In der spanischen Exklave Ceuta an der nordafrikanischen Küste befinden sich mindestens 126 geflüchtete LGBTIQ+-Menschen nach Angaben von Hilfsorganisationen in einer akuten Notlage. Viele von ihnen haben keinen sicheren Schlafplatz und sind gezwungen, auf der Straße zu übernachten. Zugleich berichten Betroffene von körperlicher Gewalt, Drohungen und Diskriminierung.
Das Wichtigste im Überblick
- In der spanischen Exklave Ceuta benötigen geflüchtete LGBTIQ+-Personen nach Angaben von ILGA-Europe dringend Unterstützung.
- Betroffene berichten von körperlichen Angriffen, Diebstählen, Morddrohungen und homophoben Beschimpfungen.
- Zahlreiche Schutzsuchende haben keine sichere Unterkunft und müssen nach Angaben von Hilfsorganisationen im Freien übernachten.
- Amnesty International dokumentierte Zeugenaussagen über mutmaßliche Misshandlungen durch spanische Militärangehörige.
- Das spanische Verteidigungsministerium will die Vorwürfe an die zuständige Justiz weiterleiten und mögliche Verantwortlichkeiten prüfen lassen.
Gefahren für LGBTIQ+-Menschen
Der europäische LGBTIQ+-Dachverband ILGA-Europe machte jetzt auf die Situation aufmerksam und fordert dringend Unterstützung für die Schutzsuchenden. Die Organisation beruft sich dabei auf Informationen lokaler Hilfsstrukturen, die Übergriffe und die Lebensbedingungen homosexueller und queerer Flüchtlinge in Ceuta dokumentierten. Besonders problematisch ist nach Darstellung des Verbandes, dass Betroffene nicht nur außerhalb der offiziellen Unterkünfte Gefahren ausgesetzt seien. Auch innerhalb von Aufnahmeeinrichtungen komme es demnach zu Anfeindungen aufgrund der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. Unabhängig davon hat Amnesty International schwere Vorwürfe gegen Angehörige des spanischen Militärs erhoben. Dabei geht es um mutmaßliche Misshandlungen von Migranten und Schutzsuchenden. Die spanischen Behörden haben angekündigt, die entsprechenden Berichte untersuchen zu lassen.
Morddrohungen und Angriffe
Nach Angaben von ILGA-Europe schilderten LGBTIQ+-Personen in Ceuta eine Vielzahl von Übergriffen. Dazu zählen körperliche Angriffe, Diebstähle und ausdrückliche Morddrohungen. Die Berichte stammen unter anderem vom Kollektiv Border Resistance, das geflüchtete Menschen in der spanischen Exklave unterstützt und ihre Erfahrungen dokumentiert. Besonders gefährdet sind demnach Menschen, die über keine gesicherte Unterkunft verfügen. Wer im öffentlichen Raum übernachten muss, ist möglichen Angriffen weitgehend schutzlos ausgesetzt. Gleichzeitig fehlen diesen Menschen häufig Rückzugsmöglichkeiten und Orte, an denen sie persönliche Gegenstände sicher aufbewahren können.
Die Schwierigkeiten beginnen nach den Schilderungen einzelner Betroffener bereits beim Zugang zu offiziellen Aufnahmeeinrichtungen. Einige LGBTIQ+-Flüchtlinge seien zunächst nicht in entsprechende Zentren aufgenommen worden. Damit blieb ihnen nach Angaben der Hilfsorganisationen der Zugang zu einem geschützten Schlafplatz verwehrt. Die Betroffenen waren weiterhin darauf angewiesen, außerhalb der Einrichtungen eine Möglichkeit zum Übernachten zu finden. Die Zahl von mindestens 126 hilfsbedürftigen LGBTIQ+-Personen verdeutlicht nach Einschätzung der Organisationen den Umfang der gegenwärtigen Notlage. Ob darüber hinaus weitere Menschen aus der Community betroffen sind, ist nicht bekannt.
Diskriminierungen und Misshandlungen
Die Probleme beschränken sich nach Darstellung von ILGA-Europe dabei nicht auf das Leben außerhalb der Aufnahmezentren. Auch innerhalb der Einrichtungen berichten queere und homosexuelle Menschen demnach von Anfeindungen und Diskriminierung. Betroffene schildern, dass sie wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität beleidigt und herabgewürdigt worden seien. Besonders schwer wiegen Vorwürfe gegen Beschäftigte der Unterkünfte. Nach Angaben des europäischen Dachverbandes soll es auch durch Mitarbeiter zu homophoben und queerfeindlichen Beschimpfungen gekommen sein. Die Angaben beruhen auf Berichten von Betroffenen und lokalen Unterstützungsorganisationen.
Neben den Berichten über die Situation von LGBTIQ+-Flüchtlingen sind in Ceuta auch schwere Vorwürfe gegen Angehörige des spanischen Militärs bekannt geworden. Amnesty International veröffentlichte dazu Erkenntnisse aus einem Besuch in der Exklave. Vertreter der Menschenrechtsorganisation führten dabei mehr als 65 Gespräche mit Migranten und Schutzsuchenden. Insgesamt dokumentierte Amnesty 22 direkte Zeugenaussagen über mutmaßliche Misshandlungen durch spanische Soldaten. Die Schilderungen umfassen unterschiedliche Formen körperlicher und psychischer Gewalt. Betroffene berichteten unter anderem von Schlägen und Demütigungen. Amnesty International bewertet einige der geschilderten Handlungen als derart schwerwiegend, dass sie möglicherweise den Tatbestand der Folter erfüllen könnten. Ob sich die einzelnen Anschuldigungen bestätigen und welche strafrechtlichen Konsequenzen daraus entstehen könnten, müssen die zuständigen Ermittlungsbehörden klären. Nach der Veröffentlichung des Amnesty-Berichts reagierte das spanische Verteidigungsministerium mit der Ankündigung weiterer Schritte. Das Ministerium erklärte, die Erkenntnisse der Menschenrechtsorganisation an die Staatsanwaltschaft und das zuständige Gericht in Ceuta weiterleiten zu wollen. Die spanische Exklave Ceuta liegt an der nordafrikanischen Mittelmeerküste und grenzt an Marokko. Als spanisches Hoheitsgebiet gehört sie zur Europäischen Union. Ihre geografische Lage macht die Stadt zu einem wichtigen Ort für Menschen, die versuchen, von Nordafrika aus europäisches Territorium zu erreichen.