Rote Karte in Niedersachsen Debatte über Homophobie im Lokalfußball geht viral
Nach dem vorzeitigen Abbruch der Begegnung zwischen dem VfL Sittensen und dem SV Horstedt am letzten Spieltag der 1. Fußball-Kreisklasse Süd in Niedersachsen hält die Diskussion um die Geschehnisse auf dem Sportplatz an und sorgt inzwischen vielerorts für Schlagzeilen. De Debatte selbst geht inzwischen überdies viral. Hintergrund sollen homophobe Rufe wie „Schwuchtel“ gewesen sein.
Das Wichtigste im Überblick
- Partie zwischen VfL Sittensen und SV Horstedt am letzten Spieltag vorzeitig beendet
- Sittensener Spieler berichten von homophoben Beleidigungen durch einen Gegenspieler
- Der SV Horstedt weist die Vorwürfe zurück und erhebt seinerseits Rassismus-Vorwürfe
- Beide Vereine beziehen öffentlich Stellung auf Social Media
- Die endgültige Bewertung des Vorfalls dürfte vor dem Sportgericht erfolgen
- Homophobe Vorfälle im deutschen Fußball häufen sich
Eskalation bei Lokalspiel
Während die Gastgeber von homophoben Beleidigungen berichten, weist der Meister aus Horstedt die Vorwürfe zurück und spricht stattdessen von rassistischen Äußerungen gegen eigene Spieler. Fakt ist, die Partie war am vergangenen Samstag nicht regulär zu Ende gespielt worden. Der VfL Sittensen kehrte nach der Halbzeitpause nicht mehr auf den Platz zurück. Als Auslöser nennt der Verein eine mutmaßlich homophobe Beleidigung durch einen Spieler des SV Horstedt. Nach Angaben von Sittensens Kapitän Thian Evers soll im Verlauf des Spiels der Satz „Ihr kleinen Schwulis“ gefallen sein. Gegenüber der Mediengruppe Kreiszeitung schilderte Evers den Vorfall.
Zuvor war die Begegnung trotz fehlender sportlicher Bedeutung eskaliert. Nach einem Treffer für den bereits als Meister feststehenden SV Horstedt hatten Evers und ein Mitspieler auf eine mögliche Abseitsstellung hingewiesen. In diesem Zusammenhang sei es laut Evers zu den beleidigenden Äußerungen gekommen. „Er hat zu uns gesagt, ihr seid ja kleine Schwulis. Ich fragte nach, was sind wir? Er wiederholte seine Äußerung“, erklärte Evers. Nach Darstellung des Kapitäns habe er den Gegenspieler anschließend auf die Wortwahl angesprochen. Eine Entschuldigung oder Einsicht sei jedoch ausgeblieben. Stattdessen sei die Situation weiter eskaliert. „In der nächsten Situation habe ich zu ihm gesagt, dass ich solche homophoben Äußerungen nicht in Ordnung finde, so etwas hätte hier nichts zu suchen. Seine Antwort: Ich soll mich verpissen, weil ich eine Schwuchtel bin.“
Rassismusvorwürfe in den sozialen Medien
Daraufhin informierten die Spieler nach eigenen Angaben das Trainerteam. Beim Spielstand von 1:3 entschied sich die Mannschaft des VfL Sittensen geschlossen dazu, die Begegnung nicht fortzusetzen. Die Vereinsführung stellte sich anschließend hinter diese Entscheidung und machte deutlich, dass diskriminierendes Verhalten auf Sportplätzen keinen Platz haben dürfe. Eine Entscheidung über die Wertung der Partie steht bislang aus. Währenddessen verlagerte sich die Auseinandersetzung zunehmend in die sozialen Medien. Auf den Instagram-Auftritt von VfL Sittensen reagierte der SV Horstedt auf die Vorwürfe und erhob seinerseits schwere Anschuldigungen. „Unsere Spieler wurden wiederholt rassistisch beleidigt und respektlos behandelt“, heißt es in dem Beitrag. Weiter schreibt die Mannschaft: „Gleichzeitig wird dann erwartet, dass die Gegenseite ruhig bleibt und keinerlei Reaktion zeigt?“
Zudem erklärte der Verein: „Wenn ihr ein Zeichen gegen Homophobie setzen wollt, ist das grundsätzlich richtig und wichtig. Dann solltet ihr euch aber auch mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen. Es wirkt widersprüchlich, für Toleranz einzustehen und gleichzeitig rassistische Beleidigungen auf dem Platz zuzulassen oder zu ignorieren.“ Der SV Horstedt weist die Vorwürfe hinsichtlich homophober Aussagen zurück. Vereinsvorsitzender Bernd Sager erklärte, der betroffene Spieler bestreite die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen. Stattdessen habe dieser angegeben, dass ein Horstedter Akteur von einem Spieler des VfL Sittensen rassistisch beleidigt worden sei. „Laut ihm wurde einer unserer Spieler selbst von einem VfL-Akteur rassistisch beleidigt“, so Sager. Der VfL Sittensen reagierte wenig später ebenfalls über Instagram auf die Darstellungen des Gegners und wies die erhobenen Rassismus-Vorwürfe zurück. „Die Vorwürfe bestätigen wir nicht. Unsere Spieler setzen sich aktiv für ein respektvolles und diskriminierungsfreies Miteinander ein. Wir hätten uns eine selbstkritische Aufarbeitung dieser Vorfälle durch den SV Horstedt gewünscht.“
Klärung vor Sportgericht
Der Fall dürfte nun wahrscheinlich erst vor dem Sportgericht endgültig geklärt werden. Der Fall aus Niedersachsen belegt dabei einmal mehr die extrem angespannte Situation gegenüber dem Thema Homosexualität im Fußball, egal ob Profi-Liga oder Kreisklasse. In den letzten Monaten kam es zudem immer wieder zu Fällen von homophoben Diskriminierungen im Amateurfußball. Der deutsche Fußball hat nach wie vor ein massives Problem mit übertriebener Männlichkeit und Homosexualität – im Kleinen wie im Großen.