Der US-amerikanische Schauspieler, Theaterautor und Aids-Aktivist Michael Kearns ist tot. Er starb am 5. Oktober im Alter von 76 Jahren. Kearns galt als Wegbereiter homosexueller Sichtbarkeit in der amerikanischen Unterhaltungsbranche. Bereits in den 1970er-Jahren lebte er offen schwul und bekannte sich 1991 öffentlich zu seiner HIV-Infektion – zu einer Zeit, als beides für Schauspieler mit erheblichen beruflichen Nachteilen verbunden sein konnte.
Das Wichtigste im Überblick
- Michael Kearns starb am 5. Oktober im Alter von 76 Jahren. Sein Freund Tim Miller machte den Tod öffentlich.
- Kearns lebte bereits in den 1970er-Jahren offen schwul, als dies für Schauspieler erhebliche berufliche Risiken bedeutete.
- 1991 gehörte er zu den ersten Schauspielern, die ihre HIV-Infektion öffentlich bekannt gaben.
- Er spielte unter anderem in „Die Waltons“, „Cheers“, „Body Double“ und „Beverly Hills, 90210“.
- Als Mitbegründer von Artists Confronting AIDS setzte er sich gegen die Diskriminierung HIV-positiver Menschen ein.
- In den 1990er-Jahren adoptierte er als alleinstehender, HIV-positiver schwuler Mann seine Tochter Katherine.
Partner in Trauer
Bekannt wurde sein Tod durch den Performance-Künstler Tim Miller, der seit 1984 mit Kearns befreundet war. Miller veröffentlichte jetzt eine persönliche Würdigung auf Facebook. „Ich trauere um meinen geliebten Michael Kearns. Kämpfer, Schauspieler und Aids-Aktivist. Großer Bruder. Freund seit 1984. Ein wirklich einzigartiger Mensch. Die Welt ist nun ein Stück kleiner geworden ... Ich liebe dich, Michael.“ Kearns hinterlässt seine Tochter Katherine, die er in den 1990er-Jahren als alleinstehender schwuler Mann adoptierte.
Geboren wurde Michael Kearns am 8. Januar 1950 in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri. Nach seiner Ausbildung an der Goodman School of Drama in Chicago zog er 1972 nach Los Angeles, um als Schauspieler zu arbeiten. Sein Bühnendebüt gab er in „The Dirtiest Show in Town“ von Tom Eyen, der später durch das Musical „Dreamgirls“ bekannt wurde. Bereits früh verband Kearns seine Theaterarbeit mit gesellschaftspolitischen Themen und seinem Engagement für homosexuelle Menschen. Erste Auftritte in größeren Fernseh- und Filmproduktionen folgten Mitte der 1970er-Jahre. 1974 war er in der US-Familienserie „Die Waltons“ zu sehen, 1977 wirkte er in der Filmkomödie „Kentucky Fried Movie“ mit.
Nacktaufnahmen für PR
Obwohl Kearns regelmäßig für Film und Fernsehen arbeitete, blieb das Theater der Schwerpunkt seiner künstlerischen Laufbahn. Seine Produktionen behandelten häufig Sexualität, gesellschaftliche Ausgrenzung und politische Konflikte. Für seine Arbeit erhielt er unter anderem Förderungen der Brody Foundation und des PEN Center USA West. Eine ungewöhnliche Episode seiner Karriere begann 1975. Unter dem Pseudonym „Grant Tracy Saxon“ trat Kearns öffentlich als angeblicher Verfasser des Buches „The Happy Hustler“ auf.
Tatsächlich hatte der Schriftsteller Thom Racina den Bestseller geschrieben. Kearns, der damals auch als Begleiter gegen Bezahlung arbeitete, übernahm die Rolle des Autors für die Vermarktung. Dazu gehörten Nacktaufnahmen und zahlreiche Fernsehauftritte. Für die Werbekampagne unterbrach er zeitweise seine Arbeit im Theaterstück „Tubstrip“ und war unter anderem in der amerikanischen Talkshow „Donahue“ zu Gast. Berichten zufolge erhielt Kearns zehn Prozent der Bucheinnahmen. „The Happy Hustler“ soll sich rund drei Millionen Mal verkauft haben. Auch auf der Bühne trat er unter dem Namen Grant Tracy Saxon auf, unter anderem gemeinsam mit dem schwulen Pornodarsteller Jack Wrangler in dem Stück „Rusty“.
