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Ein Kind mit zwei Müttern? Kinderwunsch ohne Samenspende

Von ms - 03.11.2026 - 12:00 Uhr
Ein Kind mit zwei Müttern?
Foto: iStock / NoSystem images
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Die Vorstellung, dass zwei Frauen ein Kind bekommen könnten, das genetisch mit beiden verwandt ist, beschäftigt zunehmend die Reproduktionsmedizin. Neue wissenschaftliche Verfahren könnten es eines Tages ermöglichen, auf die Samenzellen eines Spenders zu verzichten.

Das Wichtigste im Überblick

  • Neue Möglichkeiten: Wissenschaftler untersuchen, ob sich aus Hautzellen künstliche Ei- und Samenzellen herstellen lassen.
  • Gemeinsame Gene: Dadurch könnten zwei Frauen ein Kind bekommen, das genetisch mit beiden verwandt ist – ohne Samenspende.
  • Erste Forschungserfolge: Versuche mit Mäusen und menschlichen Zellen zeigen Fortschritte. Eine sichere Anwendung beim Menschen ist jedoch noch nicht möglich.
  • Medizinische Risiken: Chromosomenfehler und Veränderungen der Genregulation stellen erhebliche Hindernisse dar.

Samenzellen aus Hautzellen 

Im Mittelpunkt steht die sogenannte In-vitro-Gametogenese (IVG). Dabei versuchen Forscher, Ei- und Samenzellen im Labor aus gewöhnlichen Körperzellen herzustellen. Bis zu einer möglichen Anwendung beim Menschen sind allerdings noch erhebliche wissenschaftliche und medizinische Schwierigkeiten zu überwinden. Zudem stellen sich ethische und rechtliche Fragen. Auf die neuen Forschungsansätze machte jetzt die Initiative Alliance LGBTQ Voices aufmerksam. Demnach untersuchen Wissenschaftler, ob sich aus nicht reproduktiven Körperzellen, beispielsweise Hautzellen, funktionsfähige Geschlechtszellen entwickeln lassen.

Theoretisch könnte eine Hautzelle einer Frau im Labor so umprogrammiert werden, dass daraus eine Samenzelle entsteht. Diese könnte anschließend zur Befruchtung der Eizelle ihrer Partnerin verwendet werden. Auf diese Weise würden beide Frauen genetisches Material zum gemeinsamen Kind beitragen. Die Forschung befindet sich jedoch noch in einem frühen Stadium. Zwar wurden bei Mäusen bereits erste Erfolge erzielt, doch für den Menschen fehlen bislang entscheidende Voraussetzungen. Insbesondere ist es bisher nicht gelungen, aus weiblichen menschlichen Körperzellen funktionsfähige Samenzellen herzustellen, deren Sicherheit und Fortpflanzungsfähigkeit nachgewiesen wurden.

Wie funktioniert die neue Methode?

Die In-vitro-Gametogenese verfolgt das Ziel, menschliche Ei- und Samenzellen außerhalb des Körpers zu erzeugen. Ein möglicher Ansatz nutzt sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPSC). Dabei werden ausgereifte Körperzellen, beispielsweise Hautzellen, durch spezielle Verfahren in einen stammzellähnlichen Zustand zurückversetzt. Anschließend sollen sie sich unter kontrollierten Laborbedingungen zu anderen Zelltypen entwickeln. Die größte Herausforderung besteht darin, genetisch stabile und funktionsfähige Geschlechtszellen herzustellen. Während gewöhnliche menschliche Körperzellen 46 Chromosomen besitzen, enthalten Ei- und Samenzellen normalerweise nur 23. Diese Halbierung des Chromosomensatzes ist für die spätere Befruchtung entscheidend. Bei der Herstellung von Samenzellen aus Zellen mit zwei X-Chromosomen kommen weitere Schwierigkeiten hinzu. Sie betreffen unter anderem die Reifung der Keimzellen sowie die genetische und epigenetische Steuerung ihrer Entwicklung.

Mäuseversuche zeigen Erfolge

Einen wichtigen Fortschritt erzielten japanische Wissenschaftler unter Leitung von Katsuhiko Hayashi. Im März 2023 veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift „Nature“ eine Untersuchung, bei der es gelang, funktionsfähige Eizellen aus Zellen männlicher Mäuse herzustellen. Dafür veränderten die Forscher den Chromosomensatz von Stammzellen von XY zu XX. Aus den so gewonnenen Eizellen entstanden nach einer Befruchtung sieben lebende Mäuse. Das Experiment zeigte erstmals entsprechende Möglichkeiten bei Säugetieren. Allerdings war die Erfolgsquote sehr gering. Im Grundsatz wären so irgendwann auch Kinder mit zwei biologischen Vätern möglich.

