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Keine PrEP in der Schweiz? HIV-Prävention steht auf dem Spiel

Von ms - 19.10.2026 - 13:00 Uhr
Keine PrEP in der Schweiz?
Foto: iStock / spawns
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Die Zukunft der staatlich geregelten Kostenübernahme für die HIV-Präventionsmedikation PrEP ist in der Schweiz offen. Seit Juli 2024 können Menschen mit entsprechendem HIV-Risiko die vorbeugende Behandlung unter bestimmten Voraussetzungen über ihre Krankenversicherung abrechnen. Die bisherige Regelung ist allerdings bis Ende Dezember 2026 befristet.

Das Wichtigste im Überblick

  • Die Schweizer Krankenkassen übernehmen die Kosten für die HIV-Präventionsmedikation PrEP bislang nur befristet bis Ende 2026. Ob die Finanzierung 2027 fortgesetzt wird, muss das Eidgenössische Departement des Innern entscheiden.
  • Seit Einführung der Kostenübernahme im Juli 2024 nahm die Zahl der PrEP-Nutzer innerhalb von sechs Monaten um mehr als 50 Prozent zu.
  • Die Kostenübernahme erfolgt im Rahmen des Programms SwissPrEPared unter Leitung der Universität Zürich. Die Ergebnisse werden derzeit von einer eidgenössischen Fachkommission geprüft.
  • LGBTIQ+-Verbände fordern Fortsetzung: Die Aids-Hilfe Schweiz und Pink Cross setzen sich dafür ein, dass PrEP dauerhaft über die Krankenversicherung finanziert wird.
  • Finanzielle Hürden: Die Medikamente kosten monatlich etwa 50 bis 80 Franken. Besonders für junge Erwachsene und Menschen mit geringem Einkommen kann die Finanzierung eine Belastung darstellen.
  • HIV-Präventionsziel gefährdet: Die Schweiz will bis 2030 HIV-Neuinfektionen verhindern. Derzeit werden jährlich weiterhin rund 300 bis 400 neue Infektionen registriert.

Wie geht es 2027 weiter?

Ob die Finanzierung ab Januar 2027 fortgesetzt wird und welche Bedingungen künftig gelten sollen, muss das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) entscheiden. Die bevorstehende Entscheidung sorgt insbesondere bei Organisationen der LGBTIQ+-Community für Aufmerksamkeit. Die Aids-Hilfe Schweiz und der queere Dachverband Pink Cross sprechen sich ausdrücklich für eine Fortsetzung der Kostenübernahme aus. Sie verweisen auf die Bedeutung der PrEP für die HIV-Prävention, die bisherigen Erfolge des Programms und mögliche finanzielle Hürden für Menschen, die sich ohne Unterstützung der Krankenkassen keine regelmäßige vorbeugende Behandlung leisten können. 

Zahl der PrEP-Nutzer gestiegen

Die Einführung der Kostenübernahme im Juli 2024 hatte erhebliche Auswirkungen auf die Nachfrage. Bereits innerhalb der ersten sechs Monate stieg die Zahl der Menschen, die PrEP nutzen, um mehr als die Hälfte. Die Entwicklung deutet darauf hin, dass der finanzielle Zugang zur HIV-Prävention für viele Menschen eine wichtige Rolle spielt. PrEP steht für Präexpositionsprophylaxe. Dabei nehmen HIV-negative Menschen vorbeugend Medikamente ein, um das Risiko einer HIV-Infektion bei möglichen Kontakten mit dem Virus erheblich zu senken. Bei korrekter Anwendung bietet die Behandlung einen sehr hohen Schutz vor einer sexuellen HIV-Übertragung. Besonders relevant ist diese Präventionsmöglichkeit unter anderem für schwule, bisexuelle und andere Männer, die Sex mit Männern haben. Sie kann jedoch grundsätzlich auch für andere Menschen mit einem entsprechenden HIV-Risiko infrage kommen. Mit der Kostenübernahme soll der Zugang zur Prävention erleichtert und die Zahl neuer HIV-Infektionen weiter reduziert werden.

Wissenschaftliche Begleitung  

Voraussetzung für die Kostenübernahme ist die Teilnahme am Programm SwissPrEPared. Das Programm wurde bereits 2019 gegründet und wird von der Universität Zürich geleitet. Es verbindet die medizinische Betreuung von PrEP-Nutzer mit der wissenschaftlichen Untersuchung der HIV-Prävention in der Schweiz. Die Medikamente werden von Ärzten verschrieben, die an dem Programm teilnehmen. Gleichzeitig sind regelmäßige medizinische Untersuchungen und Tests vorgesehen. Diese dienen dazu, die Behandlung zu begleiten, mögliche gesundheitliche Risiken zu erkennen und den HIV-Status sowie weitere relevante Gesundheitsaspekte zu kontrollieren. Die dabei erhobenen Daten werden an die Universität Zürich übermittelt und dort wissenschaftlich ausgewertet. Seit der Einführung der Kostenübernahme im Sommer 2024 konnte das Programm deutlich wachsen. Die wissenschaftlichen Ergebnisse sollen nun auch als Grundlage für die Entscheidung über die künftige Finanzierung dienen.

