Anti-Gender-Bewegung in Europa Neue Studie warnt vor wachsendem Einfluss
Kein Land in Europa ist nach einer neuen Untersuchung mehr von der Anti-Gender-Bewegung unberührt. Ihr Einfluss habe in den vergangenen 25 Jahren kontinuierlich zugenommen, heißt es in einer heute veröffentlichten neuen Studie der europäischen queeren Organisation Forbidden Colours.
Das Wichtigste im Überblick
- Eine neue Studie von Forbidden Colours kommt zu dem Ergebnis, dass die Anti-Gender-Bewegung inzwischen alle 47 untersuchten Länder Europas erfasst hat.
- Besonders stark verbreitet ist sie neben Russland, Georgien, Ungarn, Aserbaidschan und der Türkei auch in Italien, Spanien, Rumänien und Großbritannien.
- Die Bewegung habe sich von zivilgesellschaftlichen Gruppen zunehmend in Parlamente und Regierungen verlagert.
- In den vergangenen fünf Jahren wurden laut Studie mehr Maßnahmen gegen LGBTIQ+-Rechte und Abtreibungen von Anti-Gender-Akteuren selbst initiiert.
- Die Autoren warnen vor Folgen für LGBTIQ+-Rechte, reproduktive Rechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.
- Grundlage der Untersuchung sind mehr als 3.200 einzeln belegte Aktivitäten und Akteure aus 47 Ländern.
Europaweite Verbreitung
Der Bericht „The Hate Review“ untersuchte die Entwicklung der Bewegung in den 46 Mitgliedstaaten des Europarats sowie in Russland von Mitte der 1990er-Jahre bis Mai 2026. Für den jüngsten Fünfjahreszeitraum von 2021 bis 2025 kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass keines der 47 Länder mehr in der niedrigsten Kategorie der sogenannten Anti-Gender-Kontamination liegt. Damit beschreibt die Untersuchung die Verbreitung von Anti-Gender-Akteuren, Mobilisierung und entsprechenden Narrativen in einer Gesellschaft.
Unter der Anti-Gender-Bewegung versteht der Bericht sämtliche Akteure, die Aktivitäten zur Einschränkung oder zum Angriff auf reproduktive Rechte und die Rechte von Menschen aus der LGBTIQ+-Community betreiben. Dazu zählt die Studie unter anderem religiöse Institutionen, politische Parteien, Thinktanks, Organisationen für strategische Klagen, Elterninitiativen, zivilgesellschaftliche Organisationen, Straßenbewegungen und Medien. Die verschiedenen Akteure würden sich nicht immer gegenseitig als Verbündete betrachten. Dennoch handelten sie wiederholt und in unterschiedlichen nationalen Zusammenhängen gegen dieselben Ziele. Grundlage der Untersuchung ist ein eigens erstellter Datensatz mit mehr als 3.200 einzeln belegten Aktivitäten und Akteuren.
West- und Südeuropa stark betroffen
Besonders auffällig sei, wo sich die Bewegung inzwischen ausgebreitet habe. Neben Ländern, in denen Anti-Gender-Akteure staatliche Strukturen erfasst hätten – darunter Russland, Georgien, Ungarn, Aserbaidschan und die Türkei – gehörten 2025 auch Italien, Spanien, Rumänien und das Vereinigte Königreich zu den Ländern mit der stärksten Ausprägung. Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Slowenien und Portugal folgten dahinter. West- und Südeuropa seien damit entgegen einer verbreiteten Vorstellung keine Zuschauer eines Phänomens, das sich vor allem in Mittel- und Osteuropa abspiele, heißt es in der Studie. Vielmehr gehörten sie zu dessen wichtigsten Schauplätzen.
Die Untersuchung führt diese Entwicklung auf die rechtlichen Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte zurück. Gerade diese Fortschritte bei LGBTIQ+- und reproduktiven Rechten hätten die Anti-Gender-Bewegung mobilisiert und ihr Wachstum begünstigt. „Seit dem Jahr 2000 hat die Welle des Fortschritts bei den Rechten von LGBTIQ+-Menschen und bei den reproduktiven Rechten in Europa eine Gegenwelle verdeckt – eine Anti-Gender-Bewegung, die sich gegen jeden einzelnen dieser Fortschritte organisiert hat. Diese Bewegung ist inzwischen stark genug, weiteren Fortschritt zu blockieren und bereits Erreichtes wieder rückgängig zu machen“, sagte Studienautor Vincent Reillon. „The Hate Review zeigt, wie diese Bewegung von Land zu Land gewachsen ist und wie das, was wie 47 nationale Geschichten aussieht, tatsächlich eine miteinander verbundene europäische Bewegung ist.“
Bewegung verlagert sich in die Politik
Nach Darstellung der Studie hat sich auch die Zusammensetzung der Bewegung verändert. In den 2000er- und frühen 2010er-Jahren entstand demnach zunehmend eine zivilgesellschaftliche Infrastruktur aus Thinktanks, Medien und Elterninitiativen. Koordinierende Bündnisse wie La Manif pour tous, das 2012 in Frankreich gegründet wurde, spielten dabei eine Rolle. Seit 2016 sei die Agenda zunehmend in die institutionelle Politik vorgedrungen. Rund 52 Anti-Gender-Parteien seien in 32 Ländern gegründet worden, überwiegend rechtsextreme sowie nationalistisch-populistische Formationen. In den vergangenen zehn Jahren habe sich die Bewegung damit von den Straßen in Parlamente, Regierungskoalitionen und in einigen Staaten bis zur Regierung selbst bewegt.
