Der amerikanische Filmregisseur Tom DeSimone, der als einer der Wegbereiter des modernen schwulen Pornofilms gilt und später mit Horror- und Exploitation-Filmen Bekanntheit erlangte, ist tot. Wie jetzt bekannt wurde, starb er bereits am 17. Oktober im Alter von 87 Jahren. Wenige Tage vor seinem Tod hatte er auf Facebook eine persönliche Abschiedsbotschaft veröffentlicht.
Das Wichtigste im Überblick
- Tod mit 87 Jahren: Der US-amerikanische Regisseur Tom DeSimone starb am 17. Oktober 2026 in Palm Springs. Wenige Tage zuvor hatte er sich mit einer emotionalen Botschaft von Freunden und Fans verabschiedet.
- Pionier schwuler Pornofilme: Mit The Collection (1970) schuf er unter dem Künstlernamen Lancer Brooks einen der ersten schwulen Pornofilme mit einer zusammenhängenden Handlung und gesprochenen Dialogen.
- Neue Maßstäbe im Genre: DeSimone verband erotische Inhalte mit filmischer Erzählkunst, sorgfältiger Inszenierung und professionellem Schnitt.
- Erfolge im Unterhaltungskino: Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehören Chatterbox (1977), Hell Night (1981), The Concrete Jungle (1982) und Reform School Girls (1986).
- Auszeichnung für sein Lebenswerk: 2005 wurde er in die GayVN Hall of Fame aufgenommen. Auch als Fernsehregisseur war er über Jahrzehnte erfolgreich.
Erotischer Geschichtenerzähler
DeSimone gehörte zu jener Generation von Filmemachern, die in den 1970er-Jahren das schwule Erotik-Kino grundlegend veränderten. Während entsprechende Produktionen zuvor meist aus lose miteinander verbundenen erotischen Szenen bestanden, setzte er zunehmend auf Geschichten, Dialoge und eine sorgfältige filmische Gestaltung. Seine Karriere führte ihn vom schwulen Pornofilm über das amerikanische Exploitation-Kino bis zu zahlreichen Fernsehproduktionen. Dabei blieb er besonders für seinen eigenständigen Inszenierungsstil und seine Fähigkeit bekannt, auch mit geringen Budgets professionelle Ergebnisse zu erzielen.
Abschiedsbotschaft vor seinem Tod
Kurz vor seinem Tod wandte sich DeSimone mit einer emotionalen Nachricht an seine Familie, Freunde, Wegbegleiter und Fans. „Es scheint, als sei für mich die Zeit gekommen, Danke und Lebewohl zu sagen“, schrieb er auf Facebook. Er erinnerte an Menschen, die sein Leben geprägt hatten, darunter Familienmitglieder, Freunde aus Kindertagen und sogar frühere berufliche Gegner. „Jeder von euch, der mein Leben auf irgendeine noch so kleine Weise berührt hat, soll wissen, dass es so sein sollte“, erklärte der Regisseur.
Seiner Familie versicherte er, sie von Anfang an geliebt zu haben, unabhängig davon, was geschehen sei. Mit Humor kommentierte er seine Schwierigkeiten beim Verfassen der Nachricht: „Ich wünschte, ich könnte mich poetischer ausdrücken, aber ich tippe hier mit nur einem Finger auf meinem iPad herum.“ Seinen bevorstehenden Tod betrachtete er nach eigenen Worten ohne Furcht. „Ich habe keine Angst, sondern bin vor allem neugierig. Ich hoffe, dass einige von euch die Freude und die Magie erleben dürfen, die das Schicksal mir geschenkt hat.“ Seine letzten Worte in der öffentlichen Botschaft lauteten: „ICH LIEBE EUCH ALLE. GUTE NACHT.“
Vom Filmstudenten zum Regisseur
Tom DeSimone wurde am 1. Juli 1939 in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts geboren. Er studierte Film am Emerson College in Boston und absolvierte anschließend ein Masterstudium der Filmproduktion an der University of California in Los Angeles (UCLA). Bereits sein Studentenfilm „The Game“ aus dem Jahr 1965 beschäftigte sich mit ungewöhnlichen zwischenmenschlichen Situationen. Im Mittelpunkt standen eine Schauspielerin und ein junger Mann, die sich auf ein Rollenspiel einlassen. 1968 inszenierte DeSimone eine Sequenz des Episodenfilms „Terror in the Jungle“. Seine ersten beruflichen Erfahrungen sammelte er unter anderem beim Schnitt von Lehrfilmen für Kinder. Den entscheidenden Einstieg in die Spielfilmproduktion fand er jedoch über die Pornofilmbranche, die sich Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre in einer Phase grundlegender Veränderungen befand.
