In Frankreich wird derzeit verstärkt über sexuelle Gewalt und den Umgang mit Betroffenen gesprochen. Nach den #MeToo-Debatten der vergangenen Jahre rücken dabei zunehmend auch Männer in den Blick. Der französische Journalist Julien Chavanes beschäftigt sich in seinem neuen Buch „Das andere Gesicht von #MeToo“ mit sexueller Gewalt gegen Männer – und damit, warum insbesondere schwule und bisexuelle Männer einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. Er hat eine Debatte darüber im Land angestoßen.
Das Wichtigste im Überblick
- In Frankreich wird im Zuge der #MeToo-Bewegung verstärkt über sexuelle Gewalt gesprochen – zunehmend auch über männliche Betroffene.
- Journalist Julien Chavanes widmet sich in seinem Buch sexueller Gewalt gegen Männer und stützt sich dabei auf Quellen und Erfahrungsberichte.
- Nach seinen Angaben findet ein großer Teil der sexuellen Gewalt gegen Männer vor dem 18. Lebensjahr statt.
- Schwule und bisexuelle Männer sind laut Chavanes besonders stark betroffen. Als wesentlichen Faktor nennt er die soziale Isolation durch Homophobie.
- Gerade schwule Männer hätten weiterhin Schwierigkeiten, mit Berichten über sexuelle Gewalt ernst genommen zu werden.
- Chavanes betont zudem die Bedeutung von Freunden und Angehörigen: Betroffenen zuzuhören und ihnen zu glauben, könne entscheidend sein.
Gewalt vor dem Erwachsenenalter
Chavanes, ehemaliger Chefredakteur des Magazins „Néon“, stützt sein Buch auf Quellen und Erfahrungsberichte. Einen persönlichen Zugang zu dem Thema habe er durch sexuelle Gewalt innerhalb seiner eigenen Familie bekommen. „Dadurch entwickelte ich nach und nach eine andere Sichtweise auf das Thema“, so Chavanes. Begegnungen während seiner journalistischen Arbeit hätten ihn zudem dazu gebracht, über Männlichkeit und deren Auswirkungen auf das Leben nachzudenken. In Frankreich entstand 2024 die Bewegung „#MeToo garçons“, auf Deutsch etwa „#MeToo Jungen“. Dass bewusst von Jungen und nicht von Männern gesprochen wird, hat nach Chavanes' Darstellung einen wesentlichen Grund: Sexuelle Gewalt gegen männliche Betroffene finde überwiegend vor dem 18. Lebensjahr statt. „Es handelt sich zu einem sehr großen Teil um ein #MeToo der Kindheit, das mit #MeToo Inzest zusammenhängt“, sagte Chavanes.
Männer, die sexuelle Gewalt im Erwachsenenalter erlebt haben, hätten demnach noch größere Schwierigkeiten, darüber zu sprechen. Chavanes bezeichnet dies als „ein Tabu innerhalb des Tabus“. Dahinter stehe unter anderem die Vorstellung, ein erwachsener Mann müsse in der Lage sein, sich zu wehren. Dabei würden Abhängigkeits- und Machtverhältnisse sowie kulturelle Prägungen außer Acht gelassen.
Schwule Männer stark betroffen
Eine besondere Rolle spielt Chavanes zufolge die Situation schwuler und bisexueller Männer. Zahlen zeigten eine starke Überrepräsentation dieser Gruppe unter den Betroffenen sexueller Gewalt. „Die einzige Korrelation, die wir feststellen können, ist, dass Homophobie isoliert und dadurch das Risiko erhöht, Gewalt – insbesondere sexuelle Gewalt – zu erfahren. Homophobie ist das eigentliche Thema.“ Schwule Jungen würden häufiger aus männlichen sozialen Gruppen ausgeschlossen und seien dadurch weniger geschützt. Sexualstraftäter könnten diese Isolation ausnutzen. Wer bereits in jungen Jahren Gewalt erfahre, sei zudem später einem höheren Risiko weiterer Gewalterfahrungen ausgesetzt.
Obwohl bereits 2021 ein „MeToo gay“ gestartet wurde, blieb die Resonanz vergleichsweise gering. Nach Ansicht von Chavanes hängt das auch damit zusammen, dass männliche Opfer sexueller Gewalt lange kaum wahrgenommen wurden. Inzwischen berichteten ihm manche männliche Betroffene zwar, dass sie das Gefühl hätten, sogar besser gehört zu werden als Frauen. Für schwule Männer gelte dies jedoch häufig nicht. Ihre Aussagen würden stärker infrage gestellt oder die erlebte Gewalt werde mit ihrer Sexualität in Verbindung gebracht. Teilweise werde ihnen unterstellt, sich selbst in Gefahr gebracht zu haben. Ein Mann, der in einer Schwulensauna vergewaltigt wurde, sagte Chavanes: „Wenn ich darüber spreche, wird man sich nicht auf die Gewalt konzentrieren, die ich erlebt habe, sondern darauf, dass ich in einer Sauna war.“ Auch in seinem persönlichen Umfeld innerhalb der Community sei die Tat heruntergespielt worden.
Gewalt wird teilweise nicht erkannt
Chavanes sieht außerdem Schwierigkeiten darin, Gewalterfahrungen überhaupt als solche zu erkennen. Männer kämen häufig schon früh mit Gewalt in Kontakt und hätten gelernt, Gefühle und Verletzlichkeit zurückzustellen. Bei schwulen Männern könne dies aufgrund früher Ausgrenzungs- und Gewalterfahrungen noch ausgeprägter sein. Gleichzeitig verweist Chavanes auf eine historisch gewachsene „Kultur der Heimlichkeit“ innerhalb der schwulen Community. Diese habe es ermöglicht, sich trotz gesellschaftlicher Ablehnung zu treffen, zu lieben und sexuelle Beziehungen zu führen und eine eigene Gegenkultur entstehen zu lassen. Zugleich habe sie möglicherweise eine offene Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen und Gewalt erschwert.
Angehörige sind entscheidend
Eine wichtige Rolle bei der Aufarbeitung sexueller Gewalt spielen Chavanes zufolge Frauen. Bei heterosexuellen Männern seien es häufig Partnerinnen, bei schwulen Männern enge Freundinnen, die Betroffenen dabei helfen, Erlebtes als Gewalt zu erkennen, darüber zu sprechen und Unterstützung oder gegebenenfalls juristische Hilfe zu suchen. Entscheidend sei auch, wie Angehörige und Freunde reagieren, wenn sich ein Betroffener ihnen anvertraut. Eine negative Reaktion könne zu einer erneuten Traumatisierung beitragen.
Dabei sei eine angemessene erste Reaktion nicht kompliziert, sagt Chavanes: „Ich höre dir zu, ich glaube dir, was brauchst du?“ Wie wichtig eine solche Unterstützung sein kann, verdeutlicht er am Beispiel des Schriftstellers und Journalisten Adrien Borne. Nachdem dieser auf Facebook über selbst erlebte Gewalt berichtet hatte, wartete ein Freund vor seinem Haus auf ihn. Für Chavanes zeigt die Geschichte, welche Rolle das persönliche Umfeld spielen kann: Jeder könne der Freund sein, „der seine Ohren und sein Herz öffnet“.