Der professionelle englische Fußballschiedsrichter Ryan Atkin (42) hat sich 2017 öffentlich als schwul geoutet. In einem Interview mit Sky Sports sprach der Vorreiter jetzt über die Gründe für seine Entscheidung, sein Verhältnis zu seinen Eltern und die Frage, ob seine sexuelle Orientierung Auswirkungen auf den Umgang mit ihm im Stadion haben könnte.
Das Wichtigste im Überblick
- Der professionelle englische Fußballschiedsrichter Ryan Atkin hat sich 2017 öffentlich als schwul geoutet.
- Atkin erklärte jetzt, er habe bereits mit 21 Jahren gewusst, dass er schwul ist. Den Schritt an die Öffentlichkeit wagte er mit 32 Jahren.
- Ein wesentlicher Grund für sein Coming-Out war seine Familie: Er wollte insbesondere seine Eltern nicht länger über Teile seines Lebens belügen.
- Atkin erwartet nicht, wegen seiner sexuellen Orientierung stärker von Fußballfans beschimpft zu werden.
- Die Football Association (FA) unterstützte sein öffentliches Coming-Out ausdrücklich.
- FA-Funktionär Neale Barry bezeichnete Atkins Erklärung als wichtigen Moment für den Fußball und betonte, das Schiedsrichterwesen stehe allen offen.
- Atkin gehört damit zu einer kleinen Gruppe professioneller Schiedsrichter an, die sich öffentlich als schwul geoutet haben.
Atkin über sein Schwulsein
Atkin hatte nach eigenen Angaben bereits seit seinem 21. Lebensjahr gewusst, dass er schwul ist. Ein wichtiger Grund für sein öffentliches Coming-Out im Alter von 32 Jahren sei schließlich der Wunsch gewesen, Menschen in seinem persönlichen Umfeld vollständig an seinem Leben teilhaben zu lassen. Das galt insbesondere für seine Eltern. „Einer der entscheidenden Punkte für mich war, dass ich meine Eltern darüber anlügen musste, was ich tat“, sagte Atkin. Die jahrelange Zurückhaltung habe Folgen für das Verhältnis zu seiner Familie gehabt. „Dadurch haben sie einen großen Teil meines Lebens verpasst, weil ich nicht bereit war, zu akzeptieren, wer ich bin.“
Befürchtungen, seine sexuelle Orientierung könne dazu führen, dass Fußballfans ihn auf dem Platz stärker beschimpfen, teilt Atkin bis heute nicht. Aus seiner Sicht richten sich die Reaktionen von Zuschauern auf einen Schiedsrichter in erster Linie danach, wie sie dessen Entscheidungen beurteilen – und nicht nach dessen sexueller Orientierung. „Die Leute schreien einen nicht lauter an, nur wegen der eigenen Sexualität“, so Atkin gegenüber Sky Sports. „Sie schreien einen an, weil sie mit einer Entscheidung nicht zufrieden sind oder glauben, eine Entscheidung hätte zu ihren Gunsten ausfallen müssen. Aber ich glaube nicht, dass meine Sexualität ein Grund dafür ist, dass die Leute mich häufiger anschreien.“
Fußballverband unterstützt Atkin
Beschimpfungen gegen gegnerische Mannschaften und Unparteiische gehören im Fußball seit Langem zum Stadionalltag. Daran dürfte sich nach Atkins Einschätzung auch bei einem offen schwulen Spieler, Trainer oder Schiedsrichter grundsätzlich nichts ändern. Zugleich sind homophobe Gesänge im englischen Fußball ein bis heute bestehendes Problem. Solche Rufe richten sich nicht zwangsläufig gegen Personen, deren Homosexualität tatsächlich bekannt ist. Atkin sieht sein Coming-Out daher nicht als Grund, stärker Ziel verbaler Angriffe zu werden.
Für seinen Schritt erhielt der Schiedsrichter damals wie heute auch die ausdrückliche Unterstützung der Football Association. Der englische Fußballverband stellte sich öffentlich hinter Atkin und bewertete dessen Coming-Out als bedeutsames Signal. Neale Barry, Leiter der Entwicklung hochrangiger Schiedsrichter bei der Football Association, würdigte Atkins Entscheidung gegenüber Sky Sports. „Ryans Erklärung markiert einen wichtigen Moment für den Fußball und unterstreicht die Tatsache, dass das Schiedsrichterwesen wirklich allen offensteht“, sagte Barry. „Er hat gesagt, dass Menschen, die sich in ihrer eigenen Haut wohlfühlen, bessere Leistungen erbringen – und dem könnte ich nicht mehr zustimmen.“ Damit verband der Verband Atkins persönlichen Schritt mit dem grundsätzlichen Anspruch, dass die sexuelle Orientierung kein Hindernis für eine Tätigkeit als Schiedsrichter sein sollte.
Wenige offene Kollegen
Zum Zeitpunkt seines Coming-Outs gehörte Atkin zu einer kleinen Zahl von Schiedsrichtern und anderen Unparteiischen im professionellen Spitzensport, die öffentlich über ihre Homosexualität gesprochen hatten – sehr viel hat sich seitdem leider bis heute nicht getan. Auch außerhalb des englischen Fußballs gab es bis dahin nur einzelne prominente Beispiele. Zu ihnen zählt Steve Strimling, der als Schiedsrichter im College Football der Pac-12 tätig war. Auch Bill Kennedy, Schiedsrichter in der nordamerikanischen Basketballliga NBA, hatte sich öffentlich als schwul geoutet. Im professionellen Baseball hatten zudem die MLB-Schiedsrichter Dave Pallone und Dale Scott öffentlich über ihre Homosexualität gesprochen. Mit seinem Coming-Out wurde Atkin damit zu einer der wenigen offen schwulen Persönlichkeiten im professionellen Schiedsrichterwesen – und zum ersten professionellen englischen Fußballschiedsrichter, der diesen Schritt öffentlich ging.