Schwule Juden Alte Texte neu gelesen, Orthodoxie ringt um Öffnung
Eine queere Tora-Lerngruppe in Portland im US-Bundesstaat Oregon will LGBTIQ+-Menschen vermitteln, dass sie schon immer Teil der jüdischen Geschichte waren – und sorgt damit für Schlagzeilen in den USA. In der Gemeinde Shir Tikvah beschäftigt sich die Gruppe mit biblischen Texten und stellt dabei traditionelle Lesarten infrage.
Das Wichtigste im Überblick
- Eine queere Tora-Lerngruppe in Portland will LGBTIQ+-Menschen zeigen, dass sie seit jeher Teil der jüdischen Geschichte sind.
- Rabbinerin Emerita Ariel Stone betont, dass jüdische Texte aus vielen unterschiedlichen Perspektiven gelesen werden können.
- Die Gruppe will nicht beweisen, dass biblische Figuren homosexuell waren, sondern traditionelle Annahmen über die Texte hinterfragen.
- Für viele queere Teilnehmer ist die Gruppe eine wichtige und „unglaublich heilsame“ Erfahrung.
- Im orthodoxen Judentum gibt es weiterhin Auseinandersetzungen über die Anerkennung homosexueller und queerer Menschen.
- 2025 wurde mit Tadhg Cleary erstmals ein offen schwuler Rabbiner an einer orthodoxen Rabbinerschule in New York ordiniert.
Neuer Blickwinkel
Eine der Initiatorinnen ist die Rabbinerin Emerita Ariel Stone. Entscheidend sei die Perspektive, aus der die Tora gelesen werde, sagte sie dem Oregon Public Broadcasting (OPB). „Wenn man sich die jüdischen Lehren über die Tora anschaut, heißt es, dass es 70 verschiedene Möglichkeiten gibt, jeden Abschnitt der Tora, jedes Wort, jedes Gebot und jede Geschichte zu verstehen“, sagte Stone. „Sie ist nicht vollständig verstanden, solange man sie nicht immer wieder umdreht und aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet“, fügte sie hinzu. „Man verändert beziehungsweise ‚queert‘ seine Perspektive darauf schon allein dadurch, dass man sie so studiert, wie es eigentlich vorgesehen ist.“
Biblische Texte
Angel Ya’el Murauskas, eine ehrenamtliche Führungspersönlichkeit der Gemeinde, betonte, dass es der Gruppe nicht darum gehe, nachzuweisen, dass bestimmte biblische Figuren homosexuell oder queer gewesen seien. Vielmehr gehe es darum, die Texte offener zu lesen und lang bestehende Annahmen zu hinterfragen. Als Beispiel nannte Murauskas den ersten Teil der Genesis. „Genesis 1 ist unglaublich queer“, sagte Murauskas. „Gott erschafft einen ‚Adam‘, ein Wesen, das gewissermaßen Mann und Frau zugleich ist. Es ist nicht wirklich eindeutig, aber sie müssen voneinander getrennt werden. Das wirft eine interessante Frage darüber auf, was hier eigentlich geschieht.“
Auch die Beziehung zwischen Ruth und Noomi spielt für diese Lesart eine Rolle. Murauskas verwies auf eine Passage, in der Ruth ihre enge Verbundenheit mit Noomi zum Ausdruck bringt. „Eine der schönsten Passagen und Liebeserklärungen in der gesamten Bibel findet zwischen zwei Frauen statt. Ruth sagt zu Noomi: ‚Ich werde buchstäblich dorthin gehen, wo du hingehst. Ich werde dort sterben, wo du stirbst.‘ Ich meine: Was ist das, wenn nicht eine Ehe?“
Gruppe als wichtige Erfahrung
Für viele homosexuelle und queere Menschen sei die Lerngruppe eine besonders wichtige Erfahrung, sagte Murauskas. Sie bezeichnete sie als „unglaublich heilsam“. Die Teilnehmer könnten dadurch das Gefühl entwickeln, in der jüdischen Religion willkommen zu sein. „Es ist das erste Mal, dass jemand ihnen gesagt hat: ‚Du bist tatsächlich kein Außenseiter in dieser Gemeinschaft. Dieses Buch ist voller Menschen wie dir.‘“ Shir Tikvah gilt als progressive Synagoge. In anderen Strömungen des Judentums ist der Umgang mit LGBTIQ+-Menschen dagegen umstrittener.
Queere Menschen aus dem orthodoxen Judentum und ihre Unterstützer setzen sich seit Jahren dafür ein, als vollwertige Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft anerkannt zu werden. Sie wenden sich gegen einen Ausschluss aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. Orthodoxe Rabbiner haben dagegen argumentiert, religiöse Queerfeindlichkeit beruhe vor allem auf der Einhaltung jüdischer Religionsgesetze und nicht auf einer grundsätzlich gegen LGBTIQ+-Menschen gerichteten Haltung. Kritiker dieser Argumentation weisen allerdings darauf hin, dass orthodoxe Institutionen Menschen nicht in gleicher Weise ausschließen, wenn sie andere religiöse Vorschriften verletzen. Dazu gehören etwa Menschen, die am Schabbat Auto fahren. Der jüdische Ruhetag beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend. Auch Verstöße gegen die jüdischen Speisevorschriften führen nicht in gleicher Weise zu einem Ausschluss.
Erster offen schwuler orthodoxer Rabbiner
Ein Beispiel für die langsame Öffnung orthodoxer Institutionen ist die Rabbinerschule Yeshivat Chovevei Torah im New Yorker Stadtteil Riverdale. Die ausschließlich männliche orthodoxe Ausbildungsstätte ordinierte 2025 mit Tadhg Cleary erstmals einen offen schwulen Rabbiner. Clearys Ordination am 12. Juni erfolgte sechs Jahre nachdem die Schule sich geweigert hatte, einen anderen schwulen Studenten zum Rabbiner zu ordinieren. Die öffentliche Verlobung und geplante Hochzeit des Studenten war zuvor im Internet viral gegangen. Auch die private orthodoxe jüdische Universität Yeshiva erkannte im vergangenen Jahr nach einem jahrelangen Rechtsstreit schließlich einen LGBTIQ+-Studentenclub auf ihrem Campus an.