Eine ungewöhnliche Polizeirazzia in einer Schwulenbar hat in Taipeh jetzt Proteste ausgelöst. Rund 100 Mitglieder der LGBTIQ+-Community demonstrierten am Sonntag gegen das Vorgehen der Polizei, nachdem Beamte am Vortag die Bar „Commander D“ durchsucht und zahlreiche Gäste zur Befragung mitgenommen hatten.
Das Wichtigste im Überblick
- Die Polizei hat die Schwulenbar „Commander D“ im Taipeher Stadtbezirk Wanhua durchsucht.
- 51 Menschen wurden zur Befragung mitgenommen, der Besitzer der Bar wurde festgenommen.
- Rund 100 Mitglieder der LGBTIQ+-Community protestierten am folgenden Tag gegen den Polizeieinsatz.
- Die Polizei begründet die Razzia mit dem Verdacht auf Verstöße gegen die öffentliche Sittlichkeit.
- Der Einsatz sorgt auch deshalb für Aufsehen, weil Taiwan als vergleichsweise liberal im Umgang mit sexuellen Minderheiten gilt.
- Die Razzia erfolgte im Pride-Monat. Taipehs große Pride-Veranstaltung findet Ende Oktober statt.
Öffentliche "Sittlichkeit"
Die Polizei hatte die Bar am Samstagnachmittag im Stadtbezirk Wanhua durchsucht. 51 Menschen wurden zur Befragung mitgenommen, der Besitzer der Bar wurde festgenommen. Der Polizeisprecher Chen Yu-cheng sagte gegenüber Reuters, die Beamten hätten auf Grundlage eines Durchsuchungsbeschlusses wegen des Verdachts auf „Verstöße gegen die öffentliche Sittlichkeit“ gehandelt. Die 51 Menschen stünden im Verdacht, gegen ein Gesetz verstoßen zu haben, das es untersagt, „an einem öffentlichen oder öffentlich zugänglichen Ort mutwillig seinen nackten Körper zu zeigen oder eine laszive Pose einzunehmen“, so Chen. Nach Angaben der Stadtverwaltung von Taipeh war dem Einsatz eine Beschwerde vorausgegangen. Darin sei der Verdacht geäußert worden, dass in der Bar möglicherweise gegen Vorschriften zum Schutz der öffentlichen Sittlichkeit verstoßen werde.
Proteste vor Polizeiwache
Am Sonntagnachmittag zogen die Demonstranten dann friedlich, aber lautstark zur zuständigen Polizeiwache. Einer der zuvor Festgesetzten schilderte das Vorgehen der Beamten. „Sie haben den Ort mit Gewalt gestürmt. Es war sehr beängstigend“, sagte der Mann. Ein Mitarbeiter des Polizeireviers trat kurz vor die Demonstranten und sprach mit ihnen. „Wir respektieren die Kultur einer pluralistischen Gesellschaft und werden die Rechte jedes einzelnen Bürgers schützen“, sagte er. Die Demonstranten reagierten mit lautstarken Unmutsbekundungen. Einer davon, Kang Yang, kritisierte insbesondere den Zeitpunkt des Einsatzes während des Pride-Monats. „Damit bin ich überhaupt nicht einverstanden. Diese Stadt hat früher immer behauptet, queerfreundlich zu sein!“
Größte Pride-Veranstaltung Ostasiens
Der Polizeieinsatz ist in Taiwan ungewöhnlich. Das Land gilt als vergleichsweise tolerant gegenüber sexuellen Minderheiten und hat deren Rechte in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut. 2019 legalisierte Taiwan als erstes Land Asiens die gleichgeschlechtliche Ehe. Taipehs wichtigste Pride-Veranstaltung soll Ende Oktober stattfinden. Sie gilt als größte Veranstaltung dieser Art in Ostasien. Auch Taipehs Bürgermeister Chiang Wan-an von der größten Oppositionspartei Kuomintang hat in der Vergangenheit an der Taipei Pride teilgenommen und seine Unterstützung für die LGBTIQ+-Community zum Ausdruck gebracht. Im kommenden Monat steht für ihn eine Wahl an.
Taiwans gesellschaftlicher Umgang mit Homosexualität hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Bis 1987 stand Taiwan unter Kriegsrecht. Gleichgeschlechtliche Beziehungen waren damals weitgehend ein Tabuthema. Commander D existiert seit 14 Jahren und ist heute die bekannteste BDSM-Schwulenbar in Taipeh, ein Treffpunkt insbesondere für schwule Fetisch- und Cruisingfreunde. Es gibt Leder-, Uniform- oder Puppy-Nights, Darkrooms, Käfige und weitere Fetisch-Einrichtungen.