Eines der bedeutendsten Zentren schwuler Kunstgeschichte steht vor einer ungewissen Zukunft. Die Tom of Finland Foundation will ihre jahrzehntelange Verbindung zum Tom of Finland House in Los Angeles beenden und die dort aufbewahrte Kunstsammlung auslagern. Künstler und ehemalige Mitarbeiter reagieren mit Protest und Sorge um das kulturelle Erbe.
Das Wichtigste im Überblick
- Historischer Ort bedroht: Die Tom of Finland Foundation will nach rund 40 Jahren das berühmte Künstlerhaus in Los Angeles verlassen und die Kunstsammlung in ein professionelles Depot verlegen.
- Seit Juni wurden alle Mitarbeiter entlassen, Künstlerresidenzen abgesagt und Veranstaltungen gestrichen.
- Künstler protestieren: Mehr als 40 ehemalige Stipendiaten fordern Transparenz über die Finanzen und Zukunftspläne der Stiftung.
- Streit nach Nazi-Skandal: Mitgründer Durk Dehner musste 2025 nach einer Kontroverse um nationalsozialistische Symbole seine Ämter aufgeben. Er weist eine rechtsextreme Gesinnung zurück.
- Umzug nach New York befürchtet: Dehner vermutet, dass die Stiftung ihr Engagement in Los Angeles aufgeben will. Der Vorstand hat einen solchen Umzug bislang nicht bestätigt.
Ort schwuler Kunstgeschichte
Das historische Gebäude im Stadtteil Echo Park war vier Jahrzehnte lang Archiv, Atelier und Begegnungsstätte für homosexuelle und queere Künstler aus aller Welt. Seit Juni hat die Stiftung jedoch sämtliche Programme eingestellt, ihre Mitarbeiter entlassen und Künstlerresidenzen abgesagt. Hinter der Entwicklung stehen finanzielle Schwierigkeiten, ein tiefgreifender Konflikt zwischen dem Stiftungsvorstand und Mitgründer Durk Dehner sowie ein Skandal um nationalsozialistische Symbole.
Tom of Finland, mit bürgerlichem Namen Touko Laaksonen, prägte mit seinen Zeichnungen muskulöser, erotisch dargestellter Männer die schwule Kultur des 20. Jahrhunderts. Seine Werke, die zunächst vor allem über Magazine und Versandhandel verbreitet wurden, sind heute unter anderem im Museum of Modern Art in New York und im Museum of Contemporary Art in Los Angeles vertreten. Der finnische Künstler lebte von 1980 bis 1990 gemeinsam mit seinem Partner Durk Dehner in dem weitläufigen Haus mit 14 Zimmern. Dehner wohnt dort bis heute. 1984 gründeten beide die Tom of Finland Foundation, um das Werk des Künstlers zu bewahren und schwule erotische Kunst zu fördern. Neben Toms Arbeiten umfasst die Sammlung heute Tausende Werke und historische Dokumente, darunter Kunst von John Waters und Robert Mapplethorpe sowie Unterlagen über Toms internationale Sammler. 2016 erklärte Los Angeles das Haus zum kulturhistorischen Denkmal. Über Jahrzehnte fanden dort Workshops, Ausstellungen, Führungen, Festivals und Künstlerresidenzen statt.
Künstler sind wütend
Mit der überraschenden Einstellung der Programme gerieten auch internationale Künstler in Schwierigkeiten. Der deutsche Künstler Georg Meyer-Wiel reiste im Juli für eine geplante Residenz aus London an. Erst vor Ort erfuhr er, dass sämtliche Workshops, Treffen und Werbemaßnahmen abgesagt worden waren. „Diese Künstlerresidenz hat mich eine Menge Geld gekostet“, sagte Meyer-Weil. „Ich habe fast 20.000 Dollar ausgegeben, um dort zu sein, und von diesen Mistkerlen nichts bekommen, weil sie alles abgesagt haben. Es gab keine Werbung, es gab gar nichts. Nicht einmal eine Entschuldigung.“
Der italienische Künstler Francesco Brunetti wurde erst zwei Wochen vor Beginn seiner geplanten Residenz im September über deren vollständige Absage informiert. „Das war eine riesige Sache. Ich hatte alles geplant, auch mit meiner Firma in Großbritannien. Ich musste ein Sabbatical beantragen und sämtliche Vorkehrungen für die Wohnung treffen, die ich in London miete“, erklärte er. Nach einem Gespräch mit Dehner konnte Brunetti schließlich trotzdem im Haus arbeiten – ohne Beteiligung der Stiftung. „Was passiert ist, ist schrecklich. So behandelt man Menschen nicht.“
Stiftung will Sammlung auslagern
Die Stiftung hatte im Juni ihre Mietzahlungen an Dehner eingestellt. Zur Begründung erklärte sie, eingehende Gelder seien nicht rechtzeitig verfügbar gewesen, um laufende Verpflichtungen zu erfüllen. Dehner versuchte daraufhin, eine Räumungsaufforderung zustellen zu lassen. Er wollte nach eigenen Angaben erreichen, dass der Vorstand überhaupt wieder mit ihm kommuniziert. Tatsächlich zugestellt wurde die Aufforderung nicht. „Wir wollten erreichen, dass sie sich mit uns an einen Tisch setzen und darüber sprechen, was los ist, denn sie hatten überhaupt nicht mit mir darüber kommuniziert, dass sie keine Miete, keine Nebenkosten und keine externen Lagerkosten mehr bezahlen“, sagte Dehner.
