Schwule Satire mit Spitzen „Jim Queen“ nimmt die Szene aufs Korn
Ein perfekter Körper, Millionen Follower und maximale Begehrtheit: Für Jim Parfait könnte es kaum besser laufen. Doch dann beginnt sein Sixpack zu verschwinden. Für den schwulen Fitness-Influencer ist das erst der Anfang einer noch größeren Katastrophe. Im Animationsfilm „Jim Queen“ breitet sich in Paris eine geheimnisvolle Krankheit aus – und an deren Ende droht ausgerechnet Heterosexualität.
Das Wichtigste im Überblick
- Der französisch-belgische Animationsfilm „Jim Queen“ von Marco Nguyen und Nicolas Athané feierte bei den Filmfestspielen von Cannes seine Premiere.
- Im Mittelpunkt steht Fitness-Influencer Jim Parfait, dessen durchtrainierter Körper und enorme Online-Reichweite sein Selbstbild bestimmen.
- Als plötzlich sein Sixpack verschwindet, erfährt Jim, dass er an der rätselhaften „Heterose“ erkrankt ist.
- Die fiktive Krankheit lässt zunächst den trainierten Körper schwinden – am Ende soll der Betroffene ausschließlich auf Frauen stehen.
- Auf der Suche nach einem Heilmittel muss Jim mit dem ungeouteten Lucien durch unterschiedliche Subkulturen der Pariser Schwulenszene ziehen.
- Der Film macht sich nicht nur über Schönheitsideale und Männlichkeitsbilder lustig, sondern nimmt auch die LGBTIQ+-Community aufs Korn.
Die „Heterose“ droht
Die französisch-belgische Produktion der Regisseure Marco Nguyen und Nicolas Athané macht aus dieser absurden Ausgangslage eine Satire auf schwule Schönheitsideale, Männlichkeitsbilder und die verschiedenen Milieus innerhalb der LGBTIQ+-Community. Der 85-minütige Film aus dem Jahr 2026 war auch bei den Filmfestspielen von Cannes zu sehen. Dabei richtet sich der Humor ausdrücklich nicht nur nach außen. Nguyen und Athané kennen die Codes der schwulen Szene und nutzen sie für zahlreiche Insiderwitze und Überzeichnungen. Selbstironie wird hier groß geschrieben. Schon die Hauptfigur ist bewusst als wandelndes Klischee angelegt.
Jim gehört zu jenen schwulen Männern, für die Fitness weit mehr als ein Hobby ist. Sein Körper ist ein niemals abgeschlossenes Optimierungsprojekt. Bereits sein Vorname spielt auf das englische Wort „gym“ an. Auch der Nachname Parfait – französisch für „perfekt“ – ist Programm. Jim ist besonders muskulös, durchtrainiert und begehrt. Als Fitness-Influencer folgen ihm Abermillionen Menschen rund um den Globus. Umso dramatischer erlebt er die Veränderung, die eines Morgens einsetzt: Sein mühsam antrainiertes Sixpack beginnt zu verschwinden. Jims beste Freundin Nina arbeitet in einem Krankenhaus. Dort erfährt er, was hinter seinem körperlichen Verfall steckt. In Paris grassiert eine ominöse Krankheit: die sogenannte „Heterose“.
Muskelschwund und Frauenlust
Die Diagnose trifft Jim hart. Denn der Verlust seiner Bauchmuskeln ist nach den Regeln des Films nur das erste Symptom. Mit fortschreitender „Heterose“ bildet sich zunächst der athletische Körper zurück. Später soll der Erkrankte sogar verstehen, was „Abseits“ bedeutet. Im Endstadium folgt schließlich das für Jim denkbar schlimmste Szenario: Er steht nur noch auf Frauen. Aus der umgedrehten Vorstellung von Heterosexualität als bedrohlicher Krankheit entwickelt „Jim Queen“ seine zentrale satirische Idee. Die Regisseure belassen es allerdings nicht bei diesem Rollentausch, sondern schicken ihren Protagonisten anschließend auf eine Reise durch die schwule Szene von Paris. Jim erfährt von einem Arzt, der angeblich ein Heilmittel gegen die „Heterose“ herstellen kann. Doch dafür fehlt eine letzte Zutat.
Ein Nerd soll Jim retten
Diese Zutat kann nur Nerd Lucien liefern. Warum gerade er für das Heilmittel entscheidend ist, erfahren Jim und Lucien selbst erst gegen Ende ihrer Suche. Lucien könnte dabei kaum stärker von Jim abweichen. Er ist jung und schmächtig – und hat sich bislang nicht geoutet. Gleichzeitig ist er selbst ein Fan des berühmten Fitness-Influencers. Aus der Ferne schwärmt er für den muskulösen und demonstrativ maskulinen Jim Parfait. Ausgerechnet diese beiden unterschiedlichen Männer müssen sich nun gemeinsam durch Paris schlagen, um den gesuchten Arzt und damit eine mögliche Rettung für Jim zu finden. Ihre Reise führt sie durch verschiedene Subkulturen der schwulen Community. Dabei begegnen ihnen unter anderem „Bären“ und „Sniffer“.
Satire auf die Community
Die einzelnen Gruppen dienen dem Film nicht allein als Vorlage für Gags. „Jim Queen“ beschäftigt sich zugleich damit, wie unterschiedlich die einzelnen Teile einer vermeintlich gemeinsamen Community miteinander umgehen – und wie stark Abgrenzung und Hierarchien auch innerhalb der LGBTIQ+-Szene ausgeprägt sein können.Dragqueen Glamydia bringt diesen Widerspruch im Film auf den Punkt: Bei LGBTIQ+ höre sich alles nach Gemeinschaft und gegenseitigem Verständnis an. Tatsächlich blieben die einzelnen Gruppen jedoch häufig lieber unter sich – insbesondere das „G“, also schwule Männer. Und selbst innerhalb der schwulen Community sind Hierarchien demnach omnipräsent.
Heilender Sex
Die gemeinsame Reise mit Lucien zwingt Jim dabei nicht nur dazu, eine Lösung für seine „Heterose“ zu finden. Sie konfrontiert ihn auch mit seiner eigenen Haltung gegenüber anderen schwulen Männern. Der ungeoutete und körperlich deutlich weniger imposante Lucien steht damit nicht nur im optischen Gegensatz zum Fitness-Star. An seiner Seite muss Jim nach und nach lernen, seine eigene Position innerhalb der Szene und seinen Blick auf andere zu hinterfragen.
So verbindet der Film seine überdrehte Krankheitsgeschichte mit einer Auseinandersetzung über Körperkult, Begehrenshierarchien, Männlichkeitsvorstellungen und die Abgrenzung verschiedener Gruppen innerhalb der Community. Dass „Jim Queen“ dabei seine schwulen Figuren und ihre Eigenheiten genüsslich überzeichnet, gehört zum Konzept. Nguyen und Athané behandeln ihre Community nicht als einen einheitlichen Block, sondern machen gerade deren Widersprüche zum Gegenstand der Komödie. Und auch die zentrale Idee der „Heterose“ bekommt am Ende noch eine entscheidende Wendung. Die Pointe dreht ein lange verbreitetes Motiv rund um Sexualität und Krankheit vollständig um: Diesmal ist es nicht der Sex, der krank macht. Es ist der Sex, der heilt. Ab heute ist „Jim Queen“ bundesweit im Kino.