Ängste von LGBTIQ+-Senioren „Die Menschen vergessen, dass es uns gibt!“
Für viele ältere LGBTIQ+-Menschen ist die eigene Identität auch im hohen Alter ein sensibles Thema. Sie fürchten, in Pflegeeinrichtungen nicht akzeptiert zu werden oder ihre sexuelle Orientierung verbergen zu müssen, so das Fazit einer neuen Studie aus Großbritannien.
Das Wichtigste im Überblick
- Die Zahl der über 50-Jährigen in Großbritannien, die sich als lesbisch, schwul oder bisexuell identifizieren, ist zwischen 2019 und 2024 um etwa ein Drittel gestiegen. Insgesamt rund 460.000 Menschen.
- Ältere homosexuelle Menschen berichten von sozialer Isolation, finanziellen Problemen und Sorgen vor Diskriminierung im Gesundheits- und Pflegebereich.
- Manche verbergen ihre sexuelle Orientierung aus Angst vor Homophobie.
- In Manchester soll mit Kindred House ein Wohnprojekt für LGBTIQ+-Menschen ab 55 Jahren entstehen.
- Auch das Londoner Projekt Tonic bietet bereits Wohnungen für ältere LGBTIQ+-Menschen.
- Experten warnen, dass der Bedarf an spezialisierten Angeboten schneller wachsen könnte als das Angebot.
Unsichtbar im Alter?
Die 75-jährige lesbische Mindy Meleyal hat wichtige Etappen der modernen LGBTIQ+-Rechtsbewegung erlebt – von der beginnenden Entkriminalisierung homosexueller Beziehungen 1967 bis zur Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe 2014 in Großbritannien. Heute sagt sie, dass dieser Teil ihrer Identität aufgrund ihres Alters häufig übersehen werde. Meleyal gehört zur älteren homosexuellen Community in England. Ein Bericht des Centre for Ageing Better kommt zu dem Ergebnis, dass ältere LGBTIQ+-Menschen häufiger gesundheitliche Probleme, eingeschränktere finanzielle Möglichkeiten und größere soziale Isolation erleben als die ältere Bevölkerung insgesamt. „Die Menschen vergessen, dass es uns gibt!“, so Meleyal. Ohne spezielle Unterstützung könnten Betroffene zudem beim Zugang zu Pflege und Betreuung möglicherweise wieder „in den Schrank“ gedrängt werden, heißt es in dem Bericht – also erneut ihre Sexualität verstecken müssen. Aus Angst vor Homophobie könnten manche sogar notwendige Hilfe hinauszögern.
Hochzeitsfotos werden versteckt
Adam Preston, Manager für Wohnraumentwicklung bei der Hilfsorganisation LGBT Foundation, erlebt solche Situationen nach eigenen Angaben regelmäßig. „Es kommt sehr häufig vor, dass Menschen Dinge verbergen, wenn beispielsweise eine Pflegekraft zu ihnen nach Hause kommt. Sie verstecken dann etwa ihre Hochzeitsfotos oder nehmen eine Regenbogenflagge ab.“ Wenn jemand in eine Pflegeeinrichtung umziehe, könne dies bedeuten, die eigene Identität im eigenen Zuhause zu verbergen – möglicherweise für den Rest des Lebens. Preston berichtet von Geschichten älterer LGBTIQ+-Menschen, die ihn „entsetzt“ hätten. Darunter seien auch Fälle gewesen, in denen Pflegekräfte angeboten hätten, für die Betroffenen und deren Sexualität zu „beten“.
Neues Wohnprojekt in Manchester
Preston gehört zum Team hinter Kindred House, einem speziellen Wohnprojekt für LGBTIQ+-Menschen ab 55 Jahren. Die Einrichtung soll im kommenden Jahr in Manchester eröffnet werden. Das gemeinsam mit der örtlichen Stadtverwaltung entwickelte Projekt soll 80 eigenständige Wohnungen und Gemeinschaftsbereiche umfassen. Diese sollen auch der örtlichen Bevölkerung offenstehen. Die Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner soll LGBTIQ+ sein.
