Mehr als Dating? Vom schwulen Date zur Gesundheits-App?
Für Millionen schwuler und bisexueller Männer ist Grindr längst Teil des Alltags. Doch nach den Vorstellungen von Unternehmenschef George Arison soll die App künftig deutlich mehr sein als eine Plattform für die Suche nach Dates. Seine langfristige Vision beschreibt er als „Gayborhood in your pocket“ – ein schwules Viertel für die Hosentasche.
Das Wichtigste im Überblick
- Grindr-Chef George Arison will die App zu einem digitalen „Gayborhood“ für schwule und bisexuelle Männer ausbauen.
- Neben Dating sollen künftig vor allem Gesundheit und Reisen wichtige Geschäftsfelder werden.
- Über Woodwork bietet Grindr bereits Gesundheitsprodukte an, darunter Medikamente gegen Erektionsstörungen, Schlankheitsmittel und Fitness-Hormone.
- Beim Thema HIV will das Unternehmen zehn Millionen Menschen einen direkten Zugang zu Informationen über PrEP ermöglichen.
- Langfristig kann sich Arison auch telemedizinische Angebote mit schwulen Ärzten vorstellen.
- In zehn Jahren könnte das Gesundheitsgeschäft nach seinen Vorstellungen sogar mehr Umsatz bringen als das heutige Kerngeschäft.
- Derzeit stammen rund 83 Prozent des Umsatzes aus Abonnements.
- Für 2026 erwartet Grindr mindestens 540 Millionen Dollar Umsatz – deutlich mehr als die 195 Millionen Dollar im Jahr 2022.
- Auch beim Dating soll künstliche Intelligenz helfen, passende Männer über größere Entfernungen hinweg zusammenzubringen.
Digitale Anlaufstelle
Das Konzept erinnert an die Idee einer sogenannten „Everything App“: Grindr soll demnach nicht nur dann geöffnet werden, wenn Nutzer einen anderen Mann kennenlernen möchten. Auch bei Reisen, Fragen zur Gesundheit oder der Suche nach bestimmten medizinischen Angeboten könnte die Anwendung künftig eine Rolle spielen. Erste Ansätze dafür gibt es bereits. Unter der Marke Woodwork verkauft Grindr Gesundheitsprodukte. Dazu gehören Medikamente gegen Erektionsstörungen, Schlankheitsmittel und Fitness-Hormone. Ein KI-Chatbot ermöglicht inzwischen sogar, den gesamten Vorgang innerhalb der Grindr-App abzuwickeln.
PrEP-Angebot soll wachsen
Ein wichtiger Bereich der geplanten Expansion ist die HIV-Prävention. Grindr will nach eigenen Angaben zehn Millionen Menschen einen direkten Zugang zu Informationen darüber ermöglichen, wo sie PrEP erhalten können. In den USA sind entsprechende Informationen bereits über das integrierte Gesundheitszentrum der App abrufbar. Dieses Angebot soll künftig auch auf andere Länder ausgeweitet werden. Arison denkt darüber hinaus über weitere medizinische Dienstleistungen nach. Denkbar sei beispielsweise, Nutzer über Telemedizin mit schwulen Ärzten zu verbinden. Das könnte insbesondere für Männer interessant sein, die an ihrem Wohnort keinen schwulenfreundlichen Arzt kennen.
Noch ist dieses Konzept allerdings nicht umgesetzt. „Das ist nichts, was wir heute aufbauen“, sagte Arison gegenüber TechCrunch. Seine langfristigen Erwartungen sind dennoch weitreichend: In zehn Jahren könne Grindr nach seiner Einschätzung im Gesundheitsbereich mehr Umsatz erzielen als mit dem derzeitigen Kerngeschäft. Aktuell ist davon noch wenig zu sehen. Rund 83 Prozent der Einnahmen erzielt Grindr mit Abonnements. Werbung und andere Bereiche, darunter das Gesundheitsgeschäft, machen bislang nur einen vergleichsweise kleinen Teil des Umsatzes aus.
Reisen soll wichtiger werden
Ein zweites Feld, in dem Grindr wachsen will, ist der Tourismus. Dass Nutzer die App auf Reisen verwenden, ist für das Unternehmen naheliegend: Wer in einer fremden Stadt ankommt, kann über Grindr nicht nur andere Männer kennenlernen, sondern zugleich einen Eindruck von der dortigen Community bekommen. Diese bereits vorhandene Nutzung möchte das Unternehmen offenbar stärker zu einem Geschäftsmodell ausbauen. Arisons langfristige Vorstellung sieht vier zentrale Standbeine vor: Abonnements, Werbung, Gesundheit und Reisen. Gesundheit und Reisen befinden sich seinen Angaben zufolge allerdings noch in einer frühen Entwicklungsphase.
Hinter dem Umbau steht auch ein wirtschaftliches Ziel. Als Arison 2022 die Führung bei Grindr übernahm, lag der Umsatz des Unternehmens bei 195 Millionen Dollar (167,5 Millionen Euro). Für 2026 rechnet Grindr mit mindestens 540 Millionen Dollar (464 Millionen Euro). Das Wachstum beruht dabei nicht in erster Linie auf einer stark steigenden Zahl neuer Nutzer. Entscheidend ist vielmehr, dass Grindr mit seinen bestehenden Nutzern mehr Umsatz erzielt. Nach Angaben Arisons ist der Anteil der zahlenden Nutzer von weniger als sechs Prozent auf mehr als neun Prozent gestiegen. Gleichzeitig habe sich der durchschnittliche Umsatz je Nutzer nahezu verdoppelt.
Neuer Fokus auf Beziehungen
Auch das ursprüngliche Geschäftsfeld der App will Arison weiterentwickeln. Dabei geht es nicht nur darum, die Suche nach einem Date zu erleichtern. Der Grindr-Chef verweist auf veränderte Vorstellungen jüngerer schwuler Männer. Demnach wünschen sich etwa 50 Prozent der schwulen Männer unter 35 Jahren eine langfristige monogame Beziehung. Rund ein Viertel möchte Kinder. Künstliche Intelligenz könnte deshalb künftig eine größere Rolle bei der Partnersuche spielen. Statt Nutzern ausschließlich Männer aus der unmittelbaren Umgebung vorzuschlagen, könnte Grindr beispielsweise auch jemanden in einer anderen Stadt empfehlen, der besonders gut zu den eigenen Vorstellungen passt.
Hinter dieser Idee steht ein Problem, das Arison speziell für schwule Männer sieht: Selbst in Städten mit einer großen homosexuellen Community ist die Zahl potenzieller Partner deutlich kleiner als bei heterosexuellen Menschen. Grindr könnte seine große Reichweite und die vorhandenen Daten nutzen, um diese geografischen Grenzen teilweise aufzuheben. Aus der Dating-App soll so langfristig ein umfassender digitaler Treffpunkt für die schwule Community werden. Das klassische Geschäftsmodell bleibt dabei vorerst die wichtigste Einnahmequelle. Nutzer zahlen derzeit vor allem dafür, dass Grindr die Suche nach anderen Männern mit zusätzlichen Funktionen und weniger Einschränkungen ermöglicht. Ob der Ausbau hin zu einer „All-In-One“-App den bisherigen Nutzern dann zusagt, bleibt abzuwarten.