Im September 2025 veröffentlichte ein Forschungsteam der Oregon Health & Science University (OHSU) unter Leitung von Shoukhrat Mitalipov weitere Ergebnisse. Die Wissenschaftler beschrieben in der Fachzeitschrift „Nature Communications“, wie sie menschliche Embryonen in frühen Entwicklungsstadien mithilfe von Erbgut aus Hautzellen erzeugten. Dazu übertrugen sie die Zellkerne von Hautzellen in gespendete Eizellen, deren eigenes Kernerbgut zuvor entfernt worden war. Anschließend verwendeten sie ein Verfahren namens Mitomeiose, um die Zahl der Chromosomen zu reduzieren. Von insgesamt 82 rekonstruierten und anschließend befruchteten Eizellen erreichten etwa neun Prozent das sogenannte Blastozystenstadium. Dabei handelt es sich um ein frühes Entwicklungsstadium des Embryos. Die Mehrheit der Embryonen stellte ihre Entwicklung jedoch bereits vorher ein. Zudem wurden Chromosomenanomalien festgestellt. Keiner der Embryonen wurde verwendet, um eine Schwangerschaft herbeizuführen. Nach Einschätzung der beteiligten Wissenschaftler könnten mindestens zehn weitere Jahre Forschung notwendig sein, bevor überhaupt über erste klinische Versuche nachgedacht werden kann.

Hoffnung für gleichgeschlechtliche Paare

Paula Amato, Professorin für Geburtshilfe und Gynäkologie und Mitautorin der Untersuchung, sieht in dem Forschungsansatz langfristig neue Möglichkeiten für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch. „Diese Methode würde nicht nur Millionen Menschen Hoffnung geben, die aufgrund fehlender Ei- oder Samenzellen unter Unfruchtbarkeit leiden, sondern auch gleichgeschlechtlichen Paaren die Möglichkeit eröffnen, ein Kind zu bekommen, das genetisch mit beiden Partnern verwandt ist“, erklärte Amato. Allerdings müssen vor einer möglichen medizinischen Anwendung weitere biologische Hindernisse überwunden werden. Dazu zählt insbesondere das sogenannte genomische Imprinting.

Dieser Mechanismus bestimmt, welche Gene abhängig davon aktiv sind, ob sie ursprünglich von der Mutter oder vom Vater stammen. Störungen dieser Regulation können die Entwicklung eines Embryos beeinträchtigen und gesundheitliche Folgen für das spätere Kind haben. Im Jahr 2025 berichteten Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Cell Stem Cell“ über die Geburt von Mäusen mit genetischem Material zweier Väter. Damit die Tiere das Erwachsenenalter erreichen konnten, waren Veränderungen an 20 genetischen Regionen erforderlich, die dem genomischen Imprinting unterliegen. Die Überlebensrate blieb allerdings gering.

Wann wäre Anwendung möglich?

Wann die In-vitro-Gametogenese für die menschliche Fortpflanzung eingesetzt werden könnte, lässt sich derzeit nicht zuverlässig vorhersagen. Die American Society for Reproductive Medicine (ASRM) befasste sich 2026 in ihrem Positionspapier „Ethical considerations of in vitro gametogenesis“ mit den wissenschaftlichen und ethischen Voraussetzungen. Darin erkennt die medizinische Fachgesellschaft grundsätzlich die Möglichkeit an, dass gleichgeschlechtliche Paare eines Tages gemeinsam genetisch verwandte Kinder bekommen könnten. Gleichzeitig betont sie, dass bislang keine ausreichenden Sicherheitsdaten vorliegen. Zu den möglichen Risiken gehören Chromosomenanomalien, epigenetische Veränderungen und bislang unbekannte Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder. Vor einem Einsatz beim Menschen seien daher weitere präklinische Untersuchungen erforderlich. Dazu könnten auch Versuche mit nichtmenschlichen Primaten gehören.

Ethische Fragen bleiben offen

Neben medizinischen Herausforderungen wirft die neue Technologie zahlreiche gesellschaftliche Fragen auf. Der britische Nuffield Council on Bioethics veröffentlichte im Juli 2025 einen Bericht über die ethischen und sozialen Folgen der In-vitro-Gametogenese. Darin geht es unter anderem um die Einwilligung zur Nutzung genetischen Materials, den Schutz von Kindern, die mithilfe solcher Verfahren geboren werden, und mögliche wirtschaftliche Ungleichheiten. Auch die Frage, ob künftig zahlreiche Embryonen erzeugt und anschließend ausgewählt werden könnten, wird diskutiert. Für LGBTIQ+-Paare könnte die Technologie zusätzliche Möglichkeiten der Familiengründung schaffen. Die ASRM warnt jedoch davor, biologische Verwandtschaft als entscheidendes Merkmal einer Familie zu betrachten. Familien, die durch Adoption, Samenspenden oder andere Formen der Elternschaft entstehen, dürften dadurch nicht abgewertet werden.

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