Die Polizei im US-amerikanischen St. Louis untersucht den Tod der 21-jährigen trans* Frau Jhené Audrict inzwischen jetzt als mögliches Tötungsdelikt. Zunächst hatten die Behörden den Fall als mutmaßlichen Suizid eingestuft. Nach einer Obduktion kamen jedoch Zweifel an dieser Einschätzung auf.
Das Wichtigste im Überblick
- Neue Ermittlungen: Die Polizei in St. Louis untersucht den Tod der 21-jährigen trans* Frau Jhené Audrict inzwischen als Tötungsdelikt. Zunächst war sie von einem mutmaßlichen Suizid ausgegangen.
- Zweifel nach Obduktion: Gerichtsmediziner stellten Verletzungen fest, die möglicherweise nicht mit einem selbst zugefügten Kopfschuss vereinbar sind.
- Mutter widerspricht Suizidannahme: Melissa Crawford verweist auf die starke Sehbehinderung ihrer Tochter und berichtet von Problemen in deren Beziehung.
- Die Organisation JULIAN kritisiert, dass gewaltsame Todesfälle möglicherweise fälschlicherweise als Suizide eingestuft werden.
Leichenfund neben Kirche
Audrict war am 17. August 2026 tot zwischen einem verlassenen Haus und einer Kirche gefunden worden. Nach Angaben ihrer Mutter Melissa Crawford entdeckte ein städtischer Mitarbeiter die Leiche. Die Polizei bestätigte, dass die junge Frau eine Schussverletzung am Kopf erlitten hatte und noch am Fundort für tot erklärt worden war. Wie der Fernsehsender KSDK berichtete, stellten Gerichtsmediziner bei der Obduktion Verletzungen fest, „die möglicherweise nicht mit einer selbst zugefügten Schussverletzung vereinbar sind“. Daraufhin nahm die Polizei nun Ermittlungen wegen eines möglichen Tötungsdelikts auf.
Probleme mit dem Freund
Melissa Crawford hatte die ursprüngliche Suizidannahme bereits zuvor infrage gestellt. Gegenüber dem Fernsehsender KMOV berichtete sie, zuletzt am 15. August mit ihrer Tochter gesprochen zu haben. Audrict sei damals auf dem Weg zum Haus ihres Freundes gewesen. „Sie war etwas nervös, zu ihrem Freund zu gehen, weil die beiden Probleme hatten“, sagte Crawford. Am folgenden Tag habe der Freund sie angerufen und mitgeteilt, dass Audrict verschwunden sei. Die Mutter verwies außerdem auf die starke Sehbehinderung ihrer Tochter.
Audrict sei rechtlich als blind anerkannt gewesen und habe ohne ihre Brille kaum etwas sehen können. Beim Auffinden der Leiche habe sie jedoch keine Brille getragen. „Als Jhené gefunden wurde, befand sich ihre Brille nicht auf ihrem Gesicht. Jhené kann ohne ihre Brille nichts sehen“, erklärte Crawford. Sie fügte hinzu: „Sie kann buchstäblich kein Telefon benutzen. Sie kann nicht auf die Toilette gehen.“ Ob die Beziehungsprobleme oder die fehlende Brille für die Ermittlungen eine Rolle spielen, ist bislang nicht bekannt. Auch zu möglichen Verdächtigen liegen keine Angaben vor. Die Frage steht allerdings offen im Raum, wie die trans* Frau überhaupt ohne Brille unterwegs gewesen sein soll.
Gerechtigkeit für Jhené
Crawford beschrieb ihre Tochter als „sehr abenteuerlustig, reisefreudig und hochgebildet“. Sie sei „stolz“, Jhenés Mutter zu sein. Neben der Aufklärung des Todes will sich Crawford auch für die Rechte von trans* Menschen einsetzen und auf häusliche Gewalt sowie psychische Gesundheit aufmerksam machen. „Für mich bedeutet eine Lösung, dass Jhené Gerechtigkeit erfährt. Außerdem möchte ich mich für die trans* Gemeinschaft einsetzen, auf häusliche Gewalt aufmerksam machen und mich für psychische Gesundheit engagieren. Ich werde nicht ruhen. Und ich werde nicht zulassen, dass dieser Fall unter den Teppich gekehrt wird. Jhené Cordelia Audrict wird Gerechtigkeit erfahren“, sagte Crawford.
Falsche Suizideinstufungen?
Der Fall steht zugleich im Zusammenhang mit einer Debatte über Gewalt gegen trans* Menschen in den USA. Insbesondere trans* Frauen sind überdurchschnittlich häufig von Gewalt betroffen. Bürgerrechtsorganisationen befürchten zudem, dass manche Todesfälle vorschnell als Suizid eingestuft werden könnten. Die Bürgerrechtsorganisation JULIAN dokumentierte in ihrem jüngsten Bericht mehr als 150 Todesfälle in sieben US-Bundesstaaten. Untersucht wurden Fälle in Mississippi, Texas, Georgia, Louisiana, Florida, Tennessee und Alabama. Mehr als 50 der dokumentierten Todesfälle betrafen trans* Frauen. Jill Collen Jefferson, Gründerin der Organisation, zog einen Vergleich zur historischen Praxis rassistisch motivierter Lynchmorde in den Vereinigten Staaten. „Früher wurde ein Lynchmord mit einem Augenzwinkern und einem Lächeln als Suizid bezeichnet. Heute werden solche Todesfälle immer noch als Suizide bezeichnet. Aber inzwischen nehmen die Menschen diese Einstufung ernst.“ Ähnliche Zweifel an ersten polizeilichen Einschätzungen gab es bereits in anderen Fällen.