Knapp einen Monat nach dem Tod einer 35-jährigen nicht-binären britischen Person auf Sizilien sind die Umstände weiterhin ungeklärt. Benjamin John Braithwaite aus Leeds wurde Mitte September in einer abgelegenen Gegend zwischen Noto und Canicattini Bagni in der Provinz Syrakus tot aufgefunden. Die Ermittler untersuchen unter anderem, ob ein Tötungsdelikt, ein Suizid oder ein Unfall bei einer erotischen Praktik vorliegt.
Das Wichtigste im Überblick
- Benjamin John Braithwaite aus dem britischen Leeds wurde Mitte September in einer abgelegenen Gegend der sizilianischen Provinz Syrakus tot aufgefunden.
- Die Behörden prüfen ein mögliches Tötungsdelikt, einen Suizid sowie einen Unfall bei einer erotischen Praktik.
- Erste Obduktionsergebnisse sollen gegen einen Suizid sprechen.
- Braithwaite hielt sich bei einer Veranstaltung der Radical Faeries auf, einer internationalen Bewegung, die queere Identität, Spiritualität und Anarchismus verbindet.
- Ein früherer Teilnehmer berichtet von Drogenmissbrauch und sexuellen Grenzüberschreitungen.
- Braithwaite definierte sich als nicht-binär und war innerhalb der Gemeinschaft auch als River und Wasp bekannt.
- Ermittlungen dauern an: Die Staatsanwaltschaft Syrakus wartet auf weitere rechtsmedizinische und toxikologische Ergebnisse.
Queere Anarchismus-Gruppe
Verstärkt Aufmerksamkeit erhielt der Fall jetzt durch eine Recherche der britischen Zeitung The Telegraph. Demnach nahm Braithwaite an einem queeren Gemeinschaftstreffen mit spirituellen Elementen teil. Die Veranstaltung stand im Zusammenhang mit der internationalen Bewegung Radical Faeries. Dabei handelt es sich um eine weltweite, dezentrale Gruppierung, die queere Identität mit Naturspiritualität, Anarchismus und Umweltschutz verbindet. Die Zeitung sprach mit Menschen aus dem Umfeld der Gemeinschaft sowie einem ehemaligen Mitglied, das schwere Vorwürfe über frühere Veranstaltungen erhob. Ein Zusammenhang zwischen diesen Anschuldigungen und Braithwaites Tod ist bislang allerdings nicht nachgewiesen.
Leiche in Zeltlager gefunden
Braithwaite hielt sich bereits mehrere Tage in der Gegend Contrada Piano Milo auf. Dort befinden sich verlassene Landhäuser, die teilweise von gemeinschaftlich lebenden Menschen genutzt werden. Nach bisherigen Erkenntnissen gehörte die britische Person zu einer Gruppe von etwa zehn Menschen, die sich auf dem Gelände aufhielten. Wie die britische Zeitung The Sun unter Berufung auf Zeugenaussagen berichtete, hatten die Teilnehmer am Abend vor dem Leichenfund gemeinsam gegessen und Musik gehört. Im Laufe des Abends soll Braithwaite die Gruppe verlassen haben.
Einige Anwesende gaben später an, die 35-jährige Person erhängt in einem großen Zelt gefunden zu haben, das als gemeinschaftlicher Schlafraum diente. Nach ihren Aussagen legten sie den Körper vor dem Eintreffen der Rettungskräfte auf den Boden. Als die italienischen Carabinieri gegen drei Uhr morgens eintrafen, war Braithwaite bereits tot. Die Leiche war unbekleidet und wies Spuren am Hals auf. In unmittelbarer Nähe fanden die Ermittler ein Seil. Weitere offensichtliche Verletzungen wurden nicht festgestellt. Die Staatsanwaltschaft Syrakus leitete daraufhin ein Ermittlungsverfahren ein, zunächst wegen des Verdachts auf ein Tötungsdelikt durch unbekannte Täter. Außerdem wurde eine Obduktion angeordnet. Die britische Presse bezweifelte nach einer Ortsbesichtigung bereits früh den angegeben Ablauf, unter anderem, weil die betreffende Zeltstange das 35-jährige Opfer allein vom Gewicht her nicht hätte tragen können.
Zweifel an Suizid
Die genaue Todesursache ist somit weiterhin Gegenstand der Ermittlungen. Nach Informationen der italienischen Zeitung La Sicilia sollen erste Obduktionsergebnisse allerdings ebenso deutlich gegen einen Suizid sprechen. Eine abschließende rechtsmedizinische Bewertung wurde bislang jedoch nicht veröffentlicht. Zu den untersuchten Möglichkeiten gehört auch ein Unfall bei einer erotischen Praktik, bei der es zu einer gefährlichen Kompression des Halses beziehungsweise zu einer Strangulation gekommen sein könnte. Die Ermittler versuchen, Braithwaites letzte Lebensstunden zu rekonstruieren. Zusätzlich wurden toxikologische Untersuchungen angeordnet. Sie sollen klären, ob Braithwaite vor dem Tod möglicherweise Drogen oder andere Substanzen konsumiert hatte. Bei Durchsuchungen eines verlassenen Gebäudes sollen die Ermittler nach Medienberichten außerdem die Darstellung eines Ziegenkopfes und mehrere Fläschchen mit Psychopharmaka entdeckt haben.
Hardcore-Sex und Mord?
Die britische Boulevardzeitung The Sun spekulierte deshalb über einen möglichen Zusammenhang mit okkulten Ritualen und einem möglichen Mord innerhalb der Gruppe. Im inzwischen verlassenen Landhaus wurden offenbar auch Gummimasken und ein Ledergeschirr für Bondage-Praktiken gefunden. Im Zuge der Recherchen sprach der Telegraph auch mit einem ehemaligen Mitglied der Radical Faeries. Der Mann hatte sich der Bewegung 2010 angeschlossen und gehörte ihr etwa zehn Jahre an. Er erklärte, sich zurückgezogen zu haben, nachdem er mutmaßliche psychologische Manipulation, Drogenkonsum und Verstöße gegen das Prinzip sexueller Zustimmung beobachtet habe. Über Braithwaites Tod sagte er: „Als ich von dem Tod erfuhr, war ich nicht überrascht.“
Nach seiner Darstellung sollen besonders verletzliche Menschen bei einzelnen Treffen immer wieder psychischem und sexuellem Druck ausgesetzt gewesen sein. Der ehemalige Teilnehmer vermutete deshalb, Braithwaite könne während einer erotischen Praktik unter Drogeneinfluss gestorben sein. Auch nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen schloss er als Möglichkeit nicht aus. Innerhalb der Radical-Faeries-Gemeinschaft war die 35-jährige Person außerdem unter den Namen River und Wasp bekannt. Die Ermittler warten derweil jetzt auf weitere rechtsmedizinische und toxikologische Untersuchungen.