Angebot bei Hein & Fiete HIV/STI-Beratung für trans* Menschen in Hamburg
Jonathan ist 25 Jahre alt und kam im Rahmen seines Studiums zu Hein & Fiete – und ist geblieben, weil er schnell merkte, dass er in diesem Bereich arbeiten möchte. Heute steht er als Berater trans* Menschen zur Seite. SCHWULISSIMO bat zum Interview.
Mit welchen Anliegen und Herausforderungen kommen trans* Menschen zu dir?
Die meisten Menschen kommen zunächst mit einer ganz konkreten Sorge zu uns – zum Beispiel nach einer sexuellen Situation, bei der sie befürchten, sich mit HIV oder einer anderen STI angesteckt zu haben. Häufig geht es darum, das tatsächliche Risiko besser einschätzen zu können. Daneben spielen aber auch viele allgemeine Fragen rund um sexuelle Gesundheit eine Rolle. Speziell trans* Menschen fragen außerdem häufig, ob Hormontherapien Einfluss auf HIV-Tests, PrEP oder andere Medikamente haben.
Gibt es bei HIV/STI Punkte, die trans* Menschen noch einmal besonders beschäftigen?
Ja, durchaus. Während sich beispielsweise das Coming-Out vieler schwuler oder lesbischer Menschen häufig eng mit ihrer Sexualität verbindet, erleben viele trans* Menschen ihr Coming-Out zunächst über ihren Körper und ihre Geschlechtsidentität. Sexualität wird für viele erst später überhaupt zum Thema. Deshalb spielen körperbezogene Fragen in der Beratung oft eine größere Rolle. Viele Menschen beschäftigen Veränderungen durch die Hormontherapie, operative Eingriffe oder auch Geschlechtsdysphorie. Diese Aspekte beeinflussen häufig auch das Erleben von Sexualität und damit die Fragen rund um HIV- und STI-Prävention. Deshalb braucht es hier eine besonders sensible Beratung. Prävention funktioniert nur, wenn die individuelle Lebensrealität mitgedacht wird.
Welche Rolle spielen Diskriminierungserfahrungen?
Leider eine sehr große. Viele trans* Menschen berichten von negativen Erfahrungen im Gesundheitssystem oder haben zumindest Angst davor. Die Sorge, falsch angesprochen oder misgendert zu werden, unangemessene Fragen beantworten zu müssen oder nicht ernst genommen zu werden, führt dazu, dass Arztbesuche oder Testangebote teilweise vermieden werden.
Welchen Vorurteile im Spannungsfeld zwischen STIs und trans* Menschen ärgern dich?
Mich ärgert vor allem die Annahme, trans* Menschen seien automatisch eine „Risikogruppe“, weil sie trans* sind. Das stimmt so nicht. Entscheidend sind, wie bei allen Menschen, konkrete sexuelle Praktiken und individuelle Lebensumstände.
Was müsste sich im Gesundheitswesen ändern, damit trans* Menschen besser versorgt werden?
Es braucht vor allem zielgruppengerechte Angebote.Dazu gehören mehr Praxen und Fachärzt*innen mit trans*spezifischer Kompetenz sowie Beratungsstellen, in denen Menschen ohne Angst vor Diskriminierung Unterstützung erhalten. Gleichzeitig wünsche ich mir mehr Fortbildungen für medizinisches Personal. Oft reichen schon grundlegendes Wissen und eine respektvolle Ansprache, damit sich Menschen sicher fühlen.
Welche Botschaft möchtest du mit auf den Weg geben?
Ich möchte allen mitgeben, dass sexuelle Gesundheit genauso selbstverständlich zur eigenen Gesundheit gehört wie jeder andere medizinische Bereich auch. Es ist völlig in Ordnung, Fragen zu haben oder unsicher zu sein. Ihr habt das Recht auf eine respektvolle Behandlung und auf eine Gesundheitsversorgung, in der eure Identität selbstverständlich anerkannt wird.Auf sich selbst zu achten ist kein Luxus, sondern ein wichtiger Teil von Selbstfürsorge. Und dabei muss niemand alleine sein.
Jonathan, vielen Dank dir!