Schwule Filmgeschichte geschrieben
Unter dem Künstlernamen Lancer Brooks inszenierte DeSimone 1970 den Film „The Collection“, der weithin als erster schwuler Pornofilm mit einer durchgehenden Handlung und gesprochenen Dialogen gilt. Damit setzte er neue Maßstäbe für ein Genre, das bis dahin überwiegend aus erotischen Bildfolgen mit musikalischer Begleitung bestanden hatte. DeSimone verstand Pornofilme nicht ausschließlich als Mittel zur Darstellung von Sexualität. Er interessierte sich auch für Dramaturgie, Figurenentwicklung und die Möglichkeiten filmischer Inszenierung. Seine Arbeiten gehörten deshalb zu den künstlerisch ambitioniertesten Produktionen der damaligen schwulen Pornofilmbranche.
1971 folgte “Confessions of a Male Groupie, or How I Learned to Stop Worrying and Love the Electric Banana”. Der Film verband erotische Inhalte mit experimentellen Erzählformen und ungewöhnlichen visuellen Ideen. Bereits 1970 hatte DeSimone außerdem ohne Nennung im Abspann den Dokumentarfilm „Inside A.M.G. (The Athletic Model Guild Story)“ gedreht. Darin führte der Darsteller Rick Cassidy durch die Geschichte der Athletic Model Guild des Fotografen Bob Mizer, der mit seinen Aufnahmen muskulöser Männer eine wichtige Rolle in der frühen schwulen Bild- und Filmkultur spielte.
Schnell „aus dem Handgelenk“
In den folgenden Jahren arbeitete DeSimone regelmäßig für die Produktionsfirma Hand in Hand, die zu den bedeutenden Anbietern schwuler Pornofilme gehörte. Zu seinen bekanntesten Regiearbeiten dieser Zeit zählen „Catching Up“ aus dem Jahr 1975 und „The Idol“ von 1979. Die Filme zeichneten sich durch eine vergleichsweise aufwendige Gestaltung und eine sorgfältige Inszenierung aus. Rückblickend zeigte sich DeSimone mit seiner damaligen Arbeit zufrieden. „Ich habe damals einige wirklich gute Arbeiten abgeliefert, wenn man die Budgets und Produktionsbedingungen berücksichtigt“, sagte er. „Ich habe gelernt, schnell und aus dem Handgelenk zu drehen.“ Die begrenzten finanziellen Möglichkeiten zwangen ihn dazu, Dreharbeiten präzise vorzubereiten und effizient zu organisieren. Diese Erfahrungen erwiesen sich auch für seine spätere Karriere als hilfreich.
Meister des Schnitts
Besondere Aufmerksamkeit widmete DeSimone der Arbeit mit Darstellern, die häufig über keinerlei Schauspielausbildung verfügten. In einem Interview mit Bijou Blog aus dem Jahr 2019 erläuterte er ausführlich seine Arbeitsweise. „Gute schauspielerische Leistungen zu bekommen, war immer eine Herausforderung“, erklärte er. Deshalb habe er sämtliche Szenen im Voraus genau geplant und die Drehbücher systematisch aufgeschlüsselt. Bereits vor Drehbeginn legte er fest, welche Dialoge in Nahaufnahmen, Zweier-Einstellungen oder Totalen aufgenommen werden sollten. Auf diese Weise stellte er sicher, dass beim späteren Filmschnitt genügend Material zur Verfügung stand, um überzeugende Szenen zusammenzustellen.
