Direkt zum Inhalt

Angst in Amsterdam Morddrohungen wegen Regenbogenflagge

Von ms - 26.10.2026 - 13:00 Uhr
Angst in Amsterdam
Foto: Gerben Sterringa privat
ANZEIGE
Loading audio player...

In den Niederlanden und insbesondere in Amsterdam geht die Akzeptanz in der jungen Bevölkerung gegenüber homosexuellen und queeren Menschen rapide zurück – das bestätigten zuletzt zwei Studien. Ein besonders dramatischer Fall dieser Entwicklung sorgt jetzt für viel Aufmerksamkeit und Entsetzen in der Community. Eine Familie und ihre 13-jährige Tochter erhielten homophobe Morddrohungen, schließlich wurde ein Ziegelstein durch das Schlafzimmerfenster des Mädchens geworfen. An der Mauer zum Eingang des Hauses fanden sich homophobe Hass-Botschaften. Die Eltern haben ihre Regenbogenflagge inzwischen entfernt und fürchten um die Sicherheit ihrer Tochter.

Das Wichtigste im Überblick

  • Community in den Niederlanden unter Schock nach besonders homophoben Attacken auf eine Familie.
  • In Amsterdam wurde ein Ziegelstein durch das Schlafzimmerfenster eines 13-jährigen Mädchens geworfen. Das Kind entging nur knapp einer möglichen Verletzung.
  • Homophobe Morddrohungen: Am Haus hinterließen Unbekannte eine Drohbotschaft gegen homosexuelle Menschen.
  • Wiederholte Anfeindungen: Bereits zuvor war die Regenbogenflagge der Familie gestohlen und beschädigt worden. Auch homophobe Schmierereien waren aufgetaucht.
  • Flagge aus Angst entfernt: Obwohl die Eltern zunächst Widerstand leisten wollten, nahmen sie die Pride-Flagge zum Schutz ihrer Tochter ab.
  • Polizei ermittelt: Die Ermittlungen laufen unter Beteiligung der auf LGBTIQ+-Anliegen spezialisierten Polizeieinheit Roze in Blauw.

Attacke auf Kinderzimmer 

Seit mehreren Jahren hing die Pride-Flagge vor dem Haus an der Amstelkade. Sie sollte ein Zeichen für Respekt, Vielfalt und Toleranz sein. Doch nach wiederholten Anfeindungen eskalierte die Situation zuletzt. Wie die niederländische Zeitung Het Parool berichtet, hörte der 50-jährige Hausarzt Gerben Sterringa gegen 21.45 Uhr einen lauten Knall. Als er nachsah, entdeckte er einen Ziegelstein im Schlafzimmer seiner Tochter. Unbekannte hatten den Stein durch die Doppelverglasung des Fensters geworfen. Das Zimmer liegt im Erdgeschoss, unmittelbar neben der Haustür, an der die Regenbogenflagge befestigt war.

Tochter entgeht knapp Angriff

Dass das Mädchen bei dem Angriff nicht verletzt wurde, war offenbar Zufall. Die 13-Jährige hielt sich zum Zeitpunkt des Vorfalls nicht in ihrem Schlafzimmer auf. „Meine Tochter war zu diesem Zeitpunkt zufällig gerade dabei, Brote zu schmieren. Aber wenn es eine halbe Stunde später passiert wäre, hätte sie im Bett gelegen, und es hätte sehr, sehr schlimm ausgehen können“, sagte Sterringa. „Der Ziegelstein wurde durch die Doppelverglasung geworfen und flog quer durch das Zimmer. Das hätte tödlich enden können.“ Das Mädchen stand nach dem Angriff unter Schock und verbrachte die Nacht im Schlafzimmer ihrer Eltern. Als Sterringa unmittelbar nach dem Vorfall nach draußen eilte, waren die Täter bereits verschwunden. Zurückgelassen hatten sie jedoch eine bedrohliche Botschaft an einer nahe gelegenen Mauer. Dort stand in englischer Sprache: „Drop dead xxx gay! I kill gay.“ Sinngemäß bedeutet die Drohung: „Verreckt Schwuchteln! Ich töte Schwule.“

Homophobe Schmierereien

Der Ziegelsteinwurf war nicht der erste Vorfall an dem Wohnhaus. Bereits Anfang Oktober hatten Unbekannte auf derselben Mauer die homophobe Beschimpfung „gay cancer“ hinterlassen, auf Deutsch etwa „Schwulenkrebs“. Auch die Regenbogenflagge war wiederholt Ziel von Angriffen geworden. Einmal wurde sie gestohlen, bei einer anderen Gelegenheit beschädigt. Um weitere Diebstähle zu verhindern, hatte die Familie die Flagge schließlich mit einem umfunktionierten Staubsaugerrohr gesichert.

Sterringa und seine Frau hatten die Pride-Flagge vor mehreren Jahren bewusst angebracht. Sie wollten damit ihre Solidarität mit homosexuellen und anderen queeren Menschen ausdrücken. „Wir hatten davon gehört, dass Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung angegriffen und sogar ermordet werden. Das ist einfach nicht hinnehmbar“, erklärte der Hausarzt. „Jeder sollte andere Menschen mit Respekt behandeln, unabhängig von ihrem Glauben, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Hautfarbe. Für uns steht diese Flagge für Respekt und Toleranz gegenüber allen