Ein Mann wird von einem Wal verschluckt, kämpft in dessen Magen gegen einen Oktopus und hat nur noch Sauerstoff für wenige Minuten. Der neue Survival-Thriller „Whalefall“ setzt auf ein ungewöhnliches Szenario und drastische Bilder. Doch ausgerechnet ein kurzer Dialog über die mögliche sexuelle Orientierung der Hauptfigur verleiht der Geschichte eine zusätzliche Bedeutung.
Das Wichtigste im Überblick
- Überlebenskampf im Wal: In „Whalefall“ spielt Austin Abrams einen Taucher, der von einem Wal verschluckt wird und mit begrenztem Sauerstoff um sein Leben kämpfen muss.
- Schwierige Vater-Sohn-Beziehung: Josh Brolin verkörpert einen verstorbenen Vater, der seinen Sohn zu Lebzeiten wegen vermeintlicher Schwäche und mangelnder Männlichkeit herabgesetzt hat.
- Als der Vater seinen Sohn nach einer Freundin und anschließend nach einem Freund fragt, erhält die Geschichte eine mögliche schwule Dimension.
- Sexuelle Orientierung bleibt offen: Der Film bestätigt nicht ausdrücklich, ob die Hauptfigur schwul ist. Die Szene lässt jedoch Raum für eine entsprechende Interpretation.
- Mehr als ein Horrorfilm: Regisseur Brian Duffield verbindet den Kampf ums Überleben mit Themen wie Trauer, psychischer Belastung, Männlichkeitsbildern und Selbstakzeptanz.
Frage der Identität
In dem Film von Regisseur Brian Duffield übernimmt Austin Abrams die Rolle des Tauchers Jay. Nachdem er im Inneren eines Wals gelandet ist, bleiben ihm nur noch rund 40 Minuten Sauerstoff. Während er versucht, einen Ausweg zu finden, wird er mit den Erinnerungen an seinen verstorbenen Vater konfrontiert. Was zunächst wie ein klassischer Überlebensfilm mit einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung erscheint, entwickelt dadurch auch eine psychologische Ebene. Eine scheinbar beiläufige Frage wirft schließlich die Möglichkeit auf, dass Jay nicht nur um sein Leben kämpft, sondern sich auch mit einer bislang unausgesprochenen Seite seiner Identität auseinandersetzt.
Ein Oktopus im Magen
Bereits die Ausgangssituation von „Whalefall“ ist außergewöhnlich. Jay befindet sich im Verdauungstrakt eines Wals und versucht unter extremen Bedingungen, am Leben zu bleiben. Dabei muss er sich nicht nur gegen die immer knapper werdende Sauerstoffversorgung behaupten. Im Inneren des Tieres wird er auch von einem Oktopus angegriffen. Besonders dessen zuschnappender Schnabel und die Ansammlungen von Magensäure sorgen für drastische Bilder. Der Film verbindet damit Elemente des Kreaturen-Horrors mit einem Survival-Thriller. Für die Hauptfigur wird die Situation zunehmend aussichtslos. Mit jeder Minute steigt die Gefahr, dass Jay das Bewusstsein verliert. Gleichzeitig rücken Erinnerungen und Gedanken in den Vordergrund, die weit über seine unmittelbare körperliche Bedrohung hinausgehen.
Josh Brolin spielt Vater
Eine zentrale Rolle spielt Jays Verhältnis zu seinem Vater Mitt, der von Josh Brolin dargestellt wird. Mitt war Tauchlehrer und Kapitän eines Bootes, mit dem Walbeobachtungstouren angeboten wurden. Zu Beginn des Films stirbt er durch Suizid auf dem Meer. In Rückblenden wird deutlich, dass die Beziehung zwischen Vater und Sohn seit Jays Kindheit von Konflikten geprägt war. Mitt erscheint als jähzorniger und autoritärer Mann, der hohe Erwartungen an seinen Sohn stellt. Wiederholt kritisiert er Jay dafür, seinen Vorstellungen von Männlichkeit nicht zu entsprechen. Dabei verspottet er unter anderem dessen körperliche Verfassung und spricht abfällig von seinen „schwachen Lungen“.