Kindred House ist als sogenanntes Extra-Care-Housing geplant. Die Bewohner sollen selbstständig leben, zugleich aber bei Bedarf rund um die Uhr Unterstützung durch ein Betreuungsteam erhalten. Alle Mitarbeiter sollen speziell für den Umgang mit LGBTIQ+-Menschen geschult werden. Preston hofft, dass das Projekt „einige Gespräche anstoßen“ wird – darüber, wie ältere LGBTIQ+-Menschen bei den besonderen Herausforderungen des Alters besser unterstützt werden können.
Stereotypen im Kopf
Mindy und ihre Frau Linda sind seit mehr als 30 Jahren zusammen. Dennoch werden sie laut Mindy häufig für Schwestern gehalten. „Sie ist deutlich größer als ich, ich habe einen Yorkshire-Akzent und sie einen nordirischen Akzent. Ich denke, es ist ziemlich offensichtlich, dass wir nicht im selben Haus aufgewachsen sind.“ Mindy führt solche Situationen auch darauf zurück, dass Menschen wegen ihres Alters automatisch davon ausgingen, sie sei heterosexuell. „In jeder Altersgruppe gibt es unterschiedliche Gruppen von Menschen. Aber wenn man älter wird, beginnen die Menschen, einen mit anderen Stereotypen in einen Topf zu werfen.“
Nach der Scheidung von ihrem Ehemann hatte sich Mindy als lesbisch geoutet. Anschließend gründete sie in Hull eine lesbische Kommune mit, bevor sie nach Manchester zog. Einmal, als Mindy nach einem Schlaganfall im Krankenhaus lag, bezeichnete eine Pflegekraft Linda als Mindys Ehemann. Mindy empfand dies nicht nur als „beleidigend“, sondern fragte sich auch, welche Ausbildung das Personal erhalten hatte, wie sie gegenüber BBC erklärte.
Jahrzehntelange Diskriminierung
Der Bericht „Spotlight on Ageing“ des Centre for Ageing Better warnt, dass solche Erfahrungen auch Auswirkungen auf die Unterstützung haben können, die ältere LGBTIQ+-Menschen erhalten. Sarah Wilkinson, Managerin für Forschung und Analyse beim Centre for Ageing Better, spricht von einer zusätzlichen Belastung. Nach einem „Leben voller Homophobie“ müssten ältere homosexuelle Menschen heute mit der „zusätzlichen und sich überschneidenden Herausforderung der Altersdiskriminierung“ umgehen. Laut Bericht haben ältere LGBTIQ+-Menschen seltener Kinder. Ein Mensch, der 1950 geboren wurde, war demnach bereits in seinen 50ern, als gleichgeschlechtliche Paare in Großbritannien rechtmäßig Kinder adoptieren konnten. Zudem seien ältere homosexuelle Menschen häufiger von ihren Familien entfremdet als heterosexuelle Menschen.
Mehr als die Hälfte der schwulen und bisexuellen Männer ab 65 Jahren lebt dem Bericht zufolge allein. Bei heterosexuellen Männern derselben Altersgruppe ist es weniger als ein Viertel. Bisexuelle Frauen zwischen 50 und 64 Jahren leben demnach doppelt so häufig allein wie heterosexuelle Frauen gleichen Alters. Auch bei der Frage nach Unterstützung zeigen sich Unterschiede: Nur die Hälfte der schwulen und bisexuellen Männer ab 50 Jahren stimmt dem Bericht zufolge eindeutig zu, dass sie im Bedarfsfall jemanden hätten, der ihnen hilft. Bei heterosexuellen Männern derselben Altersgruppe liegt der Anteil 14 Prozentpunkte höher.
