Direkt zum Inhalt

Sexuelle Gewalt in Irland Studie zeigt erschreckende Details, Täter aus dem Umfeld

Von ms - 30.10.2026 - 11:00 Uhr
Sexuelle Gewalt in Irland
Foto: iStock / Love portrait and love the world
ANZEIGE
Loading audio player...

Sexualisierte Gewalt ist in Irland weit verbreitet. Besonders häufig berichten Frauen, junge Erwachsene sowie bisexuelle und homosexuelle Menschen von entsprechenden Erfahrungen. Das geht aus einer neuen Untersuchung des Economic and Social Research Institute (ESRI) hervor. Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit der staatlichen Behörde Cuan.

Das Wichtigste im Überblick

  • 55 Prozent der bisexuellen Menschen in Irland haben seit ihrem 17. Lebensjahr mindestens eine Form sexualisierter Gewalt erlebt.
  • Bei heterosexuellen Menschen liegt der Anteil bei 25 Prozent, bei schwulen und lesbischen Menschen bei 40 Prozent.
  • Insgesamt berichten 26 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von entsprechenden Erfahrungen.
  • Frauen sind mit 39 Prozent deutlich häufiger betroffen als Männer mit zwölf Prozent.
  • Die Täter sind vielfach Partner, ehemalige Partner, Freunde, Bekannte oder Familienangehörige.
  • Besonders häufig ereignet sich die erste Gewalterfahrung zwischen dem 18. und 24. Lebensjahr.
  • Die Forscher fordern gezieltere Prävention und einen besseren Ausbau der Unterstützungsangebote.

Frauen häufiger Opfer 

Laut den neuen Daten hat mehr als jeder vierte Erwachsene in Irland (26 Prozent) mindestens eine Form sexualisierter Gewalt erlebt. Die Untersuchung macht zugleich erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern und den verschiedenen sexuellen Orientierungen sichtbar. Ein weiteres Ergebnis: Die Verantwortlichen für die Übergriffe sind häufig keine Fremden, sondern Menschen aus dem persönlichen Umfeld der Betroffenen. Für die Auswertung wurden Angaben von mehr als 4.000 Erwachsenen herangezogen. Die Daten stammen aus der Sexual Violence Survey des irischen Statistikamtes Central Statistics Office (CSO). 

Die Wissenschaftler untersuchten die berichteten Erfahrungen und berücksichtigten dabei unter anderem Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung sowie weitere soziodemografische Merkmale. Dabei zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen Frauen und Männern: 39 Prozent der Frauen gaben an, seit Beginn ihres Erwachsenenlebens sexualisierte Gewalt erfahren zu haben. Bei den Männern waren es zwölf Prozent. Berücksichtigt wurden Erlebnisse ab dem 17. Lebensjahr. In Irland gilt dieses Alter als gesetzliche Grenze für die sexuelle Einwilligungsfähigkeit. Sämtliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Befragung waren zum Erhebungszeitpunkt volljährig.

Bisexuelle, Lesben und Schwule 

Besonders auffällig sind die Unterschiede zwischen den sexuellen Orientierungen. 55 Prozent der bisexuellen Menschen berichteten, mindestens einmal im Erwachsenenalter sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Bei heterosexuellen Befragten lag der Anteil bei 25 Prozent und damit weniger als halb so hoch. Für schwule und lesbische Menschen ermittelte die Untersuchung einen Wert von 40 Prozent. Beide Gruppen wurden in der statistischen Auswertung zusammengefasst. Auch bei Übergriffen durch Personen außerhalb einer Partnerschaft zeigt sich ein vergleichbares Bild. Nach Angaben des CSO haben 46 Prozent der bisexuellen Menschen sexualisierte Gewalt durch jemanden erlebt, mit dem sie keine intime Beziehung führten. Bei Schwulen und Lesben waren es 30 Prozent, bei heterosexuellen Menschen 19 Prozent.

