Eine Rollenbesetzung an einer Highschool im US-Bundesstaat Texas hat einen Streit über Geschlechterrollen, künstlerische Freiheit und gesetzliche Vorgaben ausgelöst und sorgt derzeit landesweit für Debatten. Nachdem die Schülerin Ana Mota für die traditionell männliche Hauptfigur eines Musicals ausgewählt worden war, strich der zuständige Schulbezirk die gesamte Aufführung.
Das Wichtigste im Überblick
- Musical abgesagt: Eine Highschool im US-Bundesstaat Texas hat die geplante Aufführung von „Little Shop of Horrors“ („Der kleine Horrorladen“) gestrichen, nachdem eine Schülerin die traditionell männliche Hauptrolle erhalten hatte.
- Ana Mota sollte nach etwa einer Woche Proben die Rolle des Seymour abgeben. Stattdessen wurde ihr angeboten, die weibliche Hauptrolle mit einer Mitschülerin zu teilen.
- Schulbezirk verweist auf Gesetz: Die Verantwortlichen begründen die Absage mit problematischen Beziehungsthemen des Musicals und dem texanischen Gesetz Senate Bill 12, das schulische Aktivitäten zu sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität einschränkt.
- Familie prüft Klage: Mota sieht sich wegen ihres Geschlechts benachteiligt. Ihre Mutter stellt die rechtliche Begründung der Schule infrage und erwägt juristische Schritte.
Rollenverbot für Mädchen
Betroffen ist die Produktion von „Little Shop of Horrors“ („Der kleine Horrorladen“) an der South Grand Prairie High School im Großraum Dallas-Fort Worth. Der Grand Prairie Independent School District (GPISD) bestätigte die Absage und verwies dabei unter anderem auf das texanische Gesetz Senate Bill 12. Mota, die sich in ihrem Abschlussjahr befindet, war ursprünglich für die Rolle des Seymour vorgesehen. In dem Musical arbeitet Seymour in einem Blumenladen, entdeckt eine blutrünstige Pflanze und versucht gleichzeitig, seiner Kollegin Audrey näherzukommen. Die Besetzung einer Schülerin für die männliche Hauptrolle war nach Angaben der Beteiligten das Ergebnis eines geschlechtsunabhängigen Auswahlverfahrens. Doch nach Beginn der Proben änderten die Verantwortlichen ihre Entscheidung.
Wie der Theaterjournalist Howard Sherman in seiner Publikation „Downstage Center“ berichtete, wurde Mota etwa eine Woche nach Probenbeginn darüber informiert, dass sie Seymour nicht mehr spielen dürfe. Die Hauptrolle sollte stattdessen an den männlichen Ersatzdarsteller gehen. Mota wurde angeboten, die weibliche Figur Audrey zu übernehmen und sich die Rolle mit einer anderen Schülerin zu teilen. Für die Schülerin war das keine akzeptable Alternative. „Ich war frustriert, weil ich mir eine Rolle verdient und hart dafür gearbeitet hatte und sie dann nicht spielen durfte“, sagte Mota dem Fernsehsender WFAA-TV. Sie kritisierte auch die Folgen für die gesamte Theatergruppe: „Das ist überhaupt kein Kompromiss. Es fühlt sich eher wie eine Bestrafung für alle Beteiligten im Ensemble an.“ In einem offenen Brief auf Instagram erklärte Mota, dass ihr durch die Entscheidung des Schulbezirks eine Bildungsmöglichkeit verwehrt werde, weil sie ein Mädchen sei. Der Streit blieb nicht auf die Rollenverteilung beschränkt. Schließlich wurde die gesamte Musicalproduktion abgesagt.
Schulbezirk begründet Absage
In einer Stellungnahme erklärte der Schulbezirk, die Verantwortlichen hätten Bedenken hinsichtlich der Handlung und der Darstellung einer missbräuchlichen Beziehung gehabt. „Als die Leitung des Schulbezirks von diesem Problem erfuhr, wurde unter Berücksichtigung der Themen des Musicals, darunter eine missbräuchliche Beziehung, entschieden, die Produktion abzusetzen und etwas Angemesseneres zu finden“, teilte der Schulbezirk mit. Zugleich erklärte die Schulverwaltung, die Entscheidung stehe im Zusammenhang mit den Bemühungen, sämtliche schulischen Angebote an Senate Bill 12 und andere geltende Gesetze anzupassen.
Das texanische Gesetz trat im September 2025 in Kraft. Es sieht Einschränkungen für schulischen Unterricht sowie Aktivitäten und Programme vor, die sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität betreffen. Ob die Besetzung einer weiblichen Schülerin in einer männlichen Theaterrolle tatsächlich unter die gesetzlichen Beschränkungen fällt, ist allerdings umstritten. Die Schulverwaltung stellte in ihrer öffentlichen Begründung die Themen des Musicals und die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben in den Vordergrund. Die zeitliche Abfolge der Ereignisse wirft jedoch Fragen nach dem ausschlaggebenden Grund für die Absage auf.