Wahlfamilien sind wichtig
Norman Goodman ist 75 Jahre alt. Er outete sich Ende 60 als bisexuell, nachdem seine Frau Marilyn gestorben war. Das Paar hatte keine Kinder. Norman hat inzwischen keine unmittelbaren Familienangehörigen in der Nähe, die ihm beispielsweise bei Krankenhausbesuchen oder im Haushalt helfen könnten. Unterstützung erhält er von seinem Partner Tony sowie von Freunden und Nachbarn, die er als seine „gewählte Familie“ bezeichnet. „Ich habe Glück. Ich habe großartige Freunde und großartige Nachbarn, und ich weiß, dass ich Tag und Nacht an die Tür von jemandem klopfen kann und Hilfe bekommen würde.“
Trotz dieses Netzwerks macht sich Goodman Gedanken über die Zukunft und mögliche Diskriminierung, sollte er im Alter stärker auf professionelle Betreuung angewiesen sein. „Hoffentlich kann ich mich so gut wie möglich selbst versorgen und auf mich achten. Aber ich habe Horrorgeschichten darüber gehört, wie schwule Männer in Pflegeheimen schlecht behandelt werden.“ Er fordert deshalb eine bessere Ausbildung des Personals: „Ich denke, Krankenschwestern, Ärzte und Pflegekräfte sollten alle darin geschult werden, wie man sich um LGBTIQ+-Menschen kümmert.“
Projekte in mehreren Ländern
Projekte wie Kindred House gibt es auch in anderen Teilen der Welt. Vergleichbare Angebote bestehen unter anderem in Spanien, Schweden, Deutschland, den USA und Kanada. In Großbritannien sind solche Einrichtungen dagegen selten. 2021 eröffnete in London mit Tonic die erste LGBTIQ+-Seniorenwohnanlage des Landes. Sie verfügt über 19 Wohnungen, die zu bezahlbaren Bedingungen gemietet oder im Rahmen von Teileigentum erworben werden können. Das Projekt erregte so viel Aufmerksamkeit, dass es später in diesem Jahr Gegenstand einer Netflix-Dokumentation werden soll. Im Mittelpunkt steht unter anderem einer der ersten Bewohner, Chek Min-Ong.
Min ist 77 Jahre alt. Er und sein inzwischen verstorbener Partner Tim waren 43 Jahre zusammen. Als sich Tims Gesundheitszustand verschlechterte, sprachen sie darüber, wie eine Zukunft aussehen könnte, in der einer von ihnen allein leben würde. „Tim und ich haben immer sehr offen darüber gesprochen. Wir wollten wissen, dass der andere, wenn einer von uns nicht mehr da ist, eine Gemeinschaft hat und sich sicher fühlt.“ Tim starb fünf Monate nach seinem Einzug in Tonic. Min berichtet, dass die neu gewonnene Gemeinschaft ihn anschließend unterstützt habe. „Das ist es, was Tim und ich uns immer gewünscht haben: dass wir uns niemals erklären müssen.“ Er habe sich nie mit Fragen auseinandersetzen und schuldig fühlen wollen, weil er nicht die ganze Geschichte erzählte oder lügen musste. „Man ist einfach hier und man selbst.“
Zahl älterer LGBTIQ+-Menschen wächst
Mindy, Norman und Min begrüßen Projekte wie Kindred House und Tonic. Der Bericht „Spotlight on Ageing“ warnt jedoch davor, dass die Nachfrage nach spezialisierten Angeboten das vorhandene Angebot übersteigen könnte. Zwischen 2019 und 2024 stieg die Zahl der über 50-Jährigen in Großbritannien, die sich als lesbisch, schwul oder bisexuell identifizieren, um etwa ein Drittel – von rund 340.000 auf fast 460.000. Bei heterosexuellen Menschen ab 50 Jahren gab es im gleichen Zeitraum einen Anstieg von vier Prozent. Nach Einschätzung der Studienautoren dürfte die Zahl weiter steigen, wenn die vergleichsweise großen jüngeren Generationen von LGBTIQ+-Menschen älter werden.
Preston warnt deshalb, dass ältere Menschen ohne weitere Projekte wie Kindred House sowie ohne zusätzliche Schulungen und Sensibilisierung in anderen Pflegeeinrichtungen Schwierigkeiten haben könnten, angemessene Unterstützung zu erhalten. Für Mindy, die einer beratenden Arbeitsgruppe zu den Plänen für Kindred House angehört, ist die Aussicht auf weitere Angebote beruhigend. „Es ist wichtig, dass man hingehen und denken kann: ‚Weißt du was, ich könnte dort leben, weil ich weiß, dass das Personal, die Ethik, die Regeln und alles an diesem Ort aus einer LGBTIQ+-Perspektive zusammengestellt wurden.‘“ Über ihre Mitarbeit an dem Projekt sagt sie: „Das ist es, woran wir gearbeitet haben, und ich bin wirklich stolz darauf, Teil davon zu sein.“