Die ESRI-Auswertung bestätigt damit einen Zusammenhang zwischen sexueller Orientierung und einem erhöhten Risiko, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden. Bereits frühere Untersuchungen hatten auf die besondere Situation sexueller Minderheiten aufmerksam gemacht. So beschäftigte sich 2023 eine britische Studie der Organisation SurvivorsUK mit sexualisierter Gewalt gegen schwule und bisexuelle Männer. Dabei wurden auch die Schwierigkeiten thematisiert, mit denen Betroffene bei der Anzeige von Übergriffen und der Suche nach Unterstützung konfrontiert sind.

Angriffe durch vertraute Personen

Die Untersuchung zeigt außerdem, dass viele Übergriffe nicht durch Unbekannte verübt werden. Von den Menschen, die mindestens eine Form sexualisierter Gewalt erlebt hatten, berichteten 25 Prozent ausschließlich von Übergriffen durch aktuelle oder frühere Partner. Bei 40 Prozent waren ausschließlich Personen außerhalb einer Partnerschaft verantwortlich. Weitere 35 Prozent hatten Erfahrungen mit beiden Tätergruppen gemacht. Außerhalb intimer Beziehungen stammen die Täter besonders häufig aus dem Bekanntenkreis. Genannt werden Freunde, Bekannte, Nachbarn und Familienangehörige. Fremde Personen spielen eine geringere Rolle. Auch die Orte der Übergriffe sind vielfach vertraut. Neben der eigenen Wohnung gehören dazu die Wohnungen anderer Menschen sowie Pubs und Nachtlokale. 

Viele Täter sind Männer 

Die Geschlechterverteilung bei den Tätern ist ebenfalls auffällig: Nach Angaben des CSO wurden Männer von 84 Prozent der Betroffenen als Verantwortliche benannt, die Gewalt durch einen Partner oder eine Partnerin erlebt hatten. Bei Übergriffen durch Personen außerhalb einer Partnerschaft lag der Anteil bei 87 Prozent. Elish Kelly, die Hauptautorin der Studie, sieht darin auch eine Korrektur verbreiteter Vorstellungen über sexualisierte Gewalt. Sie erklärte: „Die Studie stellt auch gängige Vorstellungen über die Täter infrage und zeigt, dass viele Betroffene sexualisierte Gewalt durch Menschen erleben, die sie bereits kennen, und in vertrauten Umgebungen, etwa in ihrer eigenen Wohnung oder der Wohnung einer anderen Person.“

Gefährdung für 18- und 24-Jährige

Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf dem Alter, in dem Betroffene erstmals sexualisierte Gewalt erfahren. Dabei zeigt sich, dass die ersten Jahre des Erwachsenenlebens eine besonders sensible Phase darstellen. Von den Menschen, die durch einen aktuellen oder früheren Partner Gewalt erlebt hatten, berichteten 54 Prozent von einem ersten Vorfall im Alter zwischen 18 und 24 Jahren. Bei Übergriffen durch Personen außerhalb einer Partnerschaft lag der Anteil in dieser Altersgruppe sogar bei 63 Prozent. Insgesamt unterscheidet die Studie sieben verschiedene Formen sexualisierter Gewalt. Am häufigsten wurden unerwünschte Berührungen im Genital- oder Brustbereich genannt. 21 Prozent der erwachsenen Bevölkerung berichteten von solchen Erfahrungen.

Die Forscher weisen zudem darauf hin, dass es häufig nicht bei einer einzelnen Form des Missbrauchs bleibt. Sechs Prozent der Erwachsenen gehören einer Gruppe an, die durchschnittlich fünf unterschiedliche Arten sexualisierter Gewalt durch aktuelle oder frühere Partner erlebt hat. Dazu zählen auch erzwungene Penetration und Versuche, sexuelle Handlungen gegen den Willen der Betroffenen durchzusetzen. Weitere vier Prozent entfallen auf eine Gruppe, die mehrfach unterschiedliche Formen sexualisierter Gewalt durch Menschen außerhalb einer Partnerschaft erfahren hat. Darunter sind auch Situationen, in denen die Betroffenen nicht in der Lage waren, ihre Zustimmung zu einer sexuellen Handlung zu geben.

