Direkt zum Inhalt

Gewalt unter Frauen Lesbische Opfer finden kaum Hilfe

Von ms - 24.09.2026 - 13:30 Uhr
Gewalt unter Frauen
Foto: iStock / kieferpix
ANZEIGE
Loading audio player...

Häusliche und partnerschaftliche Gewalt kommt auch in lesbischen Beziehungen vor, wird aber laut Experten häufig übersehen. Eine neue internationale Forschungsübersicht kam jetzt zu dem Ergebnis, dass die Häufigkeit von Gewalt in lesbischen Beziehungen mit jener in heterosexuellen Partnerschaften vergleichbar ist oder sogar noch darüber liege. Demnach haben bis zu 46 Prozent der Lesben solche Gewalt erlebt, gegenüber 36 Prozent der heterosexuellen Frauen. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Studien zufolge sind lesbische Frauen in erheblichem Maße von Gewalt in Partnerschaften betroffen.
  • Fachleute warnen, dass die Vorstellung von häuslicher Gewalt als ausschließlich männlicher Gewalt gegen Frauen gleichgeschlechtliche Beziehungen ausblendet.
  • Betroffene berichten von Scham, fehlender Unterstützung und der Sorge, wegen ihrer sexuellen Orientierung zusätzlich stigmatisiert zu werden.
  • Bei Polizei, Beratungsstellen und Frauenhäusern gibt es Fachleuten zufolge Lücken im Umgang mit homosexuellen Betroffenen.
  • Gefordert werden mehr Forschung sowie LGBTIQ+-Schulungen für Polizei und Beschäftigte von Hilfseinrichtungen.

Vorurteile machen unsichtbar 

Ein Problem sind Fachleuten zufolge hartnäckige Vorstellungen darüber, wie häusliche Gewalt aussieht. Tori Stranges, Professorin für Frauenforschung an der University of British Columbia, verweist auf die verbreitete Annahme, Gewalt in Beziehungen werde grundsätzlich von Männern gegen Frauen ausgeübt. Diese Vorstellung habe „queere Menschen aus der Diskussion ausgeschlossen“, sagt Stranges. „Queere Menschen beteiligen sich an der Diskussion und sagen: ‚Das passiert auch in unseren Communitys, und wir brauchen dieselben Ressourcen und Unterstützungsangebote, die heterosexuellen Frauen zur Verfügung stehen.‘“  Zudem: Die Gewalt zu erkennen, fällt vielen betroffenen Lesben schwer. Auf Übergriffe kommen außerdem oftmals immer wieder Entschuldigungen und liebevolle Phasen. „Diese Art von Kreislauf kann wirklich süchtig machen“, so die Expertin weiter. 

Mit Messern durch das Haus verfolgt

K.P., eine 47-jährige Lesbe aus Maine, berichtet im Bericht der Forscher von schwerer Gewalt. Fünf Jahre war sie mit ihrer Ex-Freundin zusammen, bevor sie die Beziehung 2023 beendete. Nach ihren Angaben entwickelte sich verbaler Missbrauch schließlich zu körperlicher Gewalt. Bei einem Vorfall habe ihre damalige Partnerin zwei Messer aus der Küche geholt und sei damit auf sie zugegangen. K.P. flüchtete nach draußen, wurde aber verfolgt. Zurück im Haus habe die Partnerin ihr Telefon versteckt. Über ihren Arbeitscomputer gelang es K.P., einen Kollegen zu bitten, die Polizei zu verständigen.

„Ich war verwirrt und hatte Angst“, sagt sie. „Noch nie zuvor hatte mich jemand mit einem Messer verfolgt – schon gar nicht jemand, der mir etwas bedeutete.“ Nach der Trennung habe sie lange mit den Folgen gekämpft. „Es hat gut sechs oder acht Monate gedauert, bis ich das Gefühl hatte, wieder atmen zu können.“ Untersuchungen bringen Gewalt in Partnerschaften unter anderem mit einem Anstieg von Depressionen, Angststörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen in Verbindung. 

Für homosexuelle Betroffene kann neben der Gewalt eine weitere Belastung hinzukommen: die Angst vor Stigmatisierung wegen ihrer sexuellen Orientierung. Die Psychologin Letícia Yuki de Araujo Furukawa spricht von einer Art „doppeltem Schrank“ – dem Verstecken der lesbischen Identität auf der einen und der gewalttätigen Beziehung auf der anderen Seite. Betroffene haben mitunter auch Angst davor, dass selbst Familien und Freunde lesbische Beziehungen in Frage stellen, wenn sie von der Gewalt erfahren. 