„Ich wusste, dass diese Jungs niemals in der Lage sein würden, eine komplette Szene in einer einzigen durchgehenden Einstellung zu tragen“, erinnerte sich DeSimone. Stattdessen drehte er kurze Abschnitte und konzentrierte sich mit den Darstellern jeweils auf wenige Dialogzeilen. Anschließend nahm er dieselbe Szene aus anderen Perspektiven auf. Fehler oder schwache Leistungen ließen sich so korrigieren, ohne eine vollständige Sequenz erneut drehen zu müssen. „Ich war ein Meister des Filmschnitts, und es machte mir Spaß, aus sehr wenig Material eine überzeugende schauspielerische Leistung zusammenzusetzen“, sagte er. Oft seien die Darsteller selbst überrascht gewesen, wenn sie ihre Leistungen im fertigen Film gesehen hätten. „Viele Male waren die Schauspieler erstaunt – und beeindruckt –, wenn sie zur Vorführung kamen, um den Film zu sehen.“
Mit „Chatterbox“ ins Unterhaltungskino
1977 gelang DeSimone mit der Komödie „Chatterbox“ der Übergang zu einem breiteren Kinopublikum. Der Film mit Candice Rialson in der Hauptrolle erzählt die absurde Geschichte einer jungen Frau, deren Vagina plötzlich sprechen und sogar Discolieder singen kann. Die Produktion verband Elemente des Pornofilms mit einer grotesken Komödie und dem damals populären Exploitation-Kino. „Chatterbox“ entwickelte sich zu einem ungewöhnlichen Kultfilm, der später auch im amerikanischen Kabelfernsehen gezeigt wurde.
Nach diesem Erfolg arbeitete DeSimone zunehmend im amerikanischen Horror- und Exploitation-Kino. 1981 inszenierte er den Slasherfilm „Hell Night“, in dem Linda Blair, Vincent Van Patten und Kevin Brophy mitwirkten. 1982 drehte er „The Concrete Jungle“, einen Frauenknastfilm mit Tracey E. Bregman und Jill St. John. Zu den in Erinnerung gebliebenen Dialogzeilen des Films gehört ein Satz von Carole Ita White: „Und dann gab es noch diesen einen verdammten Idioten, Larry – was für ein Körper.“ Vier Jahre später folgte mit „Reform School Girls“ eine Parodie auf das Frauenknastgenre. Die Produktion nahm die überzeichneten Konventionen entsprechender Exploitation-Filme aufs Korn und entwickelte sich ebenfalls zu einem Kulttitel. DeSimones letzter nichtpornografischer Kinofilm als Regisseur war „Angel III: The Final Chapter“ aus dem Jahr 1988.
Karriere im US-Fernsehen
Parallel zu seinen Kinoproduktionen etablierte sich DeSimone als gefragter Fernsehregisseur. Er inszenierte unter anderem Episoden der Horrorserie „Freddy’s Nightmares“ (1988 bis 1989), der Science-Fiction-Serie „Super Force“ (1991 bis 1992) und der Comicverfilmung „Swamp Thing“ (1992 bis 1993). Weitere Arbeiten waren unter anderem „Dark Justice“ (1991 bis 1993), „The Big Easy“ (1986 bis 1987), „Pensacola: Wings of Gold“ (1998) und „She Spies“ (2002). 1995 übernahm DeSimone auch die Regie für die gesamte Telenovela „Acapulco Bay“.
Nach seinem Tod würdigte die Schauspielerin Katie Barberi den Regisseur in den sozialen Medien. Sie hatte mit ihm bei „Acapulco Bay“ zusammengearbeitet und erinnerte sich besonders an seine Freundlichkeit während der Dreharbeiten. Sie bezeichnete ihn als „einen unglaublich liebenswerter Menschen, dessen Karriere sich über Jahrzehnte erstreckte“. Sie werde ihm stets dankbar bleiben, weil er sie freundlich aufgenommen und ihr das Gefühl gegeben habe, willkommen zu sein.
Vorreiter schwuler Filmgeschichte
Für seine Verdienste um den schwulen Pornofilm wurde DeSimone 2005 in die GayVN Hall of Fame aufgenommen. Die Auszeichnung würdigte einen Regisseur, der wesentlich dazu beigetragen hatte, die ästhetischen und erzählerischen Möglichkeiten schwuler Erotikfilme zu erweitern. Seine frühen Arbeiten entstanden in einer Zeit, in der homosexuelle Lebenswelten im kommerziellen Kino kaum sichtbar waren. Schwule Pornofilme bildeten damals einen eigenen kulturellen Raum, in dem männliche Homosexualität offen dargestellt werden konnte. Zuletzt lebte DeSimone in Palm Springs im US-Bundesstaat Kalifornien.