Hitzlsperger und frühere Angst Verletzung wurde zum Wendepunkt
Thomas Hitzlsperger hat bereits während seiner aktiven Karriere gespürt, dass er sich von seinen Mitspielern unterscheidet. Über seine Homosexualität sprach der ehemalige Fußball-Nationalspieler allerdings erst nach dem Ende seiner Laufbahn öffentlich. Jetzt hat er ausführlicher über die Jahre vor seinem Coming-Out berichtet.
Das Wichtigste im Überblick
- Thomas Hitzlsperger wusste bereits während seiner aktiven Fußballzeit, dass er schwul ist, sprach darüber aber zunächst nicht öffentlich.
- Besonders belastend war für ihn die Zeit nach seinem Wechsel vom VfB Stuttgart zu Lazio Rom im Jahr 2010.
- Im Podcast „Wie geht's? Mit Robin Gosens“ schilderte er Ängste, Einsamkeit und körperliche Reaktionen auf den inneren Druck.
- Hitzlsperger sagte, er habe seine sexuelle Orientierung zeitweise geleugnet und sich in einem katholischen Elternhaus mit der Vorstellung auseinandergesetzt, Schwulsein sei etwas besonders Schlimmes.
- Eine Verletzung und die anschließende Reha am Tegernsee wurden für ihn zu einem wichtigen Wendepunkt.
- Im Januar 2014, nach dem Ende seiner aktiven Karriere, machte Hitzlsperger seine Homosexualität öffentlich.
- Heute sieht er Fortschritte im Umgang mit Homosexualität im Fußball, rechnet aber nicht damit, dass das Thema vollständig verschwinden wird.
Schwieriges Umfeld im Fußball
Im Podcast „Wie geht's? Mit Robin Gosens“ erinnerte sich Hitzlsperger an die Zeit, in der er zunehmend merkte, dass sein bisheriges Leben nicht mehr zu ihm passte. „Ich will einen Freund kennenlernen. Und das geht nicht.“ Bereits „Mitte, Ende 20“ habe er erkannt: „Ich passe nicht mehr rein und die Kabine ist nicht mehr mein Feld. Ich bin anders.“ Während andere Spieler zu dieser Zeit nach einer Freundin suchten, wurde Hitzlsperger immer bewusster, dass er Männer kennenlernen wollte. Gleichzeitig habe er niemanden in seinem Umfeld gesehen, dem er sich mit diesem Thema anvertrauen konnte. „Ich habe gemerkt, da ist keiner, dem ich vertraue, mit dem ich drüber reden kann“, sagte er rückblickend.
Seine Homosexualität machte Hitzlsperger erst im Januar 2014 öffentlich – zu diesem Zeitpunkt war seine aktive Karriere bereits beendet. Besonders schwierig sei die Situation nach seinem Abschied vom VfB Stuttgart im Januar 2010 geworden. Der anschließende Wechsel zu Lazio Rom habe die inneren Konflikte noch verstärkt. „Dann bin ich nach Lazio gewechselt und da hat es mich dann echt zerrissen“, sagte Hitzlsperger im Gespräch mit Robin Gosens.
Druck in Rom besonders groß
In Rom sei er mit einer Situation konfrontiert worden, die für ihn zusätzlichen Stress bedeutete. Seine neuen Mitspieler hätten ihn eingeladen und dabei angekündigt: „Ich habe ein paar Mädels eingeladen“. Hitzlsperger habe sich daraufhin gefragt: „Wie kommst du jetzt aus der Nummer raus?“ Der Druck blieb für ihn nicht ohne körperliche Folgen. Hitzlsperger berichtete von plötzlich auftretenden Schweißattacken, die er mit seiner damaligen inneren Anspannung in Verbindung brachte. Für ihn stand schließlich fest: „Ich dachte, ich muss raus hier“. Gleichzeitig habe er keine Möglichkeit gesehen, seinem Trainer seine Situation zu erklären. „Ich kann dem Trainer nicht erklären: 'Ich habe ein Problem, habe massive Ängste und schwul bin ich auch noch.'“
Die Zeit bei Lazio Rom bezeichnete Hitzlsperger deshalb rückblickend als „echt die Hölle“. Zugleich habe er damals verstanden, dass er seine sexuelle Orientierung nicht länger verdrängen könne: „Du kannst es nicht mehr verdrängen.“ Trotz dieser Erkenntnis habe er seine Homosexualität noch „eine Zeit lange geleugnet“. Dabei habe auch seine Erziehung eine Rolle gespielt. Hitzlsperger wuchs in einem katholischen Elternhaus auf und habe deshalb gedacht, „eines der schlimmsten Dinge ist schwul zu sein und dann trifft es mich“.
Verletzung verändert Blick aufs Leben
Den entscheidenden Einschnitt habe schließlich eine schwere Verletzung im Jahr 2010 gebracht. Die anschließende Reha am Tegernsee wurde für Hitzlsperger zu einer besonderen Phase. „Diese sechs Monate haben mein Leben verändert“, sagte er. Zugleich erinnerte er sich an diese Zeit mit den Worten: „Das war mit die schönste Zeit meines Lebens.“ In dieser Phase habe sich für ihn offenbar ein neuer Umgang mit seiner persönlichen Situation entwickelt. Später, während seiner letzten Station beim FC Everton, lebte Hitzlsperger bereits in einer Beziehung. 2013 spielte er dort. Im Januar 2014, nach dem Ende seiner aktiven Fußballkarriere, machte er seine Homosexualität öffentlich.
Bis dahin hatte Hitzlsperger zunächst im privaten Umfeld den Mut gefunden, sich gegenüber seiner Familie und seinen Freunden zu öffnen. Die Reaktionen darauf seien positiv gewesen. Trotzdem habe er sich nicht vorstellen können, seine Homosexualität während seiner aktiven Karriere öffentlich zu machen. Er habe sich nicht vorstellen können, „dass in dem Moment, wo ich das ausspreche, in der Kabine oder öffentlich, dass ich dann noch gut Fußball spielen kann“. Gleichzeitig wollte er vermeiden, dass ein öffentliches Coming-Out seine sportliche Karriere überschattet. Er habe keinesfalls „vor einer großen Öffentlichkeit scheitern“ wollen. Die Entscheidung für den richtigen Zeitpunkt habe ihn deshalb über Jahre beschäftigt.
Veränderungen im Fußball
Heute sieht Hitzlsperger in seiner damaligen Entscheidung eine persönliche Befreiung. „Es hat so einen großen Wert für mich: Niemand kann mich irgendwie kompromittieren“, sagte er über sein Vorgehen. Auch den heutigen Umgang mit Homosexualität im Fußball bewertet Hitzlsperger im Vergleich zu seiner aktiven Zeit als verändert. Zugleich geht er nicht davon aus, dass das Thema irgendwann vollständig an Bedeutung verlieren wird. „Wir haben uns in diesem Thema weiterentwickelt, aber es wird nie einen Zustand geben, wo das kein Thema ist und alle super-tolerant sind“, sagte er.