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Die geheime Pionierin Homosexuelles Magazin aus dem Büro

Von ms - 26.10.2026 - 13:30 Uhr
Die geheime Pionierin
Foto: AI GENERATED - FASH Medien
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Eine Schreibmaschine, etwas Kohlepapier und viel Mut: Mehr brauchte Edythe Eyde im Sommer 1947 nicht, um ein Stück amerikanischer Mediengeschichte zu schreiben. Die damals 26-jährige Sekretärin gründete in Los Angeles das erste bekannte homosexuelle Magazin der Vereinigten Staaten. Niemand sollte erfahren, wer hinter der Publikation steckte.

Das Wichtigste im Überblick

  • Historische Pionierleistung: Edythe Eyde gründete 1947 in Los Angeles mit Vice Versa das erste bekannte homosexuelle Magazin der USA.
  • Heimlich am Arbeitsplatz: Die 26-jährige Sekretärin schrieb und vervielfältigte die Ausgaben während ihrer Arbeitszeit beim Filmstudio RKO Pictures.
  • Gefährliches Unterfangen: Homosexuelle Menschen waren damals massiver gesellschaftlicher und rechtlicher Verfolgung ausgesetzt. Das Magazin erschien deshalb anonym.
  • Nur neun Ausgaben: Bis Februar 1948 entstanden neun Ausgaben mit jeweils etwa zwölf Exemplaren, die Eyde persönlich verteilte.
  • Späte Anerkennung: Unter dem Pseudonym Lisa Ben wurde Eyde zu einer Pionierin der lesbischen Mediengeschichte. Ihr späteres Leben war jedoch von persönlichen Schwierigkeiten geprägt.

Kleines kostenloses Heftchen

Die Zeitschrift trug den Namen Vice Versa. Eyde selbst bezeichnete sie als „Amerikas homosexuellstes Magazin“. Es war ein kleines, kostenloses Heft mit maschinengeschriebenen Seiten, die unter einem blauen Umschlag zusammengeheftet waren. Fotografien, Anzeigen, ein Impressum oder Autorennamen gab es nicht. Das Magazin entstand unter ungewöhnlichen Bedingungen: Eyde arbeitete als Sekretariatsassistentin beim Filmstudio RKO Pictures. In ruhigen Stunden ihres Arbeitstags schrieb sie die Beiträge, die fast vollständig aus ihrer eigenen Feder stammten. Mit Kohlepapier fertigte sie Durchschläge an. Pro Ausgabe entstanden nur etwa zwölf Exemplare. Sie gab diese an Freunde weiter, verteilte sie in Schwulen- und Lesbenbars und verschickte sie gelegentlich per Post.

Ein Magazin gegen Ausgrenzung

Eyde war aus Nordkalifornien nach Los Angeles gezogen, um ihrer streng autoritären Familie zu entkommen. In der Großstadt suchte sie ein Leben, in dem sie ihre Homosexualität freier ausleben konnte. Doch auch dort war die Situation gefährlich. In den 1940er-Jahren existierten in sämtlichen US-Bundesstaaten Gesetze gegen sogenannte Sodomie. Homosexuelle Menschen mussten mit Strafverfolgung, gesellschaftlicher Ächtung und beruflichen Konsequenzen rechnen. Mit Vice Versa wollte Eyde einen Raum schaffen, in dem lesbische Frauen ihre Erfahrungen und Interessen wiederfinden konnten.

In der ersten Ausgabe vom Juni 1947 erklärte sie, weshalb sie das Magazin gegründet hatte. An Zeitungskiosken gebe es Publikationen zu nahezu jedem Thema, nicht jedoch für homosexuelle Menschen. „Und doch gibt es eine Art von Publikation, die meiner Überzeugung nach für eine bestimmte Gruppe von großem Interesse wäre. Eine solche Publikation ist noch nie an den Kiosken erschienen“, schrieb Eyde. Dass selbst anstößige Zeitschriften verkauft werden dürften, ein Magazin für homosexuelle Menschen aber nicht, führte sie auf gesellschaftliche Vorurteile zurück. „Warum? Weil die Gesellschaft es so bestimmt.“ Dann formulierte sie den Anspruch ihrer neuen Zeitschrift: „Deshalb erscheint VICE VERSA, eine Zeitschrift, die sich in aller Ernsthaftigkeit jenen von uns widmet, denen es niemals ganz gelingen wird, sich den eisernen Regeln gesellschaftlicher Konventionen anzupassen … Dies ist eure Zeitschrift.“

Historikerin betont Mut

Wie riskant Eydes Vorhaben war, erläuterte jetzt die Historikerin Lillian Faderman. Die emeritierte Wissenschaftlerin der California State University in Fresno gilt als eine der wichtigsten Forscherinnen zur lesbischen und homosexuellen Geschichte. Schon der Besuch einer Schwulen- oder Lesbenbar habe damals Mut erfordert. Solche Treffpunkte seien regelmäßig von der Polizei durchsucht worden. Dennoch hätten Frauen diese Orte aufgesucht, um Gemeinschaft zu finden. Faderman bezeichnete Eyde als mutig und klug, zugleich aber als naiv. Die junge Frau habe die rechtlichen Gefahren ihrer Veröffentlichungen offenbar unterschätzt.

