gewähltes Konzept gewesen sei. Vielmehr habe er beim Schreiben einfach die Gefühle verarbeitet, die ihn zu diesem Zeitpunkt beschäftigten. Als ihm auffiel, wie viele Lieder von einem noch unbekannten Mann handelten, dachte er sogar darüber nach, das gesamte Album „Le Boy“ zu nennen. Schließlich entschied er sich dagegen. „Wirklich? Will ich dieses verdammte Album einem Typen widmen, den es überhaupt nicht gibt?“, habe er sich gefragt.
Stattdessen wollte er den Menschen mehr Aufmerksamkeit schenken, die tatsächlich Teil seines Lebens sind. Besonders die Frauen in seinem Umfeld hätten ihm während emotional schwieriger Zeiten Halt gegeben. Deshalb trägt das Album den Titel „She’s the Best“. Der Sänger räumte ein, dass ihm das Schreiben der persönlichen Lieder nicht immer leichtgefallen sei. Musik habe für ihn schon immer eine Möglichkeit dargestellt, Gefühle zu verarbeiten. Ob die neuen Songs seine Einsamkeit tatsächlich verändert hätten, könne er allerdings nicht behaupten. „Vielleicht hat es also doch nicht genug geholfen!“, sagte er lachend.
Hoffnung auf die große Liebe
Seine Vorstellung einer zukünftigen Beziehung beschreibt Sivan mit einer Mischung aus Romantik und Selbstironie. Er sei gespannt, wie ein möglicher Partner eines Tages darauf reagieren werde, dass bereits vor ihrem Kennenlernen mehrere Liebeslieder über ihn entstanden seien. „Entweder wird er es wahnsinnig romantisch finden, dass ich schon vor unserem ersten Treffen diese Musik über ihn geschrieben habe. Oder er wird es als ein ziemlich seltsames Warnsignal betrachten, das für ihn ein absolutes Ausschlusskriterium ist.“ Beide Reaktionen seien denkbar, sagte der Sänger. Für ihn sei entscheidend gewesen, auf dem Album möglichst ehrlich über seine Gefühle zu sprechen. „Der einzige Ansatz, den man wirklich uneingeschränkt vertreten kann und der jeder Kritik standhält, ist Ehrlichkeit“, erklärte Sivan. Nicht jeder Titel eigne sich deshalb für eine ausgelassene Poolparty. Dafür spiegelten die Songs seine tatsächlichen Erfahrungen wider. „Aber es ist echt. Und das ist das Beste, was ich geben kann.“
„FF“ entstand auf Fire Island
Besondere Bedeutung kommt dem Musikvideo zur Single „FF“ zu. Gedreht wurde es auf Fire Island, einer Insel vor New York, die seit Jahrzehnten als wichtiger Treffpunkt der schwulen Community gilt. Regie führte Gordon von Steiner, mit dem Sivan bereits mehrfach zusammengearbeitet hat und der auch als Kreativdirektor an seinen Projekten beteiligt ist. Für den Sänger war es der erste Besuch auf Fire Island. Die Landschaft habe ihn an seine australische Heimat erinnert. „Sie ist unglaublich schön, und gleichzeitig steckt so viel Geschichte in diesem Ort“, sagte Sivan.
Er habe dort eine Liebesgeschichte erzählen wollen. Nach der umfangreichen Produktion für „Party“ sei es ihm und von Steiner wichtig gewesen, eine ruhigere, intimere Bildsprache zu finden. „Wir wollten etwas Einfaches machen, etwas Filmisches und hoffentlich auch etwas sehr Schönes.“ Der Song beschreibt die Hoffnung auf eine beständige Beziehung. Als Sinnbild dafür dient ein architektonisch gestaltetes Haus aus „Beton und Stahl“, das für Stabilität und Dauerhaftigkeit steht.
Freizügige Dreharbeiten
Dass die Musikvideos teilweise ausgesprochen intime Szenen zeigen, empfindet der Sänger nach eigenen Angaben inzwischen kaum noch als ungewöhnlich. Im Gespräch erklärte er so, durch seine bisherigen Erfahrungen bei Dreharbeiten nahezu abgestumpft zu sein. Natürlich hoffe er, dass die Zuschauer zwischen den Beteiligten eine glaubwürdige erotische Spannung wahrnähmen. Letztlich handele es sich aber um professionelle Schauspielarbeit. Er verglich die Situation mit einem Arztbesuch, bei dem man sich ausziehen müsse. „Überall stehen unglaublich viele Menschen herum, und allen ist klar: Wir sind hier, um zu arbeiten.“ Sobald die Regie das Ende einer Szene verkünde, gingen die Beteiligten wieder ihren gewöhnlichen Tätigkeiten nach.