Lücken im Hilfesystem

Probleme bestehen nach Einschätzung von Fachleuten auch bei Polizei, Beratungsangeboten und Frauenhäusern. Kimberley Jackson von der Western University spricht von „enormen Lücken bei Politik, Versorgung und Angeboten“. Bei Frauenhäusern sei man „wirklich noch nicht besonders weit gekommen“. Eine besondere Schwierigkeit kann darin bestehen, dass bei Gewalt zwischen zwei Frauen sowohl das Opfer als auch die Täterin grundsätzlich Zugang zu derselben Einrichtung haben könnten. In ländlichen Regionen mit nur einem Frauenhaus könne sich dieses Problem verschärfen. Zudem könne die Angst vor einem unfreiwilligen Outing Betroffene davon abhalten, überhaupt Hilfe zu suchen. 

Auch die Polizei sei nicht überall ausreichend vorbereitet. Greg Miraglia von der Organisation Out to Protect sagt, in den meisten US-Bundesstaaten seien Schulungen zur Sensibilisierung für LGBTIQ+-Themen nicht vorgeschrieben. Bei mehr als 18.000 Strafverfolgungsbehörden habe man „bisher auch nur an der Oberfläche gekratzt“. Ohne entsprechende Ausbildung könnten Beamte bei einem Einsatz zu einem gleichgeschlechtlichen Paar mit stereotypen Vorstellungen an die Situation herangehen. Dadurch werde möglicherweise nicht erkannt, „dass es sich um ein Paar in einer intimen Beziehung handelt und deshalb die Gesetze des jeweiligen Bundesstaates zu häuslicher Gewalt Anwendung finden“. 

Forderung nach Schulungen 

Fachleute und Betroffene fordern deshalb mehr LGBTIQ+-Schulungen für Polizei und Beschäftigte von Frauenhäusern sowie zusätzliche Forschung zu Gewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Rebecca Hobbs vom Hilfszentrum Through These Doors in Maine hält bereits eine sichtbare Ansprache homosexueller Menschen für entscheidend. „Homosexuelle Menschen werden nicht zu uns kommen, wenn sie sich in unseren Materialien nicht wiederfinden“, sagt Hobbs. Berater müssten die zusätzlichen Hürden verstehen, denen LGBTIQ+-Betroffene begegnen können. 

Anzeige

Auch Interessant

70 Jahre Fernsehwerbung

Als schwule Paare sichtbar wurden

Seit 1956 prägt Fernsehwerbung den Alltag in Deutschland. Auch die Darstellung homosexueller und queerer Menschen hat sich grundlegend verändert.
Stier verliebt in Esel?

Viel Sex auf der Weide

Ein Stier und ein Eselhengst sorgen in Äthiopien für Aufsehen: Forscher dokumentieren eine ungewöhnlich enge Beziehung zwischen den Tieren.
Lambda beendet Beratung

Nach über 30 Jahren ist Schluss

Der Jugendverband Lambda stellt seine bundesweite Beratung Ende 2026 ein. Trotz steigenden Hilfebedarfs fehlt künftig das Geld.
Appell an queere Menschen

LGBTIQ+-Briten verlieren Hoffnung

Eine neue Stonewall-Studie zeigt wachsende Ängste unter queeren Menschen in Großbritannien. Verbandschef Simon Blake fordert einen sachlicheren Dialog
Behördenwillkür in Russland

Regenbogenflagge wird zur Falle

In Russland werden Menschen wegen Regenbogenflaggen bestraft – selbst wenn sie damit gegen LGBTIQ+-Rechte protestieren wollen.
Pride in Johannesburg

Bunte Parade für gleiche Rechte

Mit Musik, Regenbogenflaggen und politischen Botschaften feiern Tausende Menschen in Johannesburg für Freiheit und LGBTIQ+-Rechte.
Ein Kind mit zwei Müttern?

Forschung eröffnet neue Wege

Könnten zwei Frauen künftig ein gemeinsames biologisches Kind bekommen? Neue Forschungen machen Hoffnung, doch es bestehen erhebliche Hürden.
Polizeidruck in China

Angriff auf LGBTIQ+-Kultur

Das Beijing Queer Film Festival fällt nach massiven Polizeidruck aus. Menschenrechtler warnen vor zunehmender Zensur in China.
LGBTIQ+-Wissen unter Druck

Wikipedia und die Community

Mehr als 150 Menschen aus aller Welt haben sich in Kanada getroffen, um die Geschichte und Kultur von LGBTIQ+-Menschen auf Wikipedia zu bewahren.