Der Eurovision Song Contest 2027 findet ohne Tschechien statt. Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender Česká televize (ČT) hat entschieden, keine Delegation zum Wettbewerb ins bulgarische Burgas zu entsenden. Ausschlaggebend sind die finanziellen Rahmenbedingungen des Senders, der sich auf erhebliche Veränderungen bei seiner Finanzierung einstellen muss.
Das Wichtigste im Überblick
- Teilnahme abgesagt: Tschechien wird beim Eurovision Song Contest 2027 im bulgarischen Burgas nicht vertreten sein.
- Finanzielle Gründe: Der öffentlich-rechtliche Sender Česká televize muss seinen Haushalt anpassen und streicht deshalb die ESC-Teilnahme.
- Hohe Ausgaben: Für den Wettbewerb 2024 gab der Sender rund 376.000 Euro an externen Projektkosten aus.
- Rundfunkreform geplant: Die tschechische Regierung will die bisherigen Rundfunkgebühren abschaffen und durch eine Finanzierung aus dem Staatshaushalt ersetzen.
- Keine politische Boykottentscheidung: Anders als mehrere andere Länder begründet Tschechien seinen Rückzug nicht mit der Teilnahme Israels.
- Rückkehr bleibt möglich: Der Sender schließt eine erneute Beteiligung am Eurovision Song Contest in den kommenden Jahren nicht aus.
Neuaufstellung des Rundfunks
Die Absage erfolgt in einer Phase, in der die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Tschechien politisch neu verhandelt wird. Während die Regierung eine grundlegende Umstellung der Finanzierung vorbereitet, muss Česká televize bereits bei seiner Haushaltsplanung Einsparungen berücksichtigen. Davon ist nun auch die Teilnahme am größten internationalen Musikwettbewerb betroffen. „Im Jahr 2027 werden wir die tschechische Flagge nicht auf der Bühne sehen“, erklärte der Sender. Die Organisation eines ESC-Beitrags erfordere beträchtliche Mittel und sei mit einem hohen Aufwand für Programmgestaltung, Produktion und Logistik verbunden. Unter den gegenwärtigen finanziellen Voraussetzungen habe sich der Sender deshalb gegen eine Beteiligung im kommenden Jahr entschieden. Ein endgültiger Abschied vom Wettbewerb ist damit allerdings nicht verbunden. Česká televize hält sich ausdrücklich die Möglichkeit offen, zu einem späteren Zeitpunkt wieder einen tschechischen Beitrag ins Rennen zu schicken.
ESC-Absage kein Boykott
Die European Broadcasting Union (EBU), die den Eurovision Song Contest veranstaltet, bestätigte den Rückzug des tschechischen Fernsehens. ESC-Direktor Martin Green verwies dabei auf die angespannte Finanzlage von Česká televize. Die Schwierigkeiten seien kein Einzelfall: Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten müssten vielerorts mit knappen finanziellen Ressourcen wirtschaften, während ihre Ausgaben gleichzeitig stiegen. Politische Auseinandersetzungen um die Beteiligung Israels spielen bei der tschechischen Entscheidung nach Angaben des Senders keine Rolle. Damit unterscheidet sich die Absage von den Rückzügen mehrerer europäischer Staaten beim Eurovision Song Contest 2026 in Wien.
Damals hatten Spanien, die Niederlande, Irland, Island und Slowenien auf eine Teilnahme verzichtet. Hintergrund war der Protest gegen die Beteiligung Israels am Wettbewerb. Irland will auch 2027 nicht zurückkehren. Der irische Rundfunksender RTÉ hat bereits angekündigt, erneut keinen Beitrag zu entsenden. Zur Begründung verweist die Rundfunkanstalt auf die fortdauernden Todesfälle sowie die humanitäre Situation im Gazastreifen. Während die irische Absage somit politisch begründet wird, stehen für Česká televize die Kosten des Wettbewerbs und die Unsicherheit über die künftigen Einnahmen im Mittelpunkt.