Album bricht mit Popregeln
Nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch hat Sivan seine Arbeitsweise verändert. Während er bei früheren Produktionen besonderen Wert auf möglichst perfekte Popsongs gelegt hatte, wollte er diesmal bewusst weniger vorhersehbare Strukturen ausprobieren. „Im Grunde wollte ich einfach nicht, dass sich die Musik irgendwie künstlich oder konstruiert anfühlt“, sagte er. Die Regeln klassischer Popmusik seien zwar hilfreich, um Geschichten verständlich zu erzählen. Nach Jahren intensiver Beschäftigung mit diesen Strukturen habe er sich jedoch mehr Spontaneität gewünscht.
Deshalb experimentiert „She’s the Best“ mit unterschiedlichen Musikrichtungen. Trip-Hop, House, Shoegaze, Breakbeats und orchestraler Pop wechseln sich ab. Eine wichtige Rolle spielen zudem Samples, also bereits vorhandene Tonaufnahmen, die in neue musikalische Zusammenhänge eingebaut werden. Als Inspiration nannte Sivan unter anderem die australische Band The Avalanches. „Warum fühlt sich diese Musik so lebendig an?“, habe er sich beim Hören ihrer Produktionen gefragt. Seine Antwort: „Ich glaube, das liegt daran, dass man in der Musik die Welt selbst hören kann.“ Für Sivan steht deshalb fest: „Ich denke auf jeden Fall, dass es mein bisher experimentellstes Album ist.“
Veränderungen bei Produktion
Für das vierte Studioalbum arbeitete der Musiker mit einem erweiterten Kreis an Songwritern und Produzenten zusammen. Neben seinen langjährigen Weggefährten Leland und Oscar Görres waren unter anderem Jack Antonoff, George Daniel und sein jüngerer Bruder Tyde Levi beteiligt. Erstmals übernahm Sivan selbst Aufgaben bei der Musikproduktion. Veränderungen gibt es auch bei der äußeren Inszenierung des Künstlers. Erstmals ist Sivan auf dem Cover eines seiner Studioalben nicht selbst zu sehen. Auch bei Kleidung und Styling wollte er diesmal einen anderen Weg einschlagen. „Ich hatte keine Lust, mir die Haare blond zu färben und irgendeine Popstar-Persönlichkeit zu verkörpern“, sagte er. Bei früheren Auftritten hätten Lederchaps, Riemen und bewusst überzeichnete Outfits zur Inszenierung gehört. Diese Phase habe ihm großen Spaß gemacht. Inzwischen gehe es ihm jedoch weniger darum, eine Kunstfigur zu erschaffen. „Das klingt vielleicht kitschig, aber es ging darum, Troye als Menschen wertzuschätzen und nicht irgendeine Kunstfigur.“ Die Entscheidung empfinde er als befreiend.
„She’s the Best“ ist der Nachfolger des Albums „Something to Give Each Other“, mit dem Sivan international große Erfolge feierte. Insbesondere die Singles „Rush“ und „One of Your Girls“ erreichten ein weltweites Publikum. Die dazugehörigen Musikvideos trugen dazu bei, dass der Sänger auch außerhalb der schwulen Community große Aufmerksamkeit erhielt. Insgesamt verzeichnet seine Musik inzwischen mehr als 15,5 Milliarden Streams. Zudem wurde der Australier dreimal für einen Grammy nominiert. Mit dem neuen Album erweitert er seine bisherigen Themen um eine nachdenklichere Perspektive. Neben sexueller Freiheit und der Euphorie gemeinsamer Partynächte geht es um die emotionalen Folgen von Einsamkeit, die Suche nach Zugehörigkeit und die Hoffnung auf eine dauerhafte Partnerschaft.
Rückblick in zehn Jahren
Im Interview erklärte Sivan, dass er sich bei der Auswahl der ersten Singles bewusst für einen Einstieg entschieden habe, der nicht alle Facetten des Albums vorwegnehme. Die eigentliche Geschichte erschließe sich erst beim vollständigen Hören. Wenn er in zehn Jahren auf diese Lebensphase zurückblicke, wolle er sich vor allem an jene Menschen erinnern, die ihn durch schwierige Zeiten begleitet hätten. „Ich möchte mich viel lieber an die Menschen erinnern, die tatsächlich für mich da waren.“ Damit bildet die Würdigung seiner Freundinnen und weiblichen Wegbegleiter den emotionalen Rahmen eines Albums, das zwischen sexueller Selbstbestimmung, Selbstzweifeln und der Sehnsucht nach Liebe zahlreiche Seiten des schwulen Lebens beleuchtet.