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Tilly trotzt Moskaus Urteil Satiriker lässt sich nicht einschüchtern

Von ms - 07.10.2026 - 09:30 Uhr
Tilly trotzt Moskaus Urteil
Foto: IMAGO / Future Image
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Eine Verurteilung zu achteinhalb Jahren Haft durch ein Moskauer Gericht hält Jacques Tilly (63) nicht davon ab, den Kreml und den russischen Präsidenten Wladimir Putin weiter mit satirischen Mitteln anzugreifen. Passend zu Putins 74. Geburtstag erscheint heute der neue Bildband des Düsseldorfer Karnevalswagenbauers. Dass beide Termine zusammenfallen, sei allerdings nicht geplant gewesen, sagen Tilly und Herausgeberin Eva Creutz.

Das Wichtigste im Überblick

  • Der Düsseldorfer Satiriker Jacques Tilly veröffentlicht gemeinsam mit Herausgeberin Eva Creutz den Bildband „Wer hat Angst vor Pappmaché?“.
  • Das Buch erscheint heute am 74. Geburtstag des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Laut Tilly ein Zufall.
  • Ein Moskauer Gericht verurteilte Tilly im April in Abwesenheit zu achteinhalb Jahren Haft in einer Strafkolonie. Hinzu kamen eine Geldstrafe von 200.000 Rubel und ein vierjähriges Berufsverbot.
  • Anlass des russischen Strafverfahrens waren Tillys Putin- und Kreml-kritische Karnevalswagen.
  •  Die russische Justiz warf ihm unter anderem die Verletzung religiöser Gefühle vor.
  • Tilly will seine politische Satire fortsetzen: „Wir machen natürlich weiter mit unserem Kurs, und wir werden weiterhin auch das russische Regime natürlich kritisieren.“
  • Konkreten Bedrohungen sieht sich der 63-Jährige nicht ausgesetzt. Wegen der abstrakten Gefährdungslage gab es jedoch Gespräche unter anderem mit dem Verfassungsschutz.
  • Bestimmte Länder meidet Tilly wegen des Risikos einer möglichen Festnahme oder Auslieferung.

Unbeirrt weitermachen 

„Wer hat Angst vor Pappmaché?“ lautet der Titel des Buches, das Tilly und Creutz in Düsseldorf vorgestellt haben. Ein Teil des Bandes widmet sich ausdrücklich den Putin-kritischen Mottowagen des Künstlers und seiner Auseinandersetzung mit der russischen Justiz. Seine Botschaft an den Kreml ist trotz des Urteils eindeutig: „Wir machen natürlich weiter mit unserem Kurs, und wir werden weiterhin auch das russische Regime natürlich kritisieren.“ Seit Jahren beschäftigt sich Tilly in seinen politischen Karnevalswagen mit Putin und der russischen Politik. Zu seinen bekannten Motiven zählt ein in einer blutigen Wanne badender Kremlchef als Anspielung auf den Krieg gegen die Ukraine. Ein anderer Wagen zeigte Putin beim Oralverkehr mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill.

Achteinhalb Jahre Haft

Die Auseinandersetzung um diese Arbeiten hat für Tilly inzwischen erhebliche juristische Folgen. Im April dieses Jahres wurde er von einem Moskauer Gericht in Abwesenheit zu acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Außerdem wurden eine Geldstrafe von 200.000 Rubel, umgerechnet rund 2.100 Euro, und ein vierjähriges Berufsverbot verhängt. Ein Moskauer Berufungsgericht bestätigte die Haftstrafe später. Die russische Justiz warf dem deutschen Künstler unter anderem vor, religiöse Gefühle verletzt und Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte verbreitet zu haben. Tilly selbst bezeichnete das Verfahren als politischen Schauprozess.

In seinem neuen Buch setzt sich der Düsseldorfer ausführlich mit dem Vorgehen der russischen Behörden auseinander. „Die geballte Härte einer autoritären Staatsmacht wurde gegen närrische Pappfiguren aufgeboten“, schreibt Tilly im Nachwort. Für den Satiriker zeigt das Verfahren zugleich, welche Wirkung politische Karikaturen entfalten können. „Der Prozess belegt eindrucksvoll, dass Satire den Mächtigen dieser Welt tatsächlich wehtun kann, dass Satire in der Lage ist, Despoten und Autokraten Angst zu machen (...) Sie haben Angst, dass man sie als das darstellt, was sie sind: an Größenwahn erkrankte, lächerliche Würstchen.“

Urteil belastet den Künstler

Spurlos geht die Verurteilung dennoch nicht an Tilly vorbei. Ein schriftliches Urteil aus Moskau hat er nach eigenen Angaben bislang nicht erhalten. „Also, es fühlt sich nicht gut an, verurteilt zu sein von Moskau“, sagt der 63-Jährige. Unmittelbare Drohungen gegen ihn gebe es allerdings nicht. Das Urteil empfinde er dennoch wie ein Damoklesschwert, das über ihm schwebe. Die abstrakte Bedrohungslage beschäftigt ihn auch außerhalb seiner künstlerischen Arbeit. Tilly führte nach eigenen Angaben Gespräche im Bundestag und mit dem Verfassungsschutz. Wegen möglicher Gefahren stand er zudem im Austausch mit Sicherheitsbehörden.

Sorgen bereiten ihm insbesondere Warnungen vor russischen Aktivitäten und einem sogenannten Schattenkrieg. Bestimmte Länder meidet der Düsseldorfer inzwischen aus Sorge vor einer möglichen Festnahme oder Auslieferung. Tilly erklärte, dass für ihn und seine Familie besondere Sicherheitsvorkehrungen gelten. Seinen Alltag will er davon jedoch möglichst wenig bestimmen lassen. „Ich kann immer noch frei leben, ich kann frei arbeiten“, sagt Tilly. Einschüchterung dürfe aus seiner Sicht nicht die Konsequenz des Moskauer Vorgehens sein. „Wenn wir eingeschüchtert sind, dann haben sie ihr Ziel erreicht, und das möchte ich nicht.“

Politische Satire im Karneval

Tilly wurde 1963 in Düsseldorf geboren und studierte von 1985 bis 1994 Kommunikationsdesign an der Universität Essen. Seit 1984 entwirft und baut er satirische Mottowagen für den Düsseldorfer Rosenmontagszug. Die Motive werden seit dem Jahr 2000 bis zum Zug geheim gehalten. Damit soll verhindert werden, dass vor der Präsentation Einfluss auf die Gestaltung der politischen Wagen genommen wird. Putin und die russische Politik gehören seit Jahren zu den Themen seiner Arbeiten. Ob sich Putin auch auf einem der nächsten Düsseldorfer Rosenmontagswagen wiederfinden wird, will Tilly noch nicht festlegen. „Ich weiß absolut noch nicht, es ist noch viel zu früh, sich jetzt um die politischen Wagen Gedanken zu machen.“ An seiner grundsätzlichen Haltung gegenüber dem Moskauer Urteil lässt der Karnevalist dagegen keinen Zweifel. Er wolle sich nicht verrückt machen lassen und sein Leben und seine Arbeit fortsetzen. Putin werde er nicht den Gefallen tun, sich einschüchtern zu lassen.

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