Für Keri Pickett war ihr Onkel Roy schon als Kind eine faszinierende Figur. Roy Blakey (1930-2024) war selten zu Hause, reiste als professioneller Eiskunstläufer um die Welt und führte ein Leben, von dem seine Nichte lange nur einen Teil kannte. Erst Jahre später entdeckte Pickett, dass ihr Onkel neben seiner Karriere auf dem Eis ein bedeutendes fotografisches Werk geschaffen hatte – und als „einer der Großväter der schwulen Fotografie“ galt.
Das Wichtigste im Überblick
- Roy Blakey war in den 1950er- und 1960er-Jahren professioneller Eiskunstläufer und trat unter anderem bei „Holiday on Ice“ auf.
- Nach seiner Eiskunstlaufkarriere arbeitete Blakey in New York als Fotograf und porträtierte unter anderem Bette Midler und Divine.
- Seine Nichte, Filmemacherin Keri Pickett, erfuhr erst Jahre später, dass Blakey mit erotischen Männerfotografien als „einer der Großväter der schwulen Fotografie“ galt.
- Blakeys auf Manhattan und Fire Island entstandene Bilder zeigten schwules Leben, männliche Körper und Sinnlichkeit ungewöhnlich offen. 1972 erschien sein Fotoband „He“.
- In ihrem Dokumentarfilm „Uncle Roy“ erzählt Pickett von Blakeys Leben und versucht zugleich, einen dauerhaften Ort für sein fotografisches und historisches Erbe zu finden.
Leidenschaft für die Kamera
Nun erzählt Pickett diese Geschichte in ihrem Dokumentarfilm „Uncle Roy“. Der Film ist zugleich persönliches Porträt, Dokument schwuler Geschichte und Bericht über den Versuch, Blakeys umfangreiches Lebenswerk für kommende Generationen zu erhalten. In den 1950er- und 1960er-Jahren reiste Blakey als professioneller Eiskunstläufer durch die Welt. Er trat unter anderem in den damals populären Shows von „Holiday on Ice“ auf. Während dieser Jahre entwickelte er zwei Leidenschaften, die sein späteres Leben prägen sollten. Blakey begann, Plakate, Kostüme und andere Erinnerungsstücke aus den Shows zu sammeln, bei denen er selbst auftrat. Über die Jahrzehnte entstand daraus eine außergewöhnliche Privatsammlung, die als weltweit größtes Archiv zum Eiskunstlauf als Bühnenshow bezeichnet wurde. Seine zweite Leidenschaft galt der Kamera.
Kollegen werden zu Fotomodellen
Zunächst fotografierte Blakey andere Eiskunstläufer und Künstler aus seinem beruflichen Umfeld. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere zog er nach New York City und richtete dort ein eigenes Studio ein. Anfangs standen Freunde vor seiner Kamera. Mit der Zeit fotografierte Blakey auch zahlreiche prominente Persönlichkeiten, darunter Bette Midler und Divine. Seine Nichte Pickett schlug später einen ähnlichen Weg ein. Nach ihrem College-Abschluss wollte auch sie Fotografin werden und ging nach New York, um bei ihrem Onkel zu leben. Die beiden kamen sich in dieser Zeit näher als je zuvor. Trotzdem kannte Pickett noch längst nicht alle Seiten seines Lebens und seiner Arbeit.
Das änderte sich erst viele Jahre später. Pickett besuchte eine Kunstgalerie und entdeckte dort eine Sammlung erotischer Männerfotografien. Unter den Bildern stand ein vertrauter Name: Roy Blakey. Erst dadurch wurde ihr das Ausmaß eines Werkes bewusst, mit dem ihr Onkel innerhalb der schwulen Fotografie einen besonderen Platz eingenommen hatte. Der Fotokritiker Gene Thornton von der New York Times beschrieb Blakeys Leistung einmal damit, den jungen männlichen Körper „in ein ästhetisches statt in ein sexuelles Objekt“ verwandelt zu haben. Blakeys Bilder entstanden unter anderem in seinem Studio in Manhattan und auf Fire Island. Seine Fotografien stellten schwules Leben, männliche Körperlichkeit und Sinnlichkeit für ihre Zeit ungewöhnlich offen dar.
