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Missbrauchsskandal in Italien Jugendliche sollen Trainer Nacktfotos geschickt haben

Von ms - 15.10.2026 - 11:00 Uhr
Missbrauchsskandal in Italien
Foto: iStock / EvgeniyShkolenko
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Ein mutmaßlicher Missbrauchsfall im italienischen Jugendvolleyball beschäftigt die Justiz und sorgt für Debatten im Land und insbesondere in der queeren Community. Gegen einen 41 Jahre alten Trainer aus dem Umland von Turin wird wegen des Verdachts auf sexuelle Gewalt und Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs ermittelt. Der Mann soll minderjährige Spieler seiner Mannschaften dazu gebracht haben, ihm intime Fotos und Videos zu schicken. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft nutzte er dafür das Vertrauen, das ihm die Jugendlichen und deren Familien entgegenbrachten.

Das Wichtigste im Überblick

  • Gegen einen 41-jährigen Volleyballtrainer aus dem Raum Turin wird wegen sexueller Gewalt und Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs ermittelt.
  • Der Mann soll von 15- bis 17-jährigen Spielern seiner Jugendmannschaften intime Fotos und Videos verlangt haben.
  • Laut Staatsanwaltschaft soll der Trainer seine besondere Stellung gegenüber den Jugendlichen für die mutmaßlichen Übergriffe genutzt haben.
  • Nach Bekanntwerden der Ermittlungen legte der Beschuldigte sein Amt nieder. Ob der Volleyballverband weitere Maßnahmen ergriffen hat, ist unklar.
  • Einer italienischen Untersuchung zufolge haben vier von zehn Minderjährigen im sportlichen Umfeld Gewalt erlebt, 14 Prozent sexuelle Gewalt.

Mehrere Jugendliche betroffen

Über die Ermittlungen berichtete die italienische Tageszeitung La Stampa. Demnach waren die betroffenen Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahre alt und spielten in der Serie C. Der beschuldigte Trainer ist bislang nicht vorbestraft und verfügt über langjährige Erfahrung im Volleyball. Sein Verein hatte ihn insbesondere wegen seiner Kenntnisse in der Nachwuchsarbeit verpflichtet. Nachdem der Mann von den Ermittlungen erfahren hatte, trat er von seinem Trainerposten zurück. Zu den Anschuldigungen äußerte er sich bislang nicht. Auch sein Rechtsanwalt Cesare Mariconda gab keine Stellungnahme ab.

Die Ermittlungen stehen unter der Leitung von Staatsanwältin Delia Boschetto und erstreckten sich über einen Zeitraum von zwei Jahren. Dabei werteten die Behörden unter anderem Zeugenaussagen und abgehörte Gespräche aus. Ausgangspunkt ist eine Anzeige, in der Vorfälle mit fünf jungen Sportlern geschildert werden. Ein sechster Jugendlicher ist in die Ermittlungen einbezogen, weil er vom Trainer Material mit Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs erhalten haben soll. Wer die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft eingereicht hat, ist bislang nicht bekannt. Nach den vorliegenden Medienberichten könnte sie von Familienangehörigen, einem Rechtsanwalt oder dem Verein stammen.

Forderung nach Nacktbildern

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Beschuldigte bei den mutmaßlichen Übergriffen nach einem wiederkehrenden Muster vorging. Zunächst soll er zu den einzelnen Jugendlichen ein enges Vertrauensverhältnis aufgebaut haben. Anschließend habe er die Kommunikation in private Chats verlagert. Unter dem Vorwand, ihre körperliche Fitness überprüfen zu müssen, soll er die Spieler aufgefordert haben, Nacktfotos zu schicken. Später habe er weitere sexuelle Aufnahmen und Handlungen vor der Kamera verlangt. Das Material soll der Mann auf seinem Mobiltelefon gespeichert haben. Die Staatsanwaltschaft bezeichnet die mutmaßlichen Vorgänge als „sexuelle Beziehungen auf digitalem Wege“. Besonders schwer wiegt aus Sicht der Ermittler die Stellung des Beschuldigten als Trainer. Ihm wird deshalb auch ein erschwerender Umstand aufgrund seiner beruflichen Funktion zur Last gelegt.

Eltern vertrauten Trainer

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft befanden sich die betroffenen Jugendlichen in einem „Zustand psychischer Unterordnung“. Der Trainer war für sie nicht nur sportlicher Ansprechpartner, sondern auch eine Vertrauensperson in persönlichen Angelegenheiten. Die Spieler wandten sich demnach mit Fragen zur Schule, zu ihrer Ernährung und zu ihrem Alltag an ihn. Auch die Eltern schätzten sein Engagement und bedankten sich für die Betreuung ihrer Kinder. Dieses Vertrauensverhältnis soll der Mann nach Darstellung der Ermittler gezielt ausgenutzt haben. Der früheste bekannte und zugleich schwerwiegendste mutmaßliche Vorfall datiert auf März 2024. Betroffen war ein damals 15-jähriger Spieler. Wie lange die mutmaßlichen Übergriffe anschließend andauerten, ist bislang nicht geklärt. Bekannt wurden die Vorwürfe schließlich, nachdem sich einige Jugendliche den Forderungen des Trainers widersetzt und Anzeige erstattet hatten.

