Die zunehmende Diskriminierung von schwulen, lesbischen, bisexuellen und queeren Menschen in Österreich hat nach Einschätzung von Fachleuten erhebliche Auswirkungen auf deren psychische Gesundheit. Besonders Kinder und Jugendliche leiden unter einem gesellschaftlichen Klima, das von wachsender Ablehnung und Verunsicherung geprägt ist.
Das Wichtigste im Überblick
- Diskriminierung nimmt zu: In Wien stieg der Anteil queerer Menschen, die regelmäßig im öffentlichen Raum diskriminiert werden, binnen zehn Jahren von 28 auf 38 Prozent.
- Jugendliche besonders betroffen: Ein Viertel der queeren Schüler, Studenten und Lehrlinge hat sich nicht geoutet. Ein Fünftel berichtet von ausdrücklich negativen Erfahrungen.
- Psychische Belastung wächst: Laut einer Studie der Universität Bielefeld ist das Risiko, an einer Depression zu erkranken, für LGBTIQ+-Menschen zweieinhalbmal so hoch wie für Menschen außerhalb der Community.
- Gewalt schürt Ängste: Nach der mutmaßlich homophob motivierten Tötung eines 29-Jährigen in Langenzersdorf suchten besonders viele Menschen Unterstützung.
- Die HOSI Wien verlangt ein entschiedeneres Vorgehen gegen gewalttätige Netzwerke und einen besseren Zugang zu queerfreundlicher psychosozialer Beratung.
Immer mehr Diskriminierung
Auf die jüngste Negativ-Entwicklung weisen Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien, und Ann-Sophie Otte, Vorsitzende der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien, hin. Beide sehen dringenden Handlungsbedarf, um Betroffene besser vor Gewalt und Ausgrenzung zu schützen. Lochner spricht von einem „gesellschaftlichen Backlash“, der die Lebensbedingungen queerer Menschen zunehmend verschlechtere. Otte macht insbesondere das politische Umfeld und den „massiven Rechtsruck in ganz Europa“ für diese Entwicklung verantwortlich. Wie stark sich die Situation verändert hat, zeigen Zahlen einer Untersuchung der Stadt Wien.
Demnach berichteten 2015 noch 28 Prozent der befragten Menschen aus der LGBTIQ+-Community, regelmäßig im öffentlichen Raum diskriminiert zu werden. Zehn Jahre später lag dieser Anteil bereits bei 38 Prozent. Damit stieg der Wert innerhalb eines Jahrzehnts um zehn Prozentpunkte. Die zunehmende Ablehnung macht sich nach Angaben Lochners auch bei alltäglichen Situationen bemerkbar. „Wenn man als schwuler Mann Hand in Hand mit seinem Partner durch die Stadt geht, wird man häufiger angefeindet.“ Die Folgen beschränken sich nicht auf einzelne Begegnungen. Wer jederzeit mit Beleidigungen oder feindseligen Reaktionen rechnen müsse, könne sich auch im öffentlichen Leben weniger sicher fühlen. Besonders junge Menschen seien dadurch erheblich belastet.
Jugendliche verbergen sexuelle Orientierung
Für zahlreiche schwule, lesbische, bisexuelle und queere Jugendliche ist das Coming-Out weiterhin mit großen Unsicherheiten verbunden. Nach den vorliegenden Angaben hat sich ein Viertel der LGBTIQ+-Schüler, Studenten und Lehrlinge bislang nicht geoutet. Ein Fünftel berichtet von ausdrücklich negativen Erfahrungen. Die Sorge vor Zurückweisung und Diskriminierung kann dazu führen, dass Jugendliche ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität gegenüber ihrem Umfeld verbergen. Dass der Unterstützungsbedarf steigt, beobachten auch die Psychosozialen Dienste in Wien. Bei deren niederschwelliger Anlaufstelle „First Level Support“ melden sich zunehmend Menschen aus der queeren Community. Vor allem Jugendliche nutzen das Angebot, um über persönliche Ängste, belastende Erfahrungen und ihre Lebenssituation zu sprechen.