„Jemand musste ihr erst sagen, dass es gesetzlich verboten war, homosexuelle Publikationen per Post zu verschicken. Und ihre Antwort lautete: ‚Aber ich habe doch nichts Anstößiges darin geschrieben.‘ Nun, das musste sie auch gar nicht.“ Faderman, die selbst lesbisch ist, erinnerte sich an Belästigungen in homosexuellen Treffpunkten während der 1950er-Jahre. „Allein die Tatsache, dass sie diese Publikation geschrieben hat, war wunderbar“, sagte sie über Eyde. „Sie entstand aus einer gewissen Naivität heraus … Sie ist ein wunderbares Stück Geschichte.“

Schluss nach neun Ausgaben

Im Februar 1948 erschien die neunte und letzte Ausgabe von Vice Versa. Das Ende hatte vor allem berufliche Gründe. Nachdem Unternehmer Howard Hughes das Filmstudio RKO übernommen hatte, verlor Eyde ihre bisherige Stelle. Statt in einem eigenen Büro arbeitete sie nun in einem großen Schreibsaal mit zahlreichen anderen Angestellten. Die Gelegenheit, unbemerkt an ihrem Magazin zu arbeiten, war damit verschwunden. In der letzten Ausgabe verabschiedete sie sich mit einem persönlichen Valentinsgruß von ihrer kleinen Leserschaft: „Obwohl dieses kleine Magazin nicht viel Spitze, Herzen oder andere für den Februar passende Verzierungen enthält, möchte ich durch VICE VERSA allen, denen dieses Magazin gewidmet ist, meine von Herzen kommenden persönlichen Valentinsgrüße übermitteln.“ Nach dem Ende der Zeitschrift arbeitete Eyde weiterhin als Sekretärin. Außerdem begann sie, in lesbischen Bars und Clubs zu singen.

Aus Eyde wurde Lisa Ben

1956 erschien mit The Ladder eine weitere bedeutende lesbische Publikation in den USA. Herausgegeben wurde sie von den Daughters of Bilitis, einer lesbischen Organisation aus San Francisco. Auch dort veröffentlichten Autorinnen ihre Beiträge unter Pseudonymen, um ihre Identität zu schützen. Eyde gehörte zu den Mitarbeiterinnen. Zunächst wollte sie sich „Ima Spinster“ nennen – sinngemäß „Ich bin eine alte Jungfer“. Eine Redakteurin lehnte den Vorschlag jedoch ab. Daraufhin entschied sich Eyde für Lisa Ben, ein Anagramm des englischen Wortes „lesbian“. Unter diesem Namen wurde sie später bekannt. Ihre Identität blieb zunächst verborgen, wurde jedoch irgendwann nach den 1950er-Jahren öffentlich.

Schwieriges Leben im Alter

Obwohl Eyde mit ihrer Zeitschrift Geschichte geschrieben hatte, zog sie sich in späteren Jahren zunehmend aus der homosexuellen Gemeinschaft zurück. Nach den frühen 2000er-Jahren gab sie keine Interviews mehr. Warum sie sich von ihrem früheren Umfeld distanzierte, ist nicht eindeutig geklärt. Historikerin Faderman vermutet, dass Eydes schwierige Familiengeschichte und enttäuschte Hoffnungen auf eine dauerhafte Liebesbeziehung eine Rolle gespielt haben könnten. Eyde hatte drei Jahre lang mit einer Frau zusammengelebt. Nach eigenen Angaben endete die Beziehung schlecht. „Ich denke, wenn man Eltern hat, die so streng, autoritär und lieblos sind, macht das einem das Leben als Erwachsener sehr schwer“, sagte Faderman.

Und weiter: „Sie war keine glückliche Frau. Ich glaube, das ist die einzige Möglichkeit, sie zu beschreiben. Ihre Beziehung zu ihren Eltern prägte den Rest ihres Lebens. Sie fand keine dauerhafte Liebe, und auch das prägte ihr Leben.“ Faderman hält es zudem für möglich, dass Eyde durch ihre Erziehung eine tief verwurzelte, verinnerlichte Homophobie entwickelte. Sie beschrieb dieses Gefühl als „jene Stimme im Kopf, die man niemals vollständig loswird“. „Irgendwie kehrte sie mit zunehmendem Alter zu der Haltung zurück, die ihre Mutter vertreten hatte, als sie noch ein Teenager war.“

Pionierin der Mediengeschichte

Edythe Eyde starb 2015 im Alter von 94 Jahren. Sie wurde auf dem Forest Lawn Memorial Park in Kalifornien beigesetzt. Ihr kleines, heimlich vervielfältigtes Magazin gilt heute als ein bedeutendes Zeugnis der frühen homosexuellen Selbstorganisation in den Vereinigten Staaten. Jahrzehnte vor einer breiteren gesellschaftlichen Anerkennung homosexueller Menschen schuf Eyde eine Publikation, in der lesbische Frauen ausdrücklich angesprochen wurden. Für Faderman bleibt diese Leistung trotz des schwierigen späteren Lebens der Gründerin von besonderer Bedeutung. „Ich denke, dass ich und andere Menschen, die sich für lesbische Geschichte interessieren, ihr für Vice Versa für immer dankbar sein sollten. Aber sie hatte ein sehr trauriges Leben“, sagte die Historikerin. „Es ist wirklich sehr tragisch.“

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