In einer öffentlichen Erklärung bestätigte die Stiftung inzwischen ihre Trennung vom Tom House. „Nach sorgfältiger Prüfung sind wir zu dem Schluss gekommen, dass die Stiftung nicht länger verantwortungsvoll als ansässige Organisation im Haus von Herrn Dehner tätig sein kann.“ Um die Sammlung zu schützen, werde sie in ein professionelles Kunstdepot verlegt. Der Umzug sei bereits im Gange. Das Künstlerresidenzprogramm werde vorerst ausgesetzt. Die Stiftung entschuldigte sich für mögliche Unannehmlichkeiten und kündigte an, neue Fördermöglichkeiten, Ausstellungen und Residenzangebote zu prüfen.
Künstler fordern Transparenz
Mehr als 40 ehemalige Residenzkünstler fordern in einem offenen Brief jedoch umfassende Transparenz. „Für diejenigen von uns, die im Tom House gelebt und gearbeitet haben, war die Künstlerresidenz nie einfach nur eine Unterkunft oder Zeit im Atelier“, heißt es darin. Die besondere Bedeutung habe in der Verbindung zwischen dem historischen Gebäude, Toms Kunst, seinen Archiven und den dort arbeitenden Menschen gelegen. Auf weitere Fragen zu den Finanzen und Zukunftsplänen reagierte der Vorstand offenbar bisher nicht.
Nazi-Skandal belastet Stiftung
Der Konflikt verschärfte sich nach einem Skandal um Mitgründer Durk Dehner im Januar 2025. Damals wurden Fotos bekannt, die ihn bei Fetischveranstaltungen mit nationalsozialistischen Symbolen zeigten, darunter eine Ledermütze mit Nazi-Emblem, Eiserne Kreuze und ein Hakenkreuz-Anstecker. Dehner geriet international in die Kritik, verlor seine Funktion als Juror beim Wettbewerb International Mr. Leather und wurde nach offenbar dazu gedrängt, seine Ämter und seine bezahlte Tätigkeit bei der Stiftung aufzugeben. Der heute 77-Jährige bestreitet entschieden, Rassist zu sein oder den Nationalsozialismus zu unterstützen.
Er bezeichnete die Verwendung der Symbole als Rollenspiel und bewusste Umdeutung innerhalb der Fetischkultur seiner Generation. Auch Tom of Finlands Kunst war teilweise von deutschen Militäruniformen des Zweiten Weltkriegs beeinflusst. In seiner offiziellen Biografie wird der Künstler mit den Worten zitiert: „Die gesamte Nazi-Ideologie, der Rassismus und all das sind für mich abscheulich, aber natürlich habe ich sie trotzdem gezeichnet.“ Über die Uniformen sagte er: „Sie hatten die erotischsten Uniformen.“
Umzug nach New York?
Nach Dehners Ausscheiden schrumpfte der Stiftungsvorstand durch Rücktritte und altersbedingte Abgänge auf fünf Mitglieder, die sämtlich in New York leben. Dehner wirft ihnen mangelndes Interesse an der Arbeit in Los Angeles und unzureichende Mittelbeschaffung vor. Geld werde stattdessen für Anwälte und Öffentlichkeitsarbeit ausgegeben. Allein für die Kommunikation mit dem Vorstand habe er selbst fast 20.000 US-Dollar an Anwaltskosten aufbringen müssen. Er befürchtet außerdem, dass die Stiftung bei anhaltenden Finanzproblemen Kunstwerke verkaufen könnte.
Dehner selbst hat bereits Werke aus seiner Privatsammlung veräußert, um den Unterhalt des Hauses zu finanzieren. Ein Original aus Toms erster Ausstellung in Los Angeles habe er verkauft, um ein neues Dach bezahlen zu können. Ursprünglich wollte er das Haus und seinen Besitz nach seinem Tod der Stiftung vermachen. Nun vermutet er, dass diese ihr Engagement vollständig nach New York verlagern möchte. „Ich dachte, ich würde eines Tages sterben, und alles, was mir gehört, würde ihnen zufallen“, sagte Dehner. „Aber sie wollen es nicht. Sie wollen sich abspalten, alles, was sie wollen, nach New York bringen und sich dort neu etablieren.“ Eine entsprechende Entscheidung des Vorstands ist bislang nicht öffentlich bestätigt.
Hoffnung auf Rettung
Dehner sieht durch die Entwicklung den ursprünglichen Zweck der Stiftung gefährdet. „Das ist nicht das, was Tom gewollt hätte. Er wollte eine Gemeinschaft. Er wollte, dass die Stiftung andere Menschen dazu inspiriert, kreativ zu sein und sich ohne Einschränkungen auszudrücken.“ Trotz der Auseinandersetzungen hofft er, dass öffentlicher Druck einen Führungswechsel ermöglichen könnte. „Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir durch die öffentliche Reaktion tatsächlich wieder die Kontrolle darüber zurückgewinnen können“, erklärte er. Er wünsche sich einen neuen Vorstand aus engagierten Künstlern, denen das historische Haus und seine kulturelle Bedeutung am Herzen lägen. Ob das Tom of Finland House künftig weiterhin als lebendiger Treffpunkt schwuler Kunst bestehen kann oder nur noch als historisches Gebäude erhalten bleibt, ist derzeit offen.