Zwischen Galerie und Subkultur
Die Fotografien erschienen unter anderem in den Magazinen Mandate und After Dark. Blakeys Arbeiten wurden sowohl in renommierten Galerien als auch an Orten der schwulen Subkultur gezeigt – darunter die berüchtigten schwulen Continental Baths in New York. 1972 veröffentlichte er mit „He“ zudem einen eigenen Fotoband. Für Pickett führte die Entdeckung dieser Seite ihres Onkels nicht zu Distanz. Im Gegenteil: Je mehr sie über sein Werk erfuhr, desto stärker fühlte sie sich ihm verbunden. Seine Sammlungen wurden schließlich auch zum Ausgangspunkt ihrer eigenen Arbeit als Filmemacherin.
2013 veröffentlichte Pickett ihren ersten Langfilm „The Fabulous Ice Age“. Für die Dokumentation griff sie auf Blakeys umfangreiche private Sammlung zurück. Der Film erzählt von einer Zeit, in der aufwendig produzierte Eiskunstlauf-Shows zu den weltweit populärsten Formen der Unterhaltung gehörten. Doch während Blakeys Archiv damit erstmals filmisch erschlossen wurde, veränderte sich sein persönliches Leben. Als er sich seinem 90. Lebensjahr näherte, zeigte er zunehmend Anzeichen einer Demenzerkrankung. Pickett übernahm schließlich die Betreuung ihres Onkels in Vollzeit.
Wettlauf gegen das Vergessen
Mit der Pflege wuchs für Pickett auch die Dringlichkeit, Blakeys gesamtes Werk zu sichern. Dabei ging es nicht mehr allein um sein außergewöhnliches Archiv zur Geschichte des Show-Eiskunstlaufs. Auch die über Jahrzehnte entstandenen Fotografien schwuler Männer sollten erhalten bleiben. Für Pickett sind sie nicht lediglich Kunstwerke, sondern zugleich Dokumente schwuler Geschichte. Genau an diesem Punkt setzt ihr neuer Film „Uncle Roy“ an. Pickett porträtiert darin ihren lebenslangen Helden und dokumentiert zugleich ihre Suche nach einem geeigneten dauerhaften Zuhause für seine umfangreichen Archive. Der Film zeichnet Blakeys Leben als wegweisender schwuler Künstler und Performer nach. Gleichzeitig beschäftigt er sich mit der Betreuung alter Menschen und der Frage, wie LGBTIQ+-Geschichte bewahrt werden kann, bevor persönliche Erinnerungen, Dokumente und Kunstwerke verloren gehen.
Premiere in New York
Für Pickett ist der Film zugleich ein ausgesprochen persönliches Projekt. „Mit Uncle Roy offenbare ich mein Herz auf eine Weise, wie ich es noch nie zuvor getan habe“, erklärte sie vor der Präsentation des Films bei NewFest. Besonders wichtig sind ihr dabei die gemeinsamen letzten Jahre mit ihrem Onkel. „Dieser Film dokumentiert auf intime Weise die wunderschönen letzten Jahre unseres gemeinsamen Lebens.“ Dass Uncle Roy nun in New York zu sehen ist, hat für die Regisseurin eine zusätzliche Bedeutung. Dort begann schließlich Blakeys zweite große Karriere nach dem Eiskunstlauf. „Ich könnte nicht aufgeregter und stolzer sein, den Film bei NewFest in New York City zu präsentieren, wo Roy seine professionelle Fotografenkarriere begann, die die LGBTIQ+-Community ins Licht rückte.“ Nach seiner internationalen Premiere steht der Dokumentarfilm jetzt im Oktober auf dem Programm mehrerer Filmfestivals. Über die virtuelle Plattform des Festivals wird die Dokumentation außerdem seit gestern bis zum 30. Oktober als Stream verfügbar sein. Am 30. Oktober folgt eine weitere Aufführung beim SCAD Savannah Film Festival. Eine mögliche weitere Kooperation mit einem großen Streamingdienst ist in Arbeit.