Auch die Wirkung habe sich verändert. Vor 20 Jahren habe die Anti-Gender-Bewegung bei weniger als 30 Prozent der in der Studie erfassten Auseinandersetzungen Erfolg gehabt. Im jüngsten Untersuchungszeitraum liege die Erfolgsquote bei mehr als 50 Prozent. Erstmals sei das häufigste Ergebnis des Widerstands gegen progressive Vorhaben, dass eine entsprechende Maßnahme verhindert werde, statt verabschiedet zu werden. Zudem reagiere die Bewegung nicht mehr lediglich auf politische Vorhaben. In den vergangenen fünf Jahren seien die von ihr selbst eingebrachten Maßnahmen gegen LGBTIQ+-Rechte oder gegen Abtreibungen in nahezu allen Ländern zur größten einzelnen Kategorie im Datensatz geworden.
Mehrheit der Gesetze zurückgewiesen
Parlamente hätten solche Vorhaben bislang allerdings überwiegend zurückgewiesen: Zwei von drei Anti-Gender-Gesetzentwürfen würden weiterhin abgelehnt oder zurückgezogen. Über den Weg der Exekutive sei die Bewegung dagegen deutlich erfolgreicher. Umgesetzte Anti-LGBTIQ+-Verordnungen seien zuletzt fünfmal so häufig gewesen wie verabschiedete Anti-Gender-Gesetze. „Vor diesem Hintergrund zeigt The Hate Review, dass ein progressiver Rechtsrahmen keinen Schutz darstellt“, sagte Reillon. „Gesetze können angegriffen und zurückgenommen werden, und in mehreren der von uns untersuchten Länder ist das bereits geschehen. Was ein Land schützt, ist nicht eine gute Gesetzgebung, sondern das Fehlen einer Anti-Gender-Bewegung, die in der Lage ist, diese wieder abzubauen.“
Einfluss geht nicht zurück
Einmal etablierte Anti-Gender-Strukturen würden sich nur schwer wieder zurückdrängen lassen, lautet eine weitere zentrale Erkenntnis der Untersuchung. Über den gesamten Zeitraum von 25 Jahren habe keines der 47 Länder insgesamt einen Rückgang der Anti-Gender-Kontamination verzeichnet. Polen sei bislang das einzige Land, das die höchste Kategorie der staatlichen Vereinnahmung wieder verlassen habe. Hintergrund sei der Regierungswechsel 2023. Der Einfluss der Bewegung auf Gesetze und Institutionen habe sich dort jedoch kaum verändert. Gleichzeitig werde der Raum für gesellschaftlichen Widerstand kleiner. Der Zusammenhang zwischen dem Einfluss der Anti-Gender-Bewegung und Einschränkungen des zivilgesellschaftlichen Handlungsspielraums habe sich laut Studie von nahezu null zu Beginn des Untersuchungszeitraums zu einer starken Korrelation entwickelt.
Für feministische und LGBTIQ+-Organisationen werde es damit schwieriger, den Einfluss der Bewegung zurückzudrängen, wenn diese in einem Land stärker geworden sei.„Die Anti-Gender-Bewegung ist längst nicht mehr nur eine Bedrohung für LGBTIQ+-Menschen, Frauen und reproduktive Rechte“, sagte Reillon. „Je stärker sich die Anti-Gender-Bewegung verankert, desto mehr baut sie unabhängige Medien, bürgerschaftliche Freiheiten und Kontrollmechanismen gegenüber der Macht ab – genau jene Strukturen, über die ihr entgegengetreten werden könnte. Sie ist zu einer Bedrohung für die europäische Demokratie und den Rechtsstaat geworden.“ Die Autoren kommen deshalb zu dem Schluss, dass es nicht ausreiche, jedes einzelne restriktive Gesetzesvorhaben zu bekämpfen. Die Strukturen, die solche Vorhaben hervorbrächten, blieben dadurch unangetastet und könnten sich immer wieder neu formieren. Eine dauerhafte Reaktion müsse deshalb frühzeitig in Ländern ansetzen, in denen die Anti-Gender-Kontamination bereits hoch, ihr konkreter Einfluss aber noch gering sei. Zugleich sei eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit gegen eine Bewegung notwendig, die bereits europaweit agiere.
Über 3.200 dokumentierte Aktivitäten
Die Studie umfasst 47 Länder – die 46 Mitgliedstaaten des Europarats und Russland. Grundlage sind mehr als 3.200 einzeln belegte Elemente, also zeitlich erfasste Aktivitäten der Anti-Gender-Bewegung. Mehr als 2.500 davon dokumentieren konkrete Aktionen, mehr als 700 die dahinterstehenden Organisationen, Netzwerke und Einzelpersonen. Der Bericht untersuchte ausdrücklich die Anti-Gender-Bewegung und nicht den allgemeinen Stand der Rechte von LGBTIQ+-Menschen. Die Bewertung eines Landes bezieht sich laut den Autoren darauf, was Anti-Gender-Akteure dort aufgebaut und erreicht haben. Sie sagt demnach nichts darüber aus, wie angemessen die geltenden Gesetze oder die Reaktion der jeweiligen Regierung sind.