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Eine Sekunde für die Liebe Schluss mit dem Sekundenstress

Von ms - 16.10.2026 - 15:30 Uhr
Eine Sekunde für die Liebe
Foto: AI GENERATED - FASH Medien
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Es gibt Nachrichten, die verändern die Welt. Die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe beispielsweise. Die Erfindung von schwulen Dating-Apps. Oder die Erkenntnis, dass ein weißes Tanktop für 180 Euro noch lange keine Persönlichkeit ersetzt. Und dann gibt es Nachrichten wie diese: Die Schaltsekunde wird abgeschafft! Ja, richtig gelesen. Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht hat in Versailles beschlossen, dass ab dem 20. Mai 2027 Schluss ist mit der gelegentlichen Extrasekunde. Die Weltzeit soll künftig ohne solche Unterbrechungen weiterlaufen.

Das Wichtigste im Überblick

  • Die Schaltsekunde verschwindet: Ab dem 20. Mai 2027 wird die Koordinierte Weltzeit (UTC) ohne zusätzliche Schaltsekunden fortgeführt.
  • Die Erde macht, was sie will: Weil unser Planet nicht immer gleich schnell rotiert, mussten Atomuhren bislang gelegentlich eine Extrasekunde einlegen.
  • Schwule Männer dürfen aufatmen: Endlich keine zusätzlichen Sekunden mehr, in denen man sich fragen muss, warum der Typ von Grindr noch nicht geantwortet hat.
  • Mehr Zeit für die Liebe? Rein rechnerisch gewinnt niemand Lebenszeit. Aber wer braucht schon wissenschaftliche Genauigkeit, wenn sich daraus eine herrliche Ausrede für einen weiteren Flirt machen lässt?

Flirten in einer Sekunde

Für die Wissenschaft ist das eine bedeutende Reform. Für schwule Männer stellt sich dagegen eine ganz andere Frage: Was machen wir jetzt mit dieser kostbaren Sekunde, die uns künftig nicht mehr dazwischenfunkt? Zugegeben: Streng genommen bekommen wir gar keine zusätzliche Lebenszeit geschenkt. Es entfällt lediglich die Möglichkeit, dass unsere Uhren gelegentlich eine Sekunde länger brauchen. Aber wir haben schließlich auch nie behauptet, dass schwules Drama wissenschaftlich überprüfbar sein muss. Also, was lässt sich in einer Sekunde nicht alles erledigen? Erstaunlich viel, wenn man schwul ist.

Eine Sekunde reicht beispielsweise, um auf Grindr ein Profil zu öffnen, den Oberkörper zu begutachten und festzustellen, dass der Mann mit dem Profilnamen „Masc4Masc“ verdächtig viele Musical-Zitate in seiner Biografie stehen hat. Eine Sekunde reicht auch, um auf eine Nachricht mit „Hey“ zu antworten. Wobei erfahrene Dating-App-Nutzer wissen, dass danach durchschnittlich drei Werktage Funkstille folgen können. Und selbstverständlich reicht eine Sekunde, um einen Mann von oben bis unten zu mustern, seine Schuhe zu beurteilen, seinen Beziehungsstatus zu erraten und gedanklich bereits die gemeinsame Hochzeit auf Mykonos zu planen. Schwule Männer brauchen schließlich keine Zeitmaschine. Ein gut sitzendes T-Shirt genügt. Die Erde dreht sich – aber nicht so schnell wie das Dating-Karussell.

Eine Sekunde mehr Zeit 

Hinter der Abschaffung steckt ein ernsthaftes wissenschaftliches Problem. Unsere Erde dreht sich nämlich nicht immer gleich schnell. Während Atomuhren mit beeindruckender Präzision die Zeit messen, leistet sich der Planet gelegentliche Schwankungen. Mal dreht er sich etwas langsamer, mal etwas schneller. Ein Verhalten, das man sonst vor allem von Männern kennt, die zunächst „Ich suche etwas Ernstes“ schreiben und drei Nachrichten später erklären, dass sie emotional gerade nicht verfügbar seien. Um die unterschiedlichen Zeitmessungen auszugleichen, wurden seit 1972 insgesamt 27 Schaltsekunden eingefügt. Zuletzt geschah das Ende 2016. 

Die zusätzliche Sekunde sorgte dafür, dass eine Minute ausnahmsweise 61 statt 60 Sekunden dauerte. Ein faszinierendes Phänomen. Wobei sich jeder schwule Mann, der schon einmal auf ein Date gewartet hat, fragen dürfte, warum ausgerechnet eine einzige Sekunde so viel Aufregung verursacht. Wer 45 Minuten vor einer Bar auf einen Mann wartet, der angeblich „gleich da“ ist, hat längst eine ganz eigene Theorie der Zeitverschiebung entwickelt.

Die wirklich wichtigen Dinge

Natürlich stellt sich da also die Frage, wie schwule Männer ihre symbolisch gewonnene Sekunde am sinnvollsten nutzen könnten. Hier einige Vorschläge: Eine Sekunde für die perfekte Pose: Bauch einziehen, Schultern zurück, Kinn leicht nach oben. Fertig ist das neue Profilfoto. Zumindest theoretisch. Praktisch folgen 87 weitere Aufnahmen und die Frage, warum man auf Bildern immer aussieht wie der eigene müde Cousin. Oder wie wäre es mit einer Sekunde für die große Liebe?! Ein Blick. Ein Lächeln. Ein Funke. Und schon beginnt eine wunderbare Liebesgeschichte. Oder eine sechswöchige Situationship, die mit „Ich glaube, wir wollen unterschiedliche Dinge“ endet.

