Er gehörte zu den frühen Vordenkern der amerikanischen Schwulenbewegung und forderte bereits Anfang der 1950er-Jahre gleiche Rechte für Homosexuelle. Später vertrat Donald Webster Cory, der mit bürgerlichem Namen Edward Sagarin hieß, Positionen, die ihn innerhalb der eigenen Community zu einer umstrittenen Persönlichkeit machten. Der neue Dokumentarfilm „Odd Man In“ zeichnet diese Entwicklung nun erstmals nach und stellt die Frage, wie aus einem gefeierten Pionier eine Reizfigur werden konnte.
Das Wichtigste im Überblick
- Der Dokumentarfilm „Odd Man In“ beschäftigt sich mit dem Leben und dem widersprüchlichen Vermächtnis des US-Schwulenrechts-Pioniers Donald Webster Cory alias Edward Sagarin.
- Corys 1951 erschienenes Buch „The Homosexual in America“ gehörte zu den frühen Sachbüchern über das Leben homosexueller Menschen in den USA und wurde überraschend zum Bestseller.
- Darin bezeichnete Cory Homosexuelle nicht als krank oder sündig, sondern als unterdrückte Minderheit, die für gleiche Rechte kämpfen müsse.
- Mitte der 1960er-Jahre änderte sich seine Position deutlich: In „The Homosexual and His Society“ brachte er Homosexualität mit psychischen Erkrankungen in Verbindung, hielt aber am Anspruch auf gleiche Rechte fest.
- Regisseur Matt Nadel beschreibt Cory als einen „Pionier, der zum Verräter wurde“, und will verstehen, wie es zu dessen widersprüchlicher Entwicklung kam.
- „Modern Family“-Star Jesse Tyler Ferguson ist ausführender Produzent des Films.
- Corys einziger Sohn Fred Sagarin, der nichts vom geheimen Doppelleben seines Vaters als schwuler Autor und Aktivist wusste, kommt in der Dokumentation auch zu Wort.
Überraschender Bestseller
PBS und Independent Lens veröffentlichen die Dokumentation im Vorfeld des 75. Jahrestags von Corys einflussreichem Buch „The Homosexual in America“. Das 1951 veröffentlichte Werk gehört zu den frühesten Sachbüchern, die sich mit dem Leben homosexueller Menschen in den Vereinigten Staaten beschäftigten. Das Buch erschien unter gesellschaftlichen Bedingungen, die für Homosexuelle in den USA von Repression und Diskriminierung geprägt waren. Es war die Zeit der McCarthy-Ära und des sogenannten Lavender Scare, in der homosexuelle Menschen unter anderem aus staatlichen Beschäftigungsverhältnissen gedrängt wurden. Zugleich herrschten weitreichende Zensur und eine ausgeprägt schwulenfeindliche gesellschaftliche Stimmung. Trotz dieser Voraussetzungen entwickelte sich „The Homosexual in America“ überraschend zu einem Bestseller.
Unterdrückte Minderheit
Cory schrieb damals offen aus der Perspektive eines Mannes, der sich selbst als homosexuell bezeichnete. Seine Argumentation unterschied sich deutlich von vielen zeitgenössischen Vorstellungen über Homosexualität. Schwule und lesbische Menschen seien weder krank noch sündig, argumentierte er. Stattdessen betrachtete er sie als unterdrückte gesellschaftliche Minderheit, die für ihre Gleichberechtigung kämpfen müsse. Damit formulierte Cory zu Beginn der 1950er-Jahre Gedanken, die später zu wesentlichen Forderungen der LGBTIQ+-Bürgerrechtsbewegung gehören sollten. Sein Buch trug dazu bei, die frühe Bewegung für die Rechte homosexueller Menschen in den Vereinigten Staaten zu inspirieren. Doch Corys Haltung sollte sich nicht dauerhaft in dieser Form halten.
Cory ändert seine Haltung
Mitte der 1960er-Jahre vollzog der Autor einen deutlichen Wandel. In seinem Buch „The Homosexual and His Society“ vertrat Cory eine Position, die erheblich von seinen früheren Aussagen abwich. Zwar argumentierte er weiterhin, dass Schwule und Lesben gleiche Rechte verdienten. Gleichzeitig brachte er Homosexualität nun jedoch mit psychischen Erkrankungen in Verbindung. Damit geriet Cory zunehmend in Widerspruch zu jener Community, deren frühe Emanzipationsbewegung er mit seinen Schriften selbst beeinflusst hatte. Genau dieser Bruch steht im Mittelpunkt von „Odd Man In“. Die Dokumentation will Corys kompliziertes Vermächtnis neu untersuchen und nachvollziehen, wie ein einst gefeierter Pionier innerhalb der eigenen Community zu einer kontroversen Figur werden konnte.