Tötungsdelikt schürt Ängste
Wie stark Gewalttaten das Sicherheitsgefühl einer ganzen Bevölkerungsgruppe beeinflussen können, zeigte sich nach dem Tod eines 29-jährigen schwulen Wieners. Der Mann wurde im Sommer in Langenzersdorf bei Wien getötet. Nach den bisherigen Erkenntnissen wurde er mittels Dating-App in eine Falle gelockt und aus Schwulenhass zu Tode geprügelt. Der mutmaßliche Täter ist ein 18-jähriger Mann aus Ungarn. Laut Otte gingen nach Bekanntwerden des Falls besonders viele Anfragen bei Unterstützungsstellen ein. Solche Ereignisse hätten weitreichende Folgen, selbst wenn Menschen nicht unmittelbar von der Gewalt betroffen seien. Diskriminierung und Gewalt beträfen nicht nur die jeweiligen Opfer, „sondern alle anderen erfahren dadurch Angst“, sagte auch Lochner. Die Wahrnehmung einer möglichen Bedrohung könne sich dadurch innerhalb der gesamten Community verstärken. Für Betroffene entstehe zusätzlicher psychischer Druck, weil sie befürchten müssten, selbst Opfer eines vergleichbaren Angriffs zu werden.
Erhöhtes Risiko für Depressionen
Die Folgen von Ausgrenzung, Ablehnung und Gewalt können sich nach Einschätzung der Fachleute auch in psychischen Erkrankungen niederschlagen. Lochner verweist in diesem Zusammenhang auf eine Untersuchung der Universität Bielefeld. Demnach haben Menschen aus der LGBTIQ+-Community ein zweieinhalbmal so hohes Risiko, an einer Depression zu erkranken, wie Menschen aus der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft. Die psychische Belastung entsteht dabei nicht allein durch unmittelbar erlebte Diskriminierung.
Auch die Erwartung, jederzeit mit Ablehnung oder Anfeindungen konfrontiert werden zu können, kann Ängste verstärken und das Wohlbefinden beeinträchtigen. Besonders problematisch sehen Lochner und Otte die zunehmende Verbreitung von Desinformation über queere Menschen. Wer diese wiederholt als Gefahr für Kinder darstelle, trage dazu bei, gesellschaftliche Vorurteile und Feindbilder zu verfestigen. Solche Darstellungen könnten Ängste schüren und das Klima gegenüber sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten weiter verschlechtern.
Gewalt durch „Pedo-Hunter“
Ein weiteres Problem sind organisierte Angriffe auf schwule Männer durch Gruppen, die sich selbst als „Pedo-Hunter“ bezeichnen. Das Phänomen ist auch in Österreich bereits seit längerer Zeit bekannt. Die Täter radikalisieren sich nach Angaben der HOSI Wien häufig im Internet und nehmen gezielt Kontakt zu schwulen Männern auf. Dabei unterstellen sie ihren Opfern fälschlicherweise, pädophil zu sein. Unter einem Vorwand vereinbaren sie anschließend persönliche Treffen. Dort kommt es zu gewalttätigen Übergriffen. Die Angriffe folgen damit einem gezielten Vorgehen, bei dem schwule Männer zunächst online kontaktiert und anschließend in eine Falle gelockt werden. Otte fordert deshalb ein entschiedeneres Vorgehen der österreichischen Bundesregierung gegen entsprechende Netzwerke. Die Verantwortlichen müssten systematisch ermittelt und bestehende rechtliche Regelungen gegebenenfalls verschärft werden. „Der Online-Space darf kein rechtsfreier Raum sein“, betont die HOSI-Vorsitzende. Neben der strafrechtlichen Verfolgung solcher Taten sei es wichtig, den Betroffenen leicht zugängliche psychosoziale Unterstützung anzubieten.
Große Unterschiede zwischen Stadt und Land
Bei der Versorgung von LGBTIQ+-Menschen mit geeigneten Beratungsangeboten sieht Otte erhebliche regionale Unterschiede. Während es in Wien bereits funktionierende Unterstützungsstrukturen gebe, seien entsprechende Angebote in ländlichen Regionen vielfach nur unzureichend vorhanden. Dadurch hänge die Möglichkeit, fachkundige und diskriminierungssensible Hilfe zu erhalten, stark vom Wohnort ab. Gerade für junge Menschen, die sich in ihrem unmittelbaren Umfeld nicht offen zu ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität bekennen können, könne eine vertrauenswürdige Beratungsstelle von besonderer Bedeutung sein. Die HOSI Wien fordert deshalb, bestehende Versorgungslücken zu schließen und queerfreundliche Hilfsangebote auch außerhalb der Hauptstadt besser zugänglich zu machen. Nach Ansicht Ottes müssen dafür nicht überall vollständig neue Einrichtungen geschaffen werden. Auch bereits bestehende psychosoziale Angebote könnten einen wichtigen Beitrag leisten, wenn ihre Mitarbeiter entsprechend geschult seien und queere Menschen dort ohne Vorbehalte Unterstützung erhielten.