Tschechien und der ESC
Welchen finanziellen Aufwand die Teilnahme am ESC verursacht, lässt sich anhand der Ausgaben für das Jahr 2024 nachvollziehen. Česká televize veröffentlichte entsprechende Zahlen als Antwort auf eine Anfrage nach dem tschechischen Informationsfreiheitsgesetz. Demnach beliefen sich die externen Kosten für den tschechischen ESC-Beitrag auf insgesamt 9,18 Millionen Kronen, rund 376.000 Euro. Der Betrag umfasst zahlreiche Leistungen, die für die Vorbereitung und Durchführung eines Auftritts erforderlich sind. Neben der an die EBU zu entrichtenden Teilnahmegebühr fallen unter anderem Kosten für die Auswahl des Wettbewerbsbeitrags und die technische Abwicklung internationaler Übertragungen an.
Hinzu kommen Ausgaben für die Unterbringung und Beförderung der Delegation sowie Honorare für die beteiligten Künstler und Mitarbeiter. Auch die künstlerische Umsetzung des Auftritts muss finanziert werden. Dazu zählen die Entwicklung der Choreografie, die Kostüme, das Make-up und die Lichtgestaltung auf der Bühne. Darüber hinaus entstehen Kosten für die Produktion jener Fernsehfassung, die Česká televize seinem Publikum in Tschechien präsentiert. Die veröffentlichten 9,18 Millionen Kronen bilden damit ein breites Spektrum der externen Projektkosten ab und beschränken sich nicht auf die eigentliche Startberechtigung.
Deutsche ESC-Startgebühr
Wie stark die finanziellen Belastungen zwischen den teilnehmenden Rundfunkanstalten variieren, verdeutlichen die deutschen Zahlen. Deutschland überwies für die Teilnahme am Eurovision Song Contest 2024 eine Gebühr von 454.905 Euro an die EBU. Ein Jahr später betrug diese Zahlung 451.216 Euro. Bereits die deutsche Teilnahmegebühr lag somit über den gesamten externen Kosten, die Česká televize für seinen ESC-Auftritt 2024 ausgewiesen hatte. Aus diesen Beträgen lässt sich allerdings kein unmittelbarer Vergleich der vollständigen Aufwendungen beider Länder ableiten. Während der tschechische Sender eine Summe für externe Projektkosten veröffentlichte, liegen für Deutschland keine entsprechend umfassenden Angaben der ARD vor.
Insbesondere die zusätzlichen Ausgaben für die deutsche Delegation, die Inszenierung des Wettbewerbsbeitrags und das Begleitprogramm sind in der genannten Teilnahmegebühr nicht enthalten. Wie hoch die gesamten deutschen ESC-Kosten ausfallen, lässt sich anhand der veröffentlichten Zahlen deshalb nicht bestimmen. Zudem berechnet die EBU die Teilnahmegebühren nach einem Umlagesystem. Große Mitgliedssender müssen entsprechend höhere Beiträge leisten. Deutschland zählt zu den Ländern, deren Rundfunkanstalten einen besonders hohen finanziellen Anteil tragen.
Rundfunkgebühren in Tschechien
Für Česká televize stellt sich die Frage nach der Finanzierung des Eurovision Song Contest vor dem Hintergrund seiner regulären Einnahmen. Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender wird unter anderem durch Gebühren finanziert, die tschechische Haushalte entrichten. Der monatliche Betrag liegt derzeit bei 150 Kronen. Das entspricht umgerechnet etwa 6,14 Euro. Die Zahlung wird einmal je Haushalt erhoben und dient der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. In Deutschland beträgt der monatliche Rundfunkbeitrag dagegen 18,36 Euro und liegt damit deutlich über der tschechischen Fernsehgebühr. Im kommenden Jahr muss Česká televize rund 14,3 Millionen Euro einsparen.
Für Tschechien bedeutet die Entscheidung eine weitere Unterbrechung seiner Geschichte beim Eurovision Song Contest. Das Land nahm erstmals 2007 an dem internationalen Musikwettbewerb teil und konnte sich im Laufe der Jahre auch im Finale behaupten. Sein bisher erfolgreichstes Ergebnis erzielte Tschechien 2018. Damals trat der Sänger Mikoláš Josef mit dem Titel „Lie To Me“ an und belegte den sechsten Platz. Ob 2028 wieder ein tschechischer Beitrag auf der Bühne stehen wird, bleibt offen. Eine dauerhafte Abkehr vom ESC hat Česká televize jedenfalls nicht angekündigt.