Vom Pionier zum Verräter
Regie führt der preisgekrönte Dokumentarfilmer Matt Nadel, der „Odd Man In“ auch produziert hat. Für ihn besteht die Herausforderung darin, sowohl Corys historische Bedeutung als auch dessen spätere Entwicklung zu betrachten. „Der Film stellt die Frage, was wir diesem Pionier, der zum Verräter wurde, schuldig sind – einem Mann, der die Grundlagen für die moderne queere Bewegung legte und ihr dann den Rücken kehrte“, erklärte Nadel. Dem Regisseur geht es dabei nach eigenen Angaben ausdrücklich nicht darum, Cory nachträglich von der Kritik an seinen späteren Positionen zu befreien. „Mit diesem Film wollte ich diesem Impuls entgegenarbeiten, nicht weil ich Corys Image rehabilitieren wollte, sondern weil ich ihn in seinem zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext verstehen wollte.“
Die Dokumentation stellt dabei auch die Frage nach dem Widerspruch zwischen Corys frühen gesellschaftlichen Visionen und seinem eigenen Leben. „Warum konnte Cory sich eine stärker befreite queere Zukunft vorstellen, war aber nicht in der Lage, sie selbst zu leben?“, lautet eine der Fragen, denen der Film nachgeht. Hinzu kommt die Frage, warum eine für die frühe Schwulenbewegung einflussreiche Persönlichkeit heute weitgehend unbekannt ist. „Und wenn er einst als Vater der queeren Bewegung gefeiert wurde, auch wenn er später als ihr seniler Großvater verurteilt wurde, warum weiß das heutige Publikum dann nichts über ihn?“ „Odd Man In“ will damit nicht nur Corys Biografie erzählen, sondern zugleich untersuchen, wie eine Community mit historischen Persönlichkeiten umgeht, deren Wirken sowohl wegweisende als auch später scharf kritisierte Elemente umfasst.
Jesse Tyler Ferguson beteiligt
Unterstützung erhält das Projekt auch von Schauspieler Jesse Tyler Ferguson. Der aus der Serie „Modern Family“ bekannte schwule Darsteller fungiert gemeinsam mit der preisgekrönten Dokumentarfilmproduzentin Caroline Waterlow als ausführender Produzent. Ferguson sieht in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eine Möglichkeit, gegenwärtige Entwicklungen besser einzuordnen. „Wir brauchen mutige Dokumentarfilme wie ‚Odd Man In‘, die unsere Vergangenheit erhellen, damit wir uns in unserer Gegenwart besser zurechtfinden können“, erklärte er. Ferguson lobte insbesondere Nadels Umgang mit Corys widersprüchlicher Persönlichkeit. Er bezeichnete den Film als „komplexes, mitfühlendes Porträt“. Nadel finde darin die Menschlichkeit in einer „fehlerhaften, aber folgenreichen und von der Geschichte vergessenen Persönlichkeit“, so Ferguson. „Ich bin so stolz darauf, Teil dieses Films zu sein, und dankbar, dass es Plattformen gibt, um Zuschauer mit wichtigen Geschichten wie dieser zusammenzubringen.“
Doppelleben eines Vaters
Eine besondere Perspektive auf Cory eröffnet dessen Familie. Für die Dokumentation wurde Fred Sagarin interviewt, der einzige Sohn des Autors. Sagarin wusste dem Bericht zufolge nichts über das geheime Doppelleben seines Vaters als schwuler Schriftsteller und Aktivist. Damit beleuchtet „Odd Man In“ nicht nur Corys öffentliche Bedeutung für die frühe Schwulenbewegung, sondern auch den Gegensatz zwischen seinen veröffentlichten Vorstellungen über homosexuelle Emanzipation und seinem persönlichen Leben. Ein weiterer Zeitzeuge ist Elliot Friedland, ein Schützling Corys. Auch er kommt in der Dokumentation zu Wort. Friedland lernte Cory in den 1960er-Jahren kennen. Zu dieser Zeit war Friedland selbst College-Student und hatte seine Homosexualität noch nicht öffentlich gemacht. Mitte Oktober erscheint die Dokumentation in den USA und soll danach über Festivals und einer Streamingauswertung auch in Deutschland erscheinen, weitere Details dazu sind allerdings noch nicht bekannt.