Sexarbeiter und Pornodarsteller
Aus der zunächst gespielten Rolle entwickelte sich später eine tatsächliche Tätigkeit als Sexarbeiter. Kearns berichtete, dass er damit teilweise seinen damaligen Alkohol- und Drogenkonsum finanzierte. Ende der 1970er-Jahre wirkte er außerdem in Pornofilmen mit. Dazu gehörte 1979 „L.A. Tool & Die“ mit Richard Locke, Paul Baressi, Will Seagers und Casey Donovan. In dieser Zeit entstanden auch Aktfotografien des Fotografen Don Hanover, die Kearns später besonders schätzte. In einem Gespräch mit dem Journalisten Matthew Rettenmund erinnerte er sich humorvoll an die Aufnahmen: „Mein Gott. Ich fühle mich wie Gloria Swanson. Ehrlich gesagt kann ich mich nicht erinnern, ob einige seiner Fotos in ‚Mandate‘ erschienen sind. Ich weiß, dass sie in einer Wochenzeitung in Provincetown veröffentlicht wurden. Leute haben mir einige seiner Bilder zum Signieren geschickt, und ich muss sagen, es gehören einige der besten Aufnahmen dazu, die je von mir gemacht wurden. Damals hatten wir noch Gesichter.“
Rückkehr zu Hollywood
Nachdem Kearns seine Alkohol- und Drogenprobleme überwunden hatte, kehrte er verstärkt zu konventionellen Schauspielrollen zurück. 1983 übernahm er einen Gastauftritt in der erfolgreichen Sitcom „Cheers“. Im selben Jahr spielte er an der Seite von Joan Collins und Jon-Erik Hexum im Fernsehfilm „Making of a Male Model“. 1984 war er in Brian De Palmas Thriller „Body Double“ als Pornodarsteller zu sehen. Weitere Fernsehauftritte folgten 1985 in „Ein Colt für alle Fälle“, „Mord ist ihr Hobby“, „Crazy Like a Fox“ und „Zeit der Sehnsucht“. 1991 spielte er außerdem in „Unter der Sonne Kaliforniens“. Seine Schauspielkarriere setzte Kearns auch nach seinem öffentlichen HIV-Bekenntnis fort. Dabei übernahm er zunehmend Rollen in Produktionen, die sich mit Aids und den gesellschaftlichen Folgen der Epidemie beschäftigten.
Öffentliches HIV-Bekenntnis
Einen wichtigen Schritt unternahm Kearns 1991, als er in der Fernsehsendung „Entertainment Tonight“ öffentlich erklärte, HIV-positiv zu sein. Damit gehörte er zu den ersten berufstätigen Schauspielern, die ihre Infektion öffentlich machten. Zu dieser Zeit war HIV noch stark stigmatisiert. Für Schauspieler konnte ein solches Bekenntnis erhebliche Auswirkungen auf die beruflichen Möglichkeiten haben. Kearns entschied sich dennoch für Offenheit und machte den Kampf gegen die Diskriminierung HIV-positiver Menschen zu einem wesentlichen Bestandteil seiner Arbeit.
Gemeinsam mit dem Dramatiker James Carroll Pickett gründete er die Organisation Artists Confronting AIDS (ACA). Darüber hinaus engagierte er sich für PFLAG, eine Organisation zur Unterstützung von Lesben, Schwulen und ihren Familien. 1992 spielte er in einer Aids-Folge der Fernsehserie „Alles Okay, Corky?“ („Life Goes On“). Ein Jahr später verkörperte er den Aktivisten Cleve Jones im Fernsehfilm „... und das Leben geht weiter“ („And the Band Played On“). 1996 folgten Auftritte im Aids-Drama „It's My Party“ sowie in drei Folgen der Jugendserie „Beverly Hills, 90210“.
