Direkt zum Inhalt

Mpox-Gefahr in Berlin? Besteht in der Hauptstadt die Gefahr einer neuen Affenpocken-Welle?

Von ms - 19.08.2024 - 14:00 Uhr
Mpox-Gefahr in Berlin
Foto: iStock / Berkay Ataseven
ANZEIGE
Loading audio player...

Im Jahr 2022 infizierten sich rund 3.800 Menschen in Deutschland mit einer milden Variante der Affenpocken (Mpox), dabei handelte es sich fast durchwegs um schwule Männer. Rund die Hälfte der Fälle wurden damals in Berlin registriert. Jetzt droht eine deutlich gefährlichere Mpox-Mutation sich erneut in Europa auszubreiten – in Berlin indes ist die Finanzierung der zweifachen Schutzimpfung noch immer nicht geregelt.

Streit um Impfstoff 

Seit Monaten streiten die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin sowie die gesetzlichen Krankenkassen über eine Finanzierung, der Berliner Senat hatte den Kooperationsvertrag zur Finanzierung der Mpox-Impfung mit dem Wirkstoff Jynneos eingestellt. Hintergrund für diese Entscheidung war die Zulassung des identischen Wirkstoffs Imvanex in der EU.

Der „alte“ Impfstoff ist noch immer vorhanden, wird aber aktuell nicht bezahlt. Patienten müssen im Bedarfsfall die Kosten von rund 200 Euro pro Impfung selbst bezahlen  - viele scheuen anscheinend davor zurück. Ein ähnliches Debakel gab es bereits Anfang 2023 in Berlin. Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft ambulant tätiger Ärztinnen und Ärzte für Infektionskrankheiten und HIV-Medizin (Dagnä) schlug daher bereits zum Jahreswechsel 2024 Alarm und kritisierte, Berlin riskiere als am stärksten betroffene Stadt in Deutschland ein Comeback von Mpox. 

Virusmutation breitet sich schnell aus

Nun scheint die Lage erneut an Brisanz zu gewinnen, seitdem eine neue Variante, die sogenannte Klade 1, in Afrika immer weiter um sich greift – die Virusmutation ist dabei nicht nur deutlich leichter ansteckend, sondern hat auch einen massiv schwereren Krankheitsverlauf zur Folge. Die Sterblichkeitsrate bei Erwachsenen liegt derzeit bei rund fünf Prozent, bei Kindern sogar bei zehn Prozent – besonders gefährdet sind dabei auch Menschen mit HIV. Ein erster Fall in Europa wurde letzte Woche in Schweden registriert.  

In Afrika breitet sich die Mutation mit beachtlicher Schnelligkeit immer weiter aus, aktuell gibt es tausende Fälle bereits in der Demokratischen Republik Kongo, Burundi, der Zentralafrikanischen Republik, Kamerun, Nigeria, Südafrika, der Republik Kongo, Liberia, Ghana, der Elfenbeinküste, Ruanda, Uganda und Kenia sowie auch in Pakistan.

Globale Notlage 

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat deswegen die globale Notlage ausgerufen, die Staaten sollen sich jetzt auf eine mögliche zweite Mpox-Pandemie vorbereiten. Das deutsche Robert Koch-Institut bestätigte, dass ein erneuter Anstieg der Fallzahlen in der Bundesrepublik möglich ist, wenn auch nach aktuellem Stand nicht in dem Ausmaß wie 2022. Trotzdem rät das RKI derzeit erneut zur Zweifach-Impfung vor allem für schwule Männer mit wechselnden Sexualpartnern. Wie wirksam der aktuelle Impfstoff allerdings gegen die neue Variante ist, ist noch nicht abschließend dokumentiert. 

Dringlichkeitssitzung in Berlin

Der Berliner Queer-Beauftragte Alfonso Pantisano (SPD) hat deswegen jetzt zu einer Dringlichkeitssitzung gebeten, am „Runden Tisch Mpox“ sollen zeitnah die nächsten Schritte diskutiert werden. Er wünsche sich, dass Berlin in diesem Jahr besser auf das Virus vorbereitet ist als 2022. Nach Informationen des Tagesspiegels will die Gesundheitsverwaltung in dieser Woche einen Termin für den Runden Tisch bekanntgeben.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) erklärte inzwischen, Deutschland sei gut vorbereitet auf einen erneuten Anstieg der Mpox-Fälle. Er sehe momentan „keine große Gefahr“. Der Fall in Schweden ändere nichts an dieser Risikoeinschätzung für Deutschland und Europa, weil die neue Virusvariante bislang nur in Teilen Zentralafrikas endemisch sei, also dauerhaft und gehäuft auftrete. 