Auch Jays Emotionalität und sein schmächtiger Körperbau werden zum Anlass für Herabsetzungen. Die Erinnerungen an diese Erfahrungen begleiten Jay während seines Überlebenskampfs. Die Stimme des verstorbenen Vaters ist in seinen Gedanken immer wieder präsent. Zunächst folgt diese Konstellation einem bekannten Erzählmuster: Ein Sohn versucht, sich von den Erwartungen eines dominanten Vaters zu lösen. Doch im weiteren Verlauf erhält die Beziehung eine zusätzliche, unerwartete Dimension. Während Jay zunehmend das Bewusstsein verliert, hört er erneut die Stimme seines verstorbenen Vaters. Mitt stellt ihm eine persönliche Frage: „Hast du eine Freundin?“ Jay antwortet, dass er keine habe. Daraufhin fragt sein Vater: „Einen Freund?“
Besonderes Gespräch
Der kurze Wortwechsel gehört zu den bemerkenswertesten Momenten des Films. Denn bis dahin wurde Jays sexuelle Orientierung nicht ausdrücklich thematisiert. Die Handlung liefert auch keine eindeutige Bestätigung dafür, dass er heterosexuell ist. Mit der Nachfrage nach einem möglichen männlichen Partner eröffnet „Whalefall“ deshalb eine neue Interpretation der Hauptfigur. Die Szene lässt offen, ob Jay schwul, bisexuell oder noch dabei ist, seine sexuelle Orientierung zu erkunden. Eine eindeutige Antwort gibt der Dialog nicht. Gerade diese Zurückhaltung macht ihn nach Einschätzung von schwulen Filmfans online besonders wirkungsvoll.
Auch die britische Presse feiert inzwischen diesen kleinen Filmmoment. Nach Einschätzung von Filmkritikern gelingt es „Whalefall“, mit wenigen Worten eine zusätzliche psychologische Ebene zu eröffnen, ohne daraus eine eigenständige Coming-Out-Handlung zu machen. Andere große Filmproduktionen würden queere Identitäten teilweise nur durch vage Hinweise andeuten oder entsprechende Erwartungen beim Publikum wecken, ohne sie später aufzugreifen. „Whalefall“ unterscheidet sich davon, weil die mögliche schwule Dimension nicht künstlich in den Vordergrund gerückt wird. Stattdessen erscheint sie als Teil einer umfassenderen Auseinandersetzung mit Jays Persönlichkeit, seiner Vergangenheit und seiner Beziehung zum Vater.
Vorstellung von Männlichkeit
Besonders aufschlussreich ist demnach die Szene im Zusammenhang mit den Erwartungen, die Mitt an seinen Sohn gestellt hat. Seit seiner Kindheit musste Jay erleben, dass sein Vater bestimmte Eigenschaften als Schwäche betrachtete. Dazu gehörten emotionale Offenheit, körperliche Verletzlichkeit und Verhaltensweisen, die nicht dessen traditionellem Männerbild entsprachen. Eine mögliche Deutung lautet deshalb, dass Jay gelernt haben könnte, Teile seiner Persönlichkeit zu unterdrücken, um den Vorstellungen seines Vaters zu entsprechen. Falls er tatsächlich schwul sein sollte, könnten diese Erfahrungen auch seinen Umgang mit der eigenen sexuellen Orientierung beeinflusst haben. Damit macht der Film auch auf ein verbreitetes Wahrnehmungsmuster aufmerksam: Solange eine Figur nicht anders charakterisiert wird, gilt Heterosexualität häufig als unausgesprochene Norm. Diese Erwartung kann auch bei Menschen bestehen, die selbst schwul oder queer sind.
Der Wal als Sinnbild
Mit der Frage nach Jays möglicher schwuler Identität verändert sich auch die symbolische Bedeutung seiner Umgebung. Der Magen des Wals ist zunächst ein lebensgefährlicher Ort, aus dem der Taucher entkommen muss. Zugleich kann er als Sinnbild einer psychischen Gefangenschaft verstanden werden. Jay bewegt sich durch die pulsierenden inneren Kammern des Tieres, während er gedanklich mit seinem Vater und seiner Vergangenheit ringt. Der äußere Überlebenskampf spiegelt damit möglicherweise einen inneren Konflikt wider, so britische Filmkritiker weiter. Jay muss dem Wal entkommen.
Zugleich könnte sein Überleben symbolisch dafür stehen, sich von belastenden Erinnerungen, fremden Erwartungen und möglicherweise verdrängten Gefühlen zu befreien. Ob Nerd-Debatte oder nicht, klar ist, „Whalefall“ ist wohl mehr als ein gewöhnlicher Kreaturen-Horrorfilm. Am Ende steht mehr auf dem Spiel als die Frage, ob Jay lebend aus dem Wal entkommen kann. Der Film wirft zugleich die Frage auf, ob es ihm gelingt, sich von den Erwartungen seines Vaters zu lösen und einen eigenen Umgang mit seiner Persönlichkeit zu finden. Aus einem außergewöhnlichen Überlebensszenario wird so auch eine Geschichte über die Suche nach der eigenen Identität.