Viel Gewalt im Sport

Der Fall lenkt den Blick auf ein Problem, das in Italien offenbar zahlreiche junge Sportler betrifft. Im Jahr 2023 ließ die Organisation ChangeTheGame vom Marktforschungsunternehmen Nielsen erstmals eine landesweite statistische Untersuchung zu Gewalt im Sport durchführen. Unterstützt wurde die Studie vom italienischen Sportministerium. Die Ergebnisse zeigen ein erhebliches Ausmaß: Vier von zehn befragten Minderjährigen berichteten, im sportlichen Umfeld bereits irgendeine Form von Gewalt erlebt zu haben. 14 Prozent gaben an, von sexueller Gewalt betroffen gewesen zu sein. Besonders auffällig ist die geringe Bereitschaft, Unterstützung zu suchen. Nach den Studienergebnissen wandten sich 56 Prozent der Betroffenen nicht an andere Menschen, um Hilfe zu erhalten. Fast ein Drittel der betroffenen Sportlerinnen und Sportler gab den Sport infolge der Erfahrungen auf. 

Um Minderjährige besser zu schützen, wurden in Italien gesetzliche Vorgaben eingeführt. Nach der Sportreform müssen Amateurvereine und entsprechende Sportgesellschaften einen sogenannten Safeguarding Officer benennen. Diese Person ist für den Schutz Minderjähriger zuständig. Der Name des Schutzbeauftragten muss bei der Anmeldung an den jeweiligen Sportverband übermittelt werden. Verdächtige Verhaltensweisen sind der zuständigen Schutzstelle des italienischen Volleyballverbands Fipav zu melden. Im Zusammenhang mit den Ermittlungen in Turin ist allerdings nicht bekannt, ob der betroffene Verein einen solchen Verantwortlichen benannt hatte. Ebenso offen bleibt, ob mögliche Warnsignale innerhalb des Vereins hätten erkannt werden können.

Erneute Trainertätigkeit?

Neben dem Strafverfahren stellt sich die Frage nach möglichen sportrechtlichen Konsequenzen. Der Rücktritt des 41-Jährigen bedeutet nicht automatisch, dass er keine andere Mannschaft mehr betreuen darf. Solange keine entsprechende Sanktion des Sportverbands oder gerichtliche Beschränkung vorliegt, könnte sich ein Trainer, gegen den ermittelt wird, theoretisch bei einem anderen Verein registrieren lassen und seine Tätigkeit fortsetzen.

Die Verbandsstaatsanwaltschaft verfügt allerdings über die Möglichkeit, eine vorläufige Suspendierung zu beantragen. Dafür muss sie den Abschluss eines strafrechtlichen Verfahrens nicht abwarten. Ob der italienische Volleyballverband Fipav im aktuellen Fall eine solche Maßnahme eingeleitet hat, ist bisher nicht bekannt. Sollte weder eine Suspendierung durch den Verband noch eine gerichtliche Schutzmaßnahme bestehen, wäre dem Beschuldigten eine erneute Trainertätigkeit derzeit grundsätzlich nicht untersagt.

Kurze Verjährungsfristen 

Ein weiteres Problem sehen Kinderschutzorganisationen in den Verjährungsregeln der italienischen Sportgerichtsbarkeit. Wie das Nachrichtenmagazin L'Espresso berichtete, verjähren sexuelle Übergriffe gegen Minderjährige innerhalb des italienischen Verbandssystems bereits nach vier Jahren. Im Strafrecht gelten dagegen deutlich längere Fristen. Das kann insbesondere bei Fällen problematisch werden, in denen Betroffene erst viele Jahre nach den mutmaßlichen Taten über ihre Erfahrungen sprechen. Andere Sportorganisationen sehen längere Zeiträume vor. Die Gymnastics Ethics Foundation, die Ethikorganisation des internationalen Turnverbands, arbeitet beispielsweise mit einer Frist von 15 Jahren. Die italienische Organisation ChangeTheGame fordert deshalb seit langem, die Verjährungsfristen im Sportrecht zu verlängern.

Männliche Opfer schweigen oft 

Die Nielsen-Untersuchung weist außerdem auf geschlechtsspezifische Unterschiede hin. Demnach sind Jungen im Sport häufiger von sexueller Gewalt betroffen als Mädchen. Bei sexueller Erpressung im Internet fällt der Unterschied nach Angaben italienischer Behörden noch deutlicher aus. Im Jahr 2025 waren 89 Prozent der von der italienischen Post- und Internetpolizei betreuten Opfer sogenannter Sextortion männlich. Unter den Betroffenen befanden sich viele Jugendliche und junge Erwachsene. Bei Sextortion werden Menschen mit intimen Bildern oder Videos unter Druck gesetzt oder erpresst.

Die Gründe dafür, dass Betroffene häufig schweigen, sind vielfältig. Der Untersuchung zufolge befürchten 30 Prozent der jungen Opfer, die keine Hilfe suchen, als schwach wahrgenommen zu werden. Bei Jungen, die von einem Mann sexuell missbraucht wurden, kann außerdem die Angst vor homophoben Reaktionen hinzukommen. Manche fürchten, aufgrund der Übergriffe von ihrem Umfeld für homosexuell gehalten zu werden. Hinzu kommen das Machtgefälle gegenüber dem mutmaßlichen Täter und gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit. Betroffene können das Gefühl entwickeln, ihre Männlichkeit sei durch die Tat infrage gestellt worden. Aus Scham oder Angst verschweigen sie ihre Erlebnisse deshalb möglicherweise gegenüber Mannschaftskameraden, Trainern und Familienangehörigen. Das kann die Verarbeitung der Erfahrungen und die Suche nach Unterstützung zusätzlich erschweren. Täter können dieses Schweigen ausnutzen, um Übergriffe zu verbergen.

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