Stereotype HIV-Darstellungen
Obwohl Kearns weiterhin Rollen erhielt, kritisierte er später die Darstellung HIV-positiver Menschen in Hollywood. Nach seiner Erfahrung wurden entsprechende Figuren häufig als körperlich schwer gezeichnet dargestellt. Dass Menschen mit HIV auch ohne sichtbare Krankheitssymptome leben konnten, sei in den Produktionen kaum berücksichtigt worden. In einem Interview mit der Los Angeles Blade sagte er 2021: „Es war eine neue Art von Klischee. Sie mussten mich immer schrecklich aussehen lassen. Je gespenstischer, desto besser. Sie konnten keine HIV-positive Figur zeigen, die normal aussah – so wie ich, wenn ich am Set ankam. Irgendwann hatte ich genug davon und weigerte mich, das weiterhin mitzumachen.“
Mit seinen eigenen Theaterarbeiten versuchte Kearns, ein differenzierteres Bild vom Leben mit HIV und Aids zu vermitteln. Besonders bekannt wurden seine Einpersonenstücke „Intimacies“ und „More Intimacies“. Darin verkörperte er unterschiedliche Menschen, die mit HIV lebten, und stellte ihre individuellen Erfahrungen und Lebenssituationen dar. Die beiden Produktionen zählen zu seinen bedeutendsten künstlerischen Arbeiten.
Autor, Schauspiellehrer und Vater
Neben seinen Film- und Theaterrollen schrieb Kearns zahlreiche Bühnenstücke und Drehbücher. Mit seinen Performances trat er international auf. 2012 veröffentlichte er seine Autobiografie „The Truth Is Bad Enough: What Became of the Happy Hustler?“. Darin setzte er sich mit seiner Karriere, seinen persönlichen Erfahrungen und seinem Leben als offen schwuler Künstler auseinander. Bis ins hohe Alter blieb er auf der Bühne aktiv. 2023 präsentierte er mit „It Must Be Him: A Genderful Musical Memoir“ seine 16. Soloproduktion. Darüber hinaus arbeitete er viele Jahre als Schauspiellehrer und gab seine Erfahrungen an jüngere Künstler weiter.
Seine künstlerische Arbeit war über Jahrzehnte eng mit seinem politischen Engagement verbunden. Dabei setzte er sich insbesondere mit Fragen sexueller Identität, gesellschaftlicher Akzeptanz und dem Umgang mit HIV auseinander. Auch privat traf Kearns eine für die damalige Zeit außergewöhnliche Entscheidung. In den 1990er-Jahren adoptierte er als alleinstehender, offen schwuler und HIV-positiver Mann seine Tochter Katherine. Angesichts der damals verbreiteten Vorbehalte gegenüber homosexuellen Eltern und Menschen mit HIV war die erfolgreiche Adoption bemerkenswert. Kearns sprach später öffentlich über seine Erfahrungen als Vater. 2018 erschien ein gemeinsames Interview mit seiner Tochter, in dem beide Einblicke in ihre Familiengeschichte gaben. Katherine ist seine Hinterbliebene.
Wegbereiter für schwule Schauspieler
Mit Michael Kearns verliert die amerikanische LGBTIQ+-Community einen Künstler, der bereits offen über Homosexualität und HIV sprach, als dies in Hollywood noch mit erheblichen Risiken verbunden war. Sein Engagement ging weit über öffentliche Bekenntnisse hinaus. Durch seine Theaterstücke, seine Arbeit mit Aids-Organisationen und seine Auftritte in Film und Fernsehen setzte er sich über Jahrzehnte gegen gesellschaftliche Ausgrenzung ein. Sein Partner Tim Miller erinnerte nach Kearns' Tod auch an den gemeinsamen Freund James Carroll Pickett. Zu einer Aufnahme vom Aids-Gedenkboden des Highways Performance Space & Gallery schrieb er: „Das sind Michael und ich auf dem Aids-Gedenkboden des Highways Performance Space & Gallery, auf dem der Name unseres großartigen Freundes, des Dramatikers James Carroll Pickett, erneut verewigt wird. Michael und Jim sind jetzt wieder zusammen.“