Hilfsangebote ausbauen

Während die wissenschaftliche Untersuchung das Ausmaß der Gewalt dokumentiert, wächst in Irland zugleich die Nachfrage nach Unterstützung. Darauf macht Stephanie O’Keeffe, Geschäftsführerin der staatlichen Behörde Cuan, aufmerksam. „Die Nachfrage nach Dienstleistungen steigt weiter, während das Bewusstsein wächst und immer mehr Menschen den Mut finden, um Hilfe zu bitten“, erklärte sie. Aus ihrer Sicht sind deshalb zusätzliche Investitionen und eine Stärkung der bestehenden Hilfsstrukturen notwendig. Die Untersuchung ist Teil der irischen Strategie „Zero Tolerance“, die sich gegen häusliche, sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt richtet. 

Die Wissenschaftler sprechen sich für gezielte Maßnahmen zugunsten besonders gefährdeter Gruppen aus. Zudem müsse die Präventionsarbeit stärker auf die ersten Jahre des Erwachsenenlebens ausgerichtet werden. Um die langfristigen Folgen sexualisierter Gewalt besser nachvollziehen zu können, empfehlen sie außerdem, künftig Daten über längere Zeiträume hinweg zu erheben. Besonderes Augenmerk müsse auf den Gründen für das erhöhte Risiko bei sexuellen Minderheiten liegen. Nur wenn die unterschiedlichen Ursachen und Lebenssituationen besser verstanden würden, könnten Präventionsangebote und Unterstützungsleistungen wirksamer auf die jeweiligen Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten werden.

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

watsonAbsoluter Kult-Klassiker im Stream: Star des Films ist erst dieses Jahr gestorbenWDRQueere Schützen in Köln-Poll wollen Schießstand rettenMOPOHomophober Angriff bei Dating-App-Treff: Polizei stürmt Wohnungen – und wird fündigBILDUS-Studie - Das CSD-VersagenAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Welche Rolle sollten politische Forderungen auf CSDs spielen?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Homophobie vor Gericht

Argentinien kämpft um Gerechtigkeit

Nach einem tödlichen Brandanschlag auf vier lesbische Frauen in Argentinien fordert die Staatsanwaltschaft jetzt lebenslange Haft für den Täter.
Grindr-Treffen endet brutal

Schwuler US-Mann schwer verletzt

Nach einem mutmaßlich homophoben, sehr brutalen Angriff auf einen schwulen Mann in Missouri muss sich ein 18-Jähriger jetzt vor Gericht verantworten.
Wien beendet queere Hilfsteams

Ende der LGBTIQ+-Anlaufstelle

Wien will ab 2027 die Förderung mobiler Awareness-Teams einstellen. Der Verein AwA* warnt vor fehlender Unterstützung bei Diskriminierung und Gewalt.
EU erhöht Druck auf Ungarn

Verfassungsänderung gefordert

Die EU sieht trotz Reformen der neuen ungarischen Regierung weiterhin erhebliche Defizite bei den LGBTIQ+-Rechten und fordert grundlegende Änderungen.
Zwei Jahre SBGG

30.000 Menschen nutzen Regelung

Rund 30.000 Menschen haben ihren Geschlechtseintrag seit Einführung des Selbstbestimmungsgesetzes geändert. Verbände betonen Gefahren beim Datenschutz
Ermittlung nach Date-Überfall

Drei Männer in Hamburg im Visier

Nach einem homophob motivierten Überfall gegen einen 19-Jährigen in Hamburg führen Ermittlungen nun zu drei Tatverdächtigen und mehreren Waffenfunden.
Taiwans Regenbogencheck

194 Kandidierende beziehen Position

Wer unterstützt queere Rechte? PrideWatch zeigt vor Taiwans Kommunalwahl, welche Kandidierenden sich zu Gleichberechtigung bekennen.
Etappensieg in Tasmanien

Unterhaus stimmt für Verbot

Tasmaniens Unterhaus hat das Verbot von Konversionspraktiken beschlossen. Jetzt liegt der Entwurf beim Oberhaus – Gesetz ist er noch nicht.
Dobrick zeigt seine Liebe

Erster TV-Auftritt mit Freund Milan

Fünf Jahre Liebe: St. Paulis U19-Trainer Christian Dobrick und sein Freund Milan zeigen sich erstmals gemeinsam im Fernsehen.