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„Neues Jahr, neues Ich?“ Wie queere Menschen im Südwesten ins Jahr 2026 starten

tb - 02.01.2026 - 14:00 Uhr
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Januar 2026. Kaum ein Jahreswechsel kommt ohne die bekannten Vorsätze aus: Mehr Sport, weniger Stress, endlich Ordnung schaffen. Doch in der queeren Community des Südwestens klingen die Wünsche für das neue Jahr oft differenzierter. Viele verbinden ihre persönlichen Ziele mit Erfahrungen von Akzeptanz, Sichtbarkeit und dem Wunsch nach sicheren Räumen. Die Frage „Neues Jahr, neues Ich?“ bekommt dadurch eine eigene Bedeutung. Sie beschreibt nicht nur den Wunsch nach Veränderung, sondern auch den nach mehr Selbstbestimmung in einem gesellschaftlichen Umfeld, das queere Menschen weiterhin vor Herausforderungen stellt.

Im Gespräch mit queeren Aktivistinnen und Aktivisten, Ärztinnen und Ärzten, jungen Erwachsenen und langjährig engagierten Community-Mitgliedern zeigt sich ein vielfältiges Bild. Manche Vorsätze sind überraschend pragmatisch, andere emotional und tief verankert. Eines zieht sich jedoch durch fast alle Stimmen: Der Wunsch nach einem Jahr, das weniger von Angst und mehr von Zugehörigkeit geprägt ist.

Zum Beispiel erzählt Luca aus Freiburg, 29, dass er sich vorgenommen hat, 2026 „keine Angst mehr vor großen Gruppen“ zu haben. Im vergangenen Jahr wurde er zweimal im ÖPNV beleidigt. „Ich will mich nicht einschränken lassen. Ich möchte wieder spontaner sein und meine Wege nicht davon abhängig machen, wo ich mich sicher fühle“, sagt er. Beratungsstellen in Baden-Württemberg bestätigen, dass solche Vorsätze nicht ungewöhnlich sind. Viele Menschen verbinden persönliche Ziele direkt mit dem Umgang mit Diskriminierungserfahrungen. Das Ziel ist weniger ein „neues Ich“, sondern ein Ich, das sich freier bewegen kann.

Ein anderer Schwerpunkt der Vorsätze liegt auf der psychischen Gesundheit. Die Nachfrage nach Therapie- und Beratungsplätzen ist auch im Südwesten ungebrochen hoch. Sarah, 34, aus Karlsruhe beschreibt ihren Vorsatz so: „Ich möchte mich selbst ernster nehmen. Ich habe lange versucht, stark zu sein und alles alleine hinzubekommen. 2026 soll das Jahr werden, in dem ich mehr Hilfe annehme.“ Kliniken und queere Beratungsstellen berichten, dass diese Art von Vorsatz seit einigen Jahren besonders häufig ist. Viele wollen lernen, Grenzen zu setzen und Stress nicht länger zu unterschätzen.

Ein weiterer Trend ist die Sehnsucht nach mehr Verbundenheit. Viele queere Menschen sehen 2026 als Chance, wieder stärker in die Community hineinzugehen – auch, weil die Szene an vielen Orten im Südwesten lebendiger geworden ist. In Mannheim etwa hat in 2021 ein queeres Kulturzentrum eröffnet, das monatliche Treffen für unterschiedliche Gruppen anbietet. „Ich möchte mich mehr einbringen“, sagt Tim, 22. „Ich habe das Gefühl, dass wir als Community viel schaffen können, wenn wir uns besser vernetzen. Mein Vorsatz ist, nicht nur Gast zu sein, sondern ein aktiver Teil der Szene.“
 

© istock / Auuu

Dazu passt ein weiterer Aspekt: Die Bereitschaft, sich politisch zu engagieren, wächst. Insbesondere das Wahljahr 2026 scheint viele zu motivieren. Initiativen in Stuttgart und Saarbrücken berichten, dass sich zum Jahresbeginn einige Freiwillige gemeldet haben. „Mein Vorsatz ist, mich 2026 nicht mehr ohnmächtig zu fühlen“, erklärt Aria, 31. „Ich möchte mich für Sichtbarkeit und Sicherheit einsetzen. Vielleicht geht es nicht darum, ein neues Ich zu werden, sondern darum, das alte Ich lauter werden zu lassen.“

Auch Gesundheitsvorsätze spielen eine wichtige Rolle. Neben dem klassischen „Ich will mehr Sport machen“ geht es immer öfter um bewusste Sexualgesundheit. Ärzte aus HIV-Schwerpunktpraxen in der Region berichten, dass Menschen zu Jahresbeginn nach Beratung zu PrEP, regelmäßigen Tests oder Impfungen fragen. „Es ist gut zu sehen, dass Gesundheitsvorsorge nicht nur ein Thema der Angst ist, sondern der Selbstfürsorge geworden ist“. Für viele ist der Vorsatz, achtsamer mit sich selbst umzugehen, ein zentraler Teil ihres Jahresstarts.

Aber nicht alle Vorsätze müssen ernst oder schwer sein. Manche sind humorvoll, leicht und alltäglich und gerade deshalb wichtig. „Ich will 2026 wieder mehr tanzen gehen“, sagt Andreas aus Mannheim lachend. „Die letzten Jahre waren so ernst. Ich will wieder Spaß haben und nicht das Gefühl haben, immer politisch sein zu müssen.“ Auch das gehört zur Realität der Community: der Wunsch, das Leben zu feiern, Räume der Leichtigkeit zu schaffen und Momente der Freude zuzulassen.

Auffällig ist, wie oft das Wort „Sicherheit“ fällt. Es taucht in vielen Gesprächen indirekt auf, auch dort, wo es um Selbstentfaltung, Beziehungen oder Zukunftsplanung geht. Sicherheit wird nicht nur als Schutz vor Gewalt verstanden, sondern als Voraussetzung, sich selbst frei und authentisch zu zeigen. Der Vorsatz, sich „sicherer zu fühlen“, zieht sich wie ein roter Faden durch viele Stimmen im Südwesten.

So ergibt sich ein differenziertes Bild eines Jahresauftakts, der mehr ist als der übliche Wechsel von alten zu neuen Gewohnheiten. Für viele queere Menschen im Südwesten bedeutet der Beginn von 2026, sich selbst Raum zu geben, Verletzungen nicht kleinzureden und gleichzeitig aktiv nach Wegen zu suchen, um stärker und vernetzter zu werden. Vielleicht ist „Neues Jahr, neues Ich?“ tatsächlich die falsche Frage. Vielleicht geht es vielmehr darum, das eigene Ich zu schützen, zu stärken und sichtbar zu machen.

Die Vorsätze sind vielfältig und individuell, aber sie zeigen gemeinsam eine Community, die trotz Herausforderungen optimistisch in das neue Jahr blickt. Und vielleicht ist genau das der wichtigste Vorsatz von allen: weiterzumachen, sich nicht kleinmachen zu lassen und das neue Jahr so zu gestalten, dass es dem eigenen Leben gerecht wird.

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