Queere Bücher, persönliche Lebensgeschichten und historische Dokumente bewahren – und sie zugleich für kommende Generationen zugänglich machen: Das Stonewall National Museum, Archives & Library in Florida sieht darin angesichts politischer Auseinandersetzungen um LGBTIQ+-Rechte in den USA eine zunehmend wichtige Aufgabe.
Das Wichtigste im Überblick
- Das Stonewall National Museum, Archives & Library will queere Geschichte bewahren und stärker an kommende Generationen vermitteln.
- Präsident und CEO Robert Kesten sieht LGBTIQ+-Geschichte, queere Bücher und gesellschaftliche Gleichberechtigung in den USA unter politischem Druck.
- Stonewall will den Dialog zwischen Medien, Öffentlichkeit und LGBTIQ+-Community stärken.
- Das Museum verfügt über mehr als 30.000 Bücher, organisiert Wanderausstellungen und arbeitet mit Lehrkräften, Autoren und Bildungseinrichtungen zusammen.
- Den Standort Florida betrachtet Kesten trotz der dortigen politischen Auseinandersetzungen um LGBTIQ+-Rechte bewusst als wichtig.
- Mit Blick auf die politische Entwicklung in den USA zeigt sich Kesten hoffnungsvoll, aber vorsichtig. Das Streben nach Gleichberechtigung und Gerechtigkeit werde unabhängig von Wahlergebnissen fortgesetzt.
Neuen Dialog schaffen
Museumspräsident und Geschäftsführer Robert Kesten warnt vor einem Vertrauensverlust zwischen Medien und Gesellschaft. Mit der Veranstaltungsreihe „Focus on the Future“ will die Einrichtung daher jetzt Journalisten, Kulturschaffende und Öffentlichkeit miteinander ins Gespräch bringen. Themen sind unter anderem Medienverantwortung, Repräsentation und die Bewahrung queerer Geschichte. „Während eines Großteils der Geschichte gab es keinen wirklichen Austausch zwischen den Medien und der LGBTIQ+-Community“, sagte Kesten. Heute habe die US-Regierung nach seiner Einschätzung die Community „zum Feind gemacht“ und Angst bei Verlegern und Journalisten ausgelöst. „Niemand von uns kann erfolgreich sein, wenn wir ständig über unsere Schulter schauen müssen. Ziel ist es, einen Dialog zwischen Öffentlichkeit und Medien zu eröffnen und Wege zu finden, um Ausgewogenheit, Vertrauen und Ehrlichkeit wiederherzustellen.“
Politischer Gegenwind
Das Stonewall National Museum, Archives & Library setzt sich nach Angaben Kestens auf mehreren Ebenen gegen Versuche ein, queere Bücher und Geschichte aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Der Newsletter der Einrichtung enthält redaktionelle Beiträge, Mitarbeiter beteiligen sich an Meinungsbeiträgen und Ausstellungen greifen kontroverse Themen auf. Zudem veranstaltet Stonewall Treffen mit Menschen, die nach Kestens Darstellung von politisch einflussreichen Personen angegriffen werden. „Es gibt keinen Tag, an dem wir uns nicht als Teil dieses Kampfes fühlen – auch wenn wir immer das Gefühl haben, dass wir mehr tun können und müssen“, so Kesten. Das Museum verfügt über eine Bibliothek mit mehr als 30.000 Büchern sowie eine umfangreiche Filmsammlung. Einen besonderen Schwerpunkt legt Stonewall auf Bildungsarbeit.
Über das Projekt „Heroes and Honors“ werden Lebensgeschichten von Menschen im Internet dokumentiert und weltweit zugänglich gemacht. „Das ist ein Bildungsangebot, das weltweit verfügbar ist und Menschen einen Eindruck davon vermittelt, was andere getan haben und heute tun, um diesen Planeten für alle sicher zu machen“, sagte Kesten. Das Museum arbeitet außerdem mit Lehrkräften, Schulleitungen, Autoren und weiteren Partnern zusammen. Seine Ausstellungen werden auch außerhalb Floridas gezeigt. Hinzu kommen sogenannte Starter-Kit-Bibliotheken. Sie sollen kleineren Organisationen ermöglichen, eine Auswahl queerer Bücher bereitzustellen. Stonewall suche kontinuierlich nach neuen Möglichkeiten, Menschen zu erreichen, bekräftigt Kesten weiter.
Bewusster Standort Florida
Das Museum hat seinen Sitz in Fort Lauderdale im US-Bundesstaat Florida. Gerade dort gab es in den vergangenen Jahren heftige politische Auseinandersetzungen um LGBTIQ+-Themen und deren Behandlung in Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen. Kesten betrachtet den Standort deshalb nicht nur als Herausforderung. „Man muss dort sein, wo der Kampf stattfindet, wenn man etwas verändern will.“ Die Präsenz in Florida erinnere LGBTIQ+-Menschen in Städten wie New York oder Los Angeles daran, „dass wir das Recht verdienen, überall zu leben und trotzdem wir selbst zu sein“.
Auf die Frage nach dem politischen Kurs der Republikaner in Florida äußerte Kesten deutliche Kritik. „Politiker tun Dinge, um Macht zu gewinnen; sie suchen nach den einfachsten Angriffszielen, verursachen Spaltung und versuchen, Gemeinschaften auseinanderzubringen, um Konflikte zu schaffen und die Opposition zu schwächen“, sagte er. „Schlechte Politiker tun alles, um eine Wahl zu gewinnen, verdrehen die Wahrheit und nutzen das System zu ihrem Vorteil, unabhängig davon, welchen Schaden sie verursachen.“ Die LGBTIQ+-Community habe sich dagegen gewehrt und werde dies weiterhin tun, so Kesten. „In diesem Kampf ist kein Platz für eine Niederlage.“
Lehren aus der Aids-Krise
Kesten verweist bei seiner heutigen Arbeit auch auf seine früheren internationalen Erfahrungen. Sein Engagement habe zur Entkriminalisierung von Homosexualität in der Ukraine beigetragen. Diese Arbeit habe ihm einen anderen Blick auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen gegeben. Auch Kestens Erfahrungen aus dem Engagement gegen HIV und Aids spielen nach seinen Worten eine Rolle. Er war unter anderem an Veranstaltungen für das erste AIDS-Tagesbehandlungszentrum der USA beteiligt. Für ihn geht es dabei nicht allein um die LGBTIQ+-Community. „Der Kampf gilt allen Gemeinschaften. Wir müssen anerkennen, dass wir nicht alle gleichgestellt sind, dass aber universelle Gleichberechtigung das Endziel sein muss.“
Kesten warnt davor, die Benachteiligung einzelner gesellschaftlicher Gruppen isoliert zu betrachten. „Wenn eine Gruppe ungerecht behandelt wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die nächste und dann die nächste Gruppe an der Reihe ist. Entweder wir verbessern die Dinge, oder sie werden schlimmer.“ Mit Blick auf bevorstehende Wahlen in den USA äußert sich Kesten zugleich hoffnungsvoll und vorsichtig. „Ich werde hoffnungsvoll bleiben, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist“, sagte er.