Er durchbrach ein gesellschaftliches Tabu und wurde damit zu einer historischen Figur der europäischen Politik: Der frühere niederländische Parlamentsabgeordnete Coos Huijsen ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Wie seine Familie mitteilte, starb er nach kurzer Krankheit in seinem Zuhause. Sein Ehemann Lank Bos begleitete ihn in seinen letzten Stunden.
Das Wichtigste im Überblick
- Politischer Pionier gestorben: Der frühere niederländische Parlamentsabgeordnete Coos Huijsen ist im Alter von 87 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben. Sein Ehemann Lank Bos war an seiner Seite.
- Historisches Coming-Out: 1976 bekannte sich Huijsen öffentlich zu seiner Homosexualität und gilt damit als weltweit erster offen homosexueller Parlamentsabgeordneter.
- Ungewöhnliche Karriere: Der Politiker begann seine Laufbahn in einer konservativen protestantischen Partei, wurde später parteilos und schloss sich schließlich den Sozialdemokraten an.
- Engagement für Gleichberechtigung: Huijsen setzte sich jahrzehntelang für die Rechte homosexueller Menschen ein und veröffentlichte Bücher über die Entwicklung der gesellschaftlichen Akzeptanz.
Pionier der Community
Huijsen gilt als weltweit erster Parlamentarier, der sich während seiner Amtszeit öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. Mit seinem Coming-Out setzte er ein Zeichen in einer Zeit, in der gleichgeschlechtliche Beziehungen besonders im politischen Umfeld noch weitgehend tabuisiert waren. Der historische Moment ereignete sich 1976, als Huijsen nach einer früheren kurzen Parlamentszugehörigkeit erneut in die Zweite Kammer des niederländischen Parlaments einzog. Er rückte als parteiloser Abgeordneter auf einen frei gewordenen Sitz nach. Zur offiziellen Vereidigung erschien er nicht allein, sondern gemeinsam mit seinem Lebensgefährten Lank Bos. Die beiden hatten sich 1973 kennengelernt.
Mit diesem öffentlichen Auftritt machte Huijsen seine sexuelle Orientierung erstmals für die Öffentlichkeit sichtbar. Eine ausdrückliche Erklärung war dafür nicht notwendig. Schon die Anwesenheit seines Partners bei der Zeremonie galt damals als außergewöhnlich. Zuvor hatte Huijsen Gerüchte über seine Homosexualität noch bestritten. Sein späterer Umgang mit dem Thema markierte deshalb auch einen persönlichen Wandel. In den 1970er Jahren war die gesellschaftliche Akzeptanz homosexueller Menschen deutlich geringer als heute. Gerade in der von traditionellen Vorstellungen geprägten Politik war ein offenes Bekenntnis zur eigenen Homosexualität mit erheblichen gesellschaftlichen Hürden verbunden.
Erst konservativ, dann Sozialdemokrat
Auch unabhängig von seinem Coming-Out verlief Huijsens politische Laufbahn ungewöhnlich. 1972 zog er erstmals für die Christelijk-Historische Unie (CHU) ins Parlament ein. Die konservative protestantische Partei gehörte zu den politischen Vorläufern des heutigen Christlich-Demokratischen Appells (CDA). Bereits sechs Monate später kam es zum Bruch. Wegen politischer Meinungsverschiedenheiten verließ Huijsen die CHU und setzte seine politische Tätigkeit unabhängig von der Partei fort. Seine parlamentarische Laufbahn endete 1977. Anschließend trat er der sozialdemokratischen Arbeitspartei Partij van de Arbeid (PvdA) bei. Eine Rückkehr in die Zweite Kammer gelang ihm jedoch nicht mehr. Sein politischer Werdegang führte ihn damit von einem konservativen protestantischen Umfeld über die parteilose Tätigkeit bis in die niederländische Sozialdemokratie.
Lehrer und Experte für das Königshaus
Nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament blieb Huijsen beruflich und gesellschaftlich aktiv. Einen großen Teil seines Lebens widmete er dem Bildungswesen. Er arbeitete als Geschichtslehrer und übernahm später die Leitung des Gerrit van der Veen College in Amsterdam. Bis 1998 stand er an der Spitze der Schule. Neben seiner Tätigkeit als Pädagoge beschäftigte er sich intensiv mit historischen und politischen Fragen. Er veröffentlichte mehrere Bücher, unter anderem über den Sozialismus. Nach dem Ende seiner beruflichen Laufbahn im Bildungsbereich wandte er sich verstärkt der Geschichte des niederländischen Königshauses zu. Auf diesem Gebiet erarbeitete er sich den Ruf eines anerkannten Experten. 2012 promovierte Huijsen mit einer wissenschaftlichen Arbeit über das niederländische Königshaus.
Einsatz für Homosexuelle
Seine Erfahrungen als einer der ersten offen homosexuellen Politiker prägten auch sein späteres gesellschaftliches Engagement. Huijsen setzte sich über Jahrzehnte für die Emanzipation und Gleichberechtigung homosexueller Menschen ein. Dabei ging es ihm nicht nur um rechtliche Verbesserungen, sondern auch um gesellschaftliche Anerkennung und Sichtbarkeit. 2007 gründete er gemeinsam mit weiteren Mitstreitern die Stiftung Het Blauwe Fonds. Die Organisation unterstützt Projekte, die sich für die Emanzipation homosexueller Menschen einsetzen. Seine eigene Lebensgeschichte und seine Erfahrungen mit gesellschaftlichen Veränderungen verarbeitete Huijsen auch literarisch. 2016 veröffentlichte er seine Memoiren unter dem Titel „Homo politicus“. Darin beschäftigte er sich mit seinem persönlichen und politischen Werdegang sowie den Erfahrungen, die er als schwuler Mann in der niederländischen Politik gemacht hatte.
Letztes Buch erschien 2026
Anfang dieses Jahres erschien eine überarbeitete Fassung seiner Erinnerungen. Das Buch trägt den Titel „Roze Draad. Strijd, succes en stilstand in vijftig jaar homo-emancipatie“. Auf Deutsch bedeutet dies sinngemäß „Rosa Faden. Kampf, Erfolge und Stillstand in fünfzig Jahren homosexueller Emanzipation“. Huijsen blickte darin auf rund fünf Jahrzehnte gesellschaftlicher Entwicklungen zurück. Neben den Erfolgen der Gleichberechtigungsbewegung thematisierte er auch Hindernisse und Phasen des Stillstands. Mit der Veröffentlichung wollte er seine Erfahrungen und Einschätzungen einer neuen Generation zugänglich machen. Mit seinem Tod verliert die niederländische Schwulen-Bewegung einen ihrer frühen politischen Wegbereiter.