Auch nicht dein Fall? Dann vielleicht eine Sekunde für den Kleiderschrank. Reicht vollkommen aus, um festzustellen, dass man trotz 43 schwarzer T-Shirts absolut nichts zum Anziehen hat. Oder doch eine Sekunde für den Ex? Eine Sekunde genügt, um zu überlegen, ob man ihm schreiben sollte. Die Antwort lautet Nein. Aber das hat bekanntlich noch niemanden davon abgehalten. Oder wie wäre es dann doch mit einer Sekunde für den Regenbogen? Kurz innehalten, tief durchatmen und sich daran erinnern, dass man auch ohne Sixpack, Designerhandtasche oder 12.000 Instagram-Follower ein ziemlich großartiger Mensch sein kann. Und wer diese Erkenntnis länger als eine Sekunde genießen möchte, darf das selbstverständlich tun.

Noch schnell ein Dickpic

Besonders dramatisch könnte sich die Zeitreform auf die digitale Partnersuche auswirken. Denn eine Sekunde ist im schwulen Online-Dating eine durchaus relevante Maßeinheit. Innerhalb einer Sekunde kann ein Mann „Hi“ schreiben, ein anderer „Top oder Bottom?“ fragen und ein Dritter ungefragt ein Foto seines besten Stücks verschicken. Wobei Letzteres erstaunlicherweise häufig schneller geschieht als die Beantwortung der simplen Frage: „Wie heißt du eigentlich?“ Die Abschaffung der Schaltsekunde dürfte daran wenig ändern. Auch künftig wird es Männer geben, die innerhalb von Sekunden ein intimes Foto verschicken, aber drei Monate benötigen, um herauszufinden, ob sie überhaupt eine Beziehung wollen. Die Wissenschaft hat eben ihre Grenzen.

Eine weitere gute Nachricht: Die Abschaffung der Schaltsekunde hat keinerlei Auswirkungen auf das Liebesleben. Zumindest keine messbaren. Weder werden Dates automatisch länger, noch dauern leidenschaftliche Nächte plötzlich eine Sekunde weniger. Auch die Dauer eines Orgasmus bleibt von der Weltzeit-Reform vollkommen unberührt. Wer bisher nach zwei Minuten fertig war, darf also nicht darauf hoffen, dass die internationale Zeitmessung künftig für eine wundersame Verlängerung sorgt. Andererseits: Eine zusätzliche Sekunde kann in bestimmten Situationen durchaus den Unterschied machen. Etwa zwischen „Das war schön“ und „War's das schon?“.

Wenn die Erde schneller wird

Besonders interessant ist, dass sich die Erde in den vergangenen Jahren zeitweise sogar schneller gedreht hat als erwartet. Wissenschaftler hielten deshalb erstmals eine sogenannte Minus-Schaltsekunde für möglich. Dabei wäre eine Sekunde von der Uhr gestrichen worden. Man stelle sich das einmal vor: Eine ganze Sekunde einfach weg! Für schwule Männer wäre das vermutlich der größte Zeitverlust seit dem letzten Besuch bei IKEA mit dem festen Vorsatz, „wirklich nur schnell eine Kerze“ zu kaufen. 

Die mögliche Minus-Schaltsekunde bereitete vor allem der Technikbranche Sorgen. Computersysteme, Telekommunikation und Energieversorgung benötigen eine verlässliche Zeitmessung. Ein plötzliches Streichen einer Sekunde könnte erhebliche Probleme verursachen. Im schwulen Alltag hingegen gehört das spontane Verschwinden von Zeit längst zur Normalität. Man öffnet Instagram, schaut sich ein einziges Reel an – und plötzlich ist es drei Uhr morgens, man kennt die gesamte Wohnungseinrichtung eines Fitness-Influencers aus Barcelona und hat versehentlich ein Foto seines Freundes aus dem Jahr 2019 gelikt.

Eine Welt ohne Schaltsekunden 

Ab Mai 2027 läuft die Koordinierte Weltzeit also ohne Schaltsekunden weiter. Langfristig kann dadurch die Differenz zwischen Atomzeit und astronomischer Zeit wachsen. Für Astronomen und Geodäten ist das eine wichtige Entwicklung. Für die meisten Menschen wird sich dagegen nichts spürbar ändern. Auch schwule Männer werden weiterhin zu spät zu Dates erscheinen, stundenlang über die richtige Emoji-Antwort diskutieren und sich fragen, warum der attraktive Barkeeper ausgerechnet den heterosexuellen Freund anlächelt.  Und trotzdem steckt in dieser Nachricht eine wunderbare Botschaft. 

Denn vielleicht sollten wir uns weniger Gedanken darüber machen, ob uns die Welt eine Sekunde schenkt oder nimmt. Vielleicht sollten wir lieber überlegen, was wir mit der Zeit anfangen, die wir tatsächlich haben. Eine Sekunde reicht schließlich, um jemanden anzulächeln. Um einen ersten Schritt zu wagen. Um einem anderen Mann zu sagen, dass er verdammt gut aussieht. Oder um endlich auf „Senden“ zu drücken, nachdem man die Nachricht „Hast du Lust auf einen Kaffee?“ seit 45 Minuten formuliert hat. Und falls die große Liebe trotzdem nicht klappt, bleibt wenigstens eine Gewissheit: Die Erde dreht sich weiter. Selbst wenn sich auf Grindr mal wieder alles nur um das Eine dreht.

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