Fachkommission prüft Ergebnisse

Ein Bericht über die bisherigen Erfahrungen mit SwissPrEPared liegt derzeit der Eidgenössischen Kommission für allgemeine Leistungen und Grundsatzfragen (ELGK) vor. Die Kommission berät das Eidgenössische Departement des Innern bei Fragen zur Kostenübernahme medizinischer Leistungen durch die Krankenversicherung. Dabei geht es unter anderem darum, welche Behandlungen unter welchen Voraussetzungen finanziert werden sollen. Die Bewertung der bisherigen PrEP-Regelung ist deshalb von zentraler Bedeutung für die Entscheidung über das Jahr 2026 hinaus. Noch steht nicht fest, ob die bisherige Kostenübernahme unverändert verlängert, an neue Bedingungen geknüpft oder anders geregelt wird.

Druck auf die Politik

Die LGBTIQ+-Organisationen Aids-Hilfe Schweiz und Pink Cross wollen sich deshalb auch auf politischer Ebene in Bern für eine Fortsetzung einsetzen. Für Adrian Knecht, Co-Präsident von Pink Cross, ist die Finanzierung von PrEP ein wichtiger Bestandteil einer zeitgemäßen HIV-Prävention. Gegenüber der NZZ betonte er, dass Menschen Zugang zu einer Schutzstrategie haben müssten, die zu ihrem individuellen Sexualleben passe. Gerade für schwule Männer sei die von der Krankenversicherung finanzierte PrEP eine geeignete Möglichkeit, sich wirksam vor einer HIV-Infektion zu schützen. Die Prävention müsse sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen orientieren. Knecht betrachtet die Kostenübernahme deshalb nicht allein als individuelle Gesundheitsleistung, sondern auch als Investition in die öffentliche Gesundheit. Wenn mehr Menschen wirksame Präventionsmöglichkeiten nutzen können, kann dies dazu beitragen, HIV-Übertragungen zu verhindern. Aus Sicht von Pink Cross sollte die Finanzierung deshalb auch nach Ablauf der bisherigen Regelung erhalten bleiben.

Auch die Aids-Hilfe Schweiz spricht sich für eine dauerhafte Kostenübernahme aus. Florian Vock, Leiter Prävention bei der Organisation, erklärte gegenüber der NZZ, dass viele schwule Männer bereits vor Juli 2024 eine hohe Eigenverantwortung gezeigt hätten. Zahlreiche Menschen hätten PrEP schon damals genutzt, obwohl sie die Kosten selbst tragen mussten. Die Einführung der Finanzierung durch die Krankenkassen habe den Zugang zur Behandlung erleichtert. Für Vock ist dies ein wichtiger Fortschritt, der nicht wieder rückgängig gemacht werden sollte. Dabei verweist er auch auf die finanziellen Unterschiede zwischen einer vorbeugenden Behandlung und einer lebenslangen HIV-Therapie. Die Medikamente für PrEP kosten nach seinen Angaben zwischen 50 und 80 Schweizer Franken pro Monat. Demgegenüber können sich die Behandlungskosten für einen Menschen mit HIV über die gesamte Lebensdauer auf mehrere Hunderttausend Franken summieren. Die Vermeidung von Neuinfektionen kann deshalb neben dem gesundheitlichen Nutzen auch wirtschaftlich von Bedeutung sein.

Junge Menschen nicht abschrecken

Für die Aids-Hilfe Schweiz reicht es allerdings nicht aus, die Kostenübernahme lediglich grundsätzlich fortzusetzen. Entscheidend seien auch die Bedingungen, unter denen die Krankenkassen die Behandlung finanzieren. Vock fordert deshalb, dass PrEP nicht zulasten der sogenannten Franchise abgerechnet wird. Die Franchise ist der jährliche Betrag, den Versicherte in der Schweiz zunächst selbst für medizinische Leistungen bezahlen müssen, bevor sich die obligatorische Krankenversicherung im Rahmen der geltenden Regeln an den Kosten beteiligt. Würde PrEP auf diese Selbstbeteiligung angerechnet, könnten für bestimmte Versicherte weiterhin erhebliche Ausgaben entstehen. Nach Einschätzung Vocks betrifft dies insbesondere junge Erwachsene und Menschen mit begrenzten finanziellen Mitteln. Für sie könnte die Aussicht auf zusätzliche Kosten ein Grund sein, eine vorbeugende HIV-Behandlung gar nicht erst zu beginnen.

HIV-Neuinfektionen bis 2030 verhindern

Die Diskussion über die PrEP-Kostenübernahme ist auch Teil einer größeren gesundheitspolitischen Strategie. Die Schweiz verfolgt das internationale Ziel, bis zum Jahr 2030 neue HIV-Infektionen zu verhindern. Um dieses Ziel zu erreichen, sind verschiedene Maßnahmen erforderlich. Dazu gehören Aufklärung, HIV-Tests, frühzeitige Behandlungen und der Zugang zu wirksamen Präventionsmethoden. PrEP gilt dabei als ein wichtiges Instrument. Die bisherigen Entwicklungen zeigen, dass die Schweiz bei der Eindämmung von HIV Fortschritte erzielt hat. Allerdings stagniert die Zahl der jährlich registrierten Neuinfektionen derzeit bei etwa 300 bis 400 Fällen. Die verbleibenden Infektionen zu verhindern, stellt die Gesundheitspolitik vor besondere Herausforderungen. Gerade Menschen, die durch bisherige Präventionsangebote nicht ausreichend erreicht werden, müssen gezielt angesprochen werden. Ein einfacher und bezahlbarer Zugang zur PrEP kann dabei eine wichtige Rolle spielen. 

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