„Deutschland hat den ersten Ausbruch der damaligen Mpox-Variante im Jahr 2022 erfolgreich in den Griff bekommen. Wir verfolgen die Lage trotzdem weiterhin aufmerksam und sind vorbereitet, falls sich die Lage ändert", so Lauterbach gegenüber der Tagesschau. Einige Bundesländer hätten noch Impfstoffe vorrätig, der Bund verfügt aktuell über rund 117.000 Impfstoffdosen – eine Beschaffung einer neuen Charge sei derzeit nicht geplant. 

EU und Großbritannien gehen von neuer Mpox-Welle aus

Etwas kritischer sehen das andere Stimmen in Europa: Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC forderte so die EU-Mitgliedstaaten dazu auf, sich jetzt auf einen Anstieg der Infektionsfälle vorzubereiten. Das Auftreten von neuen „importierten Fällen“ sei „sehr wahrscheinlich“, das Risiko für die EU-Bevölkerung sei durch die rasche Ausbreitung des Virus in Afrika zudem gestiegen, so ECDC-Chefin Pamela Rendi-Wagner.

Ähnlich äußerten sich inzwischen britische Fachärzte und erklärten, dass der neue Mpox-Stamm mit „ziemlicher Sicherheit“ bereits jetzt in Großbritannien vorkomme, aber einfach noch nicht offiziell registriert worden sei. Professor Paul Hunter, Medizinprofessor an der Universität von East Anglia, erklärte gegenüber Times Radio: „Wir haben bei der Mpox-Pandemie von 2022 gesehen, dass sich das Virus, sobald es in sexuelle Netzwerke gelangt, sehr schnell in der ganzen Welt ausbreiten kann, und es ist sehr schwierig, diese Ausbreitung zu kontrollieren. Ich denke, es ist nicht überraschend, dass wir einen ersten Fall in Europa hatten, und ich denke, wir werden noch mehr sehen. Hoffentlich werden wir nicht die gleiche Sterblichkeitsrate wie in Afrika erleben, aber das wird die Zeit zeigen.“ 

Auch Dr. Jonas Albarnaz, ein Pockenviren-Experte am Pirbright Institut betonte, dass man nach dem Fall in Schweden sehr wachsam sein müsse, er sehe dies als „Warnruf an alle Gesundheitsbehörden.“ 

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

Die Presse„Irgendwann hasste ich es, ein Mädchen zu sein“: Fußballerin sein im Iran [premium]tazMidtermwahlen in den USA: Ein bisschen mehr Regenbogenntv"Wo ist dein Problem?": Marco Schreyl erläutert sein Coming-outDER SPIEGELDemokraten-Erfolg bei den Midterms: Dies ist Amerikas neue GardeAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wie stark empfindest du den Schönheitsdruck in der schwulen Community?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Neonazis vernetzen sich

Homophobie verbindet Rechtsextreme

Ukrainischstämmige Neonazis vernetzen sich in Baden-Württemberg mit deutschen Rechtsextremen. Besonders LGBTIQ+ Menschen geraten ins Visier.
Sex-Knowhow in Italien

Junge Menschen wissen zu wenig

Eine neue Ipsos-Studie zeigt große Wissenslücken bei Italiens Jugend: Viele informieren sich über Sex nur noch mittels Google, KI und Pornografie.
Polyamorie in West Hollywood

US-Stadt schreibt Geschichte

West Hollywood führt als erste US-Stadt ein Register für polyamore Beziehungen ein und stärkt damit die Rechte nichtmonogamer Familien.
Chopins Liebe zu Männern

Polen will davon nichts wissen

Polen will von einem möglichen schwulen Komponisten Frédéric Chopin nichts wissen. Ein neuer Kinofilm berüht das Thema ebenso strikt nicht.
Umstrittene US-Forschung

Experten warnen vor Stigmatisierung

Die US-Regierung finanziert Studien über mögliche Zusammenhänge zwischen Transgeschlechtlichkeit und Gewalt. Fachleute sprechen von Pseudowissenschaft
Janosch ist tot

Tiger und Bär trauern

Kinderbuchautor Janosch ist mit 95 Jahren gestorben. Seine Geschichten über Tiger und Bär wurden auch als Plädoyer für LGBTIQ+-Lebensweisen gelesen.
LGBTIQ+ in Brasilien

Mehr Schutz für Community

Brasilien stärkt den Kampf gegen organisierte Kriminalität. Die Hoffnung ist groß, dass dadurch künftig auch LGBTIQ+-Menschen sicherer leben.
Gericht prüft Diskriminierung

Streit um katholische US-Vorschulen

Dürfen katholische Vorschulen Kinder von LGBTIQ+-Eltern ablehnen und trotzdem Steuergelder erhalten? Der Oberste US-Gerichtshof entscheidet.
Krise in Irland

Angst vor Mobbing an Schulen

Fast jeder zweite Schüler in Irland befürchtet Mobbing nach einem Coming-Out von LGBTIQ+-Mitschülern. Eine Aktionswoche soll gegensteuern.