Dasselbe Musical, andere Schule
Das Portal „Friendly Atheist“ griff die Kontroverse auf und stellte die Frage, weshalb die Inhalte des Musicals erst nach der Besetzung von Ana Mota als problematisch eingestuft wurden. Schließlich hatte die South Grand Prairie High School „Little Shop of Horrors“ bereits vier Jahre zuvor aufgeführt. Hinzu kommt, dass die Grand Prairie Fine Arts Academy, die ebenfalls zum selben Schulbezirk gehört, das Musical in diesem Jahr auf die Bühne bringt. Damit bleibt offen, weshalb die Handlung an einer Schule zur vollständigen Absage führt, während eine andere Einrichtung desselben Schulbezirks das Stück weiterhin aufführen kann.
Das Musical gehört seit Jahrzehnten zum internationalen Theaterrepertoire. Besonders bekannt wurde es durch die Verfilmung von 1986 unter der Regie von Frank Oz mit Rick Moranis und Ellen Greene. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die zunächst unscheinbare Pflanze Audrey II, die sich als fleischfressendes Wesen entpuppt und zunehmend bedrohliche Forderungen stellt. Das Stück verbindet schwarzen Humor, Liebesgeschichte und Horror-Elemente.
Mutter kritisiert Gesetzgebung
Für Motas Familie geht der Konflikt weit über eine einzelne Schulaufführung hinaus. Im Gespräch mit dem Theaterjournalisten Howard Sherman kritisierte ihre Mutter die ihrer Ansicht nach einschüchternde Wirkung gesetzlicher Regelungen, die sich gegen LGBTIQ+-Menschen und künstlerische Ausdrucksformen richten. „Ich weiß nicht, an welchem Punkt wir so geworden sind“, sagte sie. Die Politik solle sich nach ihrer Auffassung stärker um gesellschaftliche Probleme wie den Zugang zur Gesundheitsversorgung, bezahlbaren Wohnraum, Ernährungsunsicherheit und Waffengewalt kümmern.
Zugleich erklärte die Mutter, dass die Familie rechtliche Schritte in Betracht ziehe, falls der Schulbezirk seine Entscheidung nicht zurücknehme. Mota selbst sieht in ihrem Ausschluss von der Hauptrolle einen möglichen Verstoß gegen das US-Bundesgesetz Title IX. Dieses Gesetz verbietet Diskriminierung aufgrund des Geschlechts in Bildungsprogrammen und Einrichtungen, die finanzielle Mittel des Bundes erhalten. Ob die Entscheidung des Schulbezirks tatsächlich gegen Title IX verstößt, müsste rechtlich geprüft werden. Eine entsprechende gerichtliche Feststellung liegt nach den vorliegenden Berichten nicht vor.
„Das ist überhaupt kein Drag“
Die Schülerin weist insbesondere die Vorstellung zurück, dass ihre Besetzung als Seymour eine besondere geschlechtspolitische Inszenierung gewesen sei. Sie habe bereits zuvor männliche Figuren auf der Bühne verkörpert, darunter Jack im Musical „Into the Woods“. Nach ihren Angaben erfolgte die Rollenvergabe unabhängig vom Geschlecht der Bewerber. „Das ist überhaupt kein Drag“, sagte Mota der Zeitung „The Dallas Morning News“. Auch ihre Mutter Nancy Jimenez widersprach der rechtlichen Argumentation des Schulbezirks. „Das Gesetz selbst ist auf diese Situation überhaupt nicht anwendbar“, erklärte sie gegenüber dem Fernsehsender NBC DFW.
Bei Theaterproduktionen an amerikanischen Highschools ist es nicht ungewöhnlich, Rollen unabhängig vom Geschlecht der Darstellenden zu besetzen. Das liegt unter anderem daran, dass die Zusammensetzung der Theatergruppen und die verfügbaren Stimmlagen nicht immer mit den Rollenverteilungen der ursprünglichen Stücke übereinstimmen. Gerade im schulischen Theater soll die Rollenvergabe zudem ermöglichen, dass Schülerinnen und Schüler unterschiedliche darstellerische Fähigkeiten entwickeln und Erfahrungen sammeln können. Der Fall erinnert zudem an eine ähnliche Auseinandersetzung aus dem Jahr 2023. Damals wurde einem trans* Jungen in Texas untersagt, in einer Schulaufführung des Musicals „Oklahoma!“ eine männliche Hauptrolle zu übernehmen. Der zuständige Schulbezirk erklärte seinerzeit, bei der Besetzung künftig das im Text angegebene Geschlecht der jeweiligen Figur berücksichtigen zu wollen.