Europa ist beim Abbau der Ungleichheit zwischen Frauen und Männern wieder die weltweit führende Region. Dennoch bestehen weiterhin erhebliche Unterschiede – vor allem bei wirtschaftlichen Chancen und beim Zugang zu politischer Macht. Der positive Trend hingegen wird auch als hoffnungsvolle Entwicklung für LGBTIQ+-Menschen verstanden. Gleichheit zwischen Frauen und Männern sowie Gleichheit für LGBTIQ+-Menschen seien dabei zwei Seiten der gleichen Medaille.
Das Wichtigste im Überblick
- Europa hat 75,7 Prozent seiner Geschlechterlücke geschlossen und liegt damit weltweit an der Spitze.
- Seit Beginn der Erhebung im Jahr 2006 verbesserte sich Europa um sieben Prozentpunkte.
- Bei Bildung und Gesundheit ist die Gleichstellung nahezu erreicht, deutlich größer sind die Unterschiede bei wirtschaftlichen Chancen und politischer Teilhabe.
- Sieben europäische Länder stehen unter den weltweiten Top Ten. Island führt mit 93 Prozent.
- Innerhalb Europas gibt es erhebliche Unterschiede: Vor allem mehrere osteuropäische Länder schneiden deutlich schwächer ab.
- Bei unverändertem Fortschritt würde Europa noch rund 70 Jahre benötigen, um vollständige Geschlechterparität zu erreichen.
- Der Gender-Gap-Index berücksichtigt LGBTIQ+-Rechte nicht direkt, gilt aber als ein positiver Faktor für mehr Gleichberechtigung für Homosexuelle und queere Menschen.
Absolute Gleichstellung in 70 Jahren?
Nach dem aktuellen Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums hat Europa inzwischen 75,7 Prozent seiner Geschlechterlücke geschlossen. Damit liegt der Kontinent knapp vor Nordamerika, das im vergangenen Jahr noch den Spitzenplatz belegte. Seit Beginn der Erhebung im Jahr 2006 verbesserte sich der europäische Wert um sieben Prozentpunkte. Der sogenannte Gender Gap beschreibt Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei ihren Chancen und ihrer Teilhabe.
Das Weltwirtschaftsforum untersucht dafür vier Bereiche: wirtschaftliche Teilhabe und Chancen, Bildung, Gesundheit sowie politische Mitsprache. Der Index misst dabei die erreichte Parität und nicht das absolute Entwicklungsniveau eines Landes. Trotz der Fortschritte ist Europa von vollständiger Gleichstellung noch deutlich entfernt. 24,3 Prozent der gemessenen Lücke bestehen weiterhin. Sollte sich die Entwicklung im bisherigen Tempo fortsetzen, würde Europa noch rund 70 Jahre benötigen, um vollständige Parität zu erreichen.
Bildung und Gesundheit
Besonders weit ist Europa bei Bildung sowie Gesundheit und Überleben. Beim Bildungsniveau erreicht die Region einen Wert von 99,5 Prozent, bei Gesundheit und Überleben sind es 96,9 Prozent. Damit besteht in diesen beiden Bereichen nach den Maßstäben des Index nahezu Parität. Im weltweiten Vergleich bedeuten diese hohen Werte allerdings lediglich Rang drei beim Bildungsniveau und Rang vier bei Gesundheit und Überleben. Andere Weltregionen erreichen dort ähnlich hohe oder noch höhere Werte.
Deutlich größer bleibt die Lücke im Wirtschaftsleben. Bei wirtschaftlicher Teilhabe und Chancen kommt Europa auf 69,5 Prozent und belegt damit unter den Weltregionen nur den fünften Platz. Nordamerika erreicht als führende Region in diesem Bereich 77,1 Prozent. Europa schneidet dagegen bei der politischen Mitsprache vergleichsweise stark ab. Mit einem Paritätswert von 37 Prozent liegt die Region weltweit vorn. Lateinamerika und die Karibik folgen mit 34,2 Prozent. Die übrigen Regionen liegen mindestens zehn Prozentpunkte dahinter. Gerade die politische Teilnahme von Frauen gilt dabei auch als besonders starkes Instrument zur Durchsetzung auch von LGBTIQ+-Rechten.
Island belegt Vorreiterrolle
Die Spitzenposition Europas zeigt sich auch beim Vergleich einzelner Länder. Sieben der zehn weltweit am besten bewerteten Volkswirtschaften kommen aus Europa. Seit Einführung des Index entfielen 69 Prozent aller Top-Ten-Platzierungen auf europäische Länder. Island, Finnland, Norwegen und Schweden gehörten in sämtlichen Ausgaben des Index seit 2006 zu den weltweiten Top Ten. In diesem Jahr stehen außerdem das Vereinigte Königreich, Deutschland und Irland in der Spitzengruppe. Deutschland erreicht einen Wert von 81,7 Prozent und liegt weltweit auf Rang neun. An Europas Spitze steht erneut Island.
Das Land hat nach den Berechnungen 93 Prozent seiner Geschlechterlücke geschlossen und ist damit weltweit das einzige Land mit einem Wert von mehr als 90 Prozent. Besonders hoch ist der Wert bei der politischen Mitsprache. Dort erreicht Island 95,4 Prozent. Das Land blickt zugleich auf eine lange Geschichte von Frauen in politischen Spitzenpositionen zurück. 1980 wurde Vigdís Finnbogadóttir als erste Frau der Welt in einer demokratischen Wahl zur Präsidentin eines Landes gewählt, 2009 folgte Jóhanna Sigurðardóttir als isländische Premierministerin, die als weltweit erste offen lesbische Regierungschefin Geschichte schrieb.
EU-Gefälle und LGBTIQ+
Der europäische Spitzenplatz verdeckt allerdings erhebliche Unterschiede innerhalb des Kontinents. Während insbesondere nordeuropäische Länder weit oben stehen, finden sich mehrere Staaten aus Ost- und Südosteuropa am unteren Ende der europäischen Rangliste. Zu den drei europäischen Schlusslichtern zählen die Türkei, Rumänien und Ungarn. Sie liegen jeweils mehr als 20 Prozentpunkte hinter Island. Die Europäische Union versucht mit verschiedenen gesetzlichen Maßnahmen, bestehende Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu verringern. Ein Schwerpunkt liegt auf der Arbeitswelt.
Queere Verbände betonten dabei zuletzt mehrfach, dass Frauenrechte und Gleichberechtigung stets eng mit LGBTIQ+-Rechten verbunden waren und sind, weil beide auf dem Grundsatz beruhen, dass Rechte und gesellschaftliche Chancen nicht vom Geschlecht oder von traditionellen Geschlechterrollen abhängen sollten. Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung können deshalb auch den Schutz von LGBTIQ+-Menschen stärken – und umgekehrt können Regelungen gegen Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität breitere Gleichstellungsstandards festigen.