Herkules gehört zu den bekanntesten Gestalten der griechischen Mythologie. Seine außergewöhnliche Stärke und seine Abenteuer wurden über Jahrtausende immer wieder erzählt. Ein Teil seiner überlieferten Geschichte spielt in modernen Darstellungen allerdings häufig eine wesentlich kleinere Rolle: Herkules beziehungsweise Herakles werden neben weiblichen auch mehrere männliche Liebhaber zugeschrieben.
Das Wichtigste im Überblick
- Der griechische Held Herkules beziehungsweise Herakles hatte antiken Überlieferungen zufolge nicht nur weibliche, sondern auch mehrere männliche Liebhaber.
- Der griechisch-römische Autor Plutarch schrieb demnach, die männlichen und weiblichen Liebschaften des Herkules seien so zahlreich gewesen, dass sie sich kaum aufzählen ließen.
- Besonders bekannt ist die Geschichte von Hylas, den Herkules nach dem Tod von dessen Vater als Gefährten und Liebhaber zu sich genommen haben soll.
- Auch Abderos und Nireus werden als männliche Liebhaber des Herkules genannt.
- Homosexuelles Begehren findet sich in zahlreichen griechischen Mythen. Bekannte Beispiele sind Zeus und Ganymed sowie Achilles und Patroklos.
- Homosexuelle Aspekte antiker Erzählungen wurden dabei in späteren Jahrhunderten häufig heruntergespielt oder ausgeblendet.
Herkules und seine Liebhaber
Der griechisch-römische Autor Plutarch berichtet sogar, die männlichen und weiblichen Liebschaften des Herkules seien so zahlreich gewesen, dass sie sich kaum vollständig aufzählen ließen. Unter den überlieferten Geschichten über Beziehungen zwischen Männern nimmt insbesondere die Verbindung zu Hylas eine wichtige Stellung ein. Der Überlieferung zufolge nahm Herkules Hylas als Gefährten und Liebhaber zu sich, nachdem er dessen Vater im Kampf getötet hatte. Statt den jungen Mann als Gefangenen zu behandeln, wurde Herkules zu seinem Mentor. Zwischen beiden entwickelte sich demnach eine Liebesbeziehung. Die Geschichte nimmt allerdings ein tragisches Ende. Hylas wird von Nymphen fortgerissen und verschwindet.
Der antike griechische Dichter Theokrit schildert die Geschichte in seinen „Idyllen“. Darin macht sich der „goldhaarige Hylas“ auf, Wasser für das gemeinsame Abendessen mit Herakles und Telamon zu holen. Eine Nymphe verliebt sich in den jungen Mann und zieht ihn ins Wasser. Hylas schreit, kann sich jedoch nicht retten. Herkules macht sich daraufhin verzweifelt auf die Suche nach seinem verschwundenen Gefährten. Theokrit beschreibt, wie er „wild hin und her“ durch unwegsames Gelände zieht und wegen seiner Sehnsucht nach dem jungen Mann weite Strecken zurücklegt. Hylas kehrt jedoch nicht zurück.
Verlust beeinflusst Geschichte
Die Verbindung zwischen Herkules und Hylas ist dabei nicht lediglich eine Randepisode. Der Verlust seines Gefährten beeinflusst in der mythologischen Erzählung auch das weitere Verhalten des Helden. Herkules ist demnach so sehr mit der Suche nach Hylas beschäftigt, dass er die Abfahrt des Schiffes verpasst, das ihn auf die Insel gebracht hatte. Dass dieser Teil der Überlieferung in modernen Adaptionen wie der Disney-Version der Herkules-Geschichte keine Rolle spielt, ist ein Beispiel dafür, wie homosexuelle Elemente antiker Mythen in späteren Erzählungen ausgeblendet werden können.
Gleichgeschlechtliches Begehren
Beziehungen und sexuelles Begehren zwischen Menschen desselben Geschlechts finden sich auch in anderen Geschichten der griechischen Mythologie. Zu den bekannten Beispielen gehören Zeus und Ganymed sowie Achilles und Patroklos. Dabei sind solche Beziehungen in den Überlieferungen teilweise auch für die Handlung von Bedeutung und dienen als Erklärung für Entscheidungen und Handlungen der jeweiligen Figuren. Ein weiteres Beispiel ist die Geschichte von Orpheus und Eurydike. Nachdem Orpheus seine Frau verliert, die am Tag ihrer Hochzeit in die Unterwelt gelangt, wendet er sich nach der Darstellung des römischen Dichters Ovid anschließend von Frauen ab und Männern zu.
Abderos und Nireus
Auch nach dem Verlust von Hylas werden Herkules in den Überlieferungen weitere männliche Beziehungen zugeschrieben. Zu seinen männlichen Liebhabern soll Abderos gehört haben. Auch er starb demnach vor Herkules. Der Held soll anschließend eine thrakische Stadt nach ihm benannt haben. Als weiterer Liebhaber wird Nireus genannt, der in der griechischen Überlieferung nach Achilles als einer der schönsten beziehungsweise als der zweitschönste Mann Griechenlands beschrieben wird. Auch ein Wagenlenker soll ein Partner von Herkules gewesen sein inklusive einer Querverbindung zur Heiligen Schar von Theben. Diese militärische Eliteeinheit bestand aus 300 Männern, die in Paaren organisiert gewesen sein sollen. Die Vorstellung dahinter war, dass die persönliche Bindung zwischen den Männern ihre Motivation im Kampf stärken würde.
Homosexuelle Aspekte kaum sichtbar
Dass die männlichen Beziehungen des Herkules heute deutlich weniger bekannt sind als seine Kämpfe und Heldentaten, geht laut Historikern auf den Umgang späterer Gesellschaften mit den antiken Überlieferungen zurück. Demnach seien homosexuelle beziehungsweise homoerotische Aspekte in späteren Darstellungen von Helden, Dichtern, Politikern und Schriftstellern teilweise heruntergespielt oder ganz übergangen worden. Vollständig verschwunden sind sie jedoch nicht. Zahlreiche antike Texte sowie homoerotische Dichtung, Kunst und militärgeschichtliche Überlieferungen sind bis heute erhalten geblieben. Die Geschichten um Hylas, Abderos und andere Männer zeigen damit eine Seite des berühmten Helden, die in vielen modernen Versionen seiner Abenteuer kaum vorkommt – vielleicht würden diese Aspekte seines Lebens den Schulunterricht über die griechische Mythologie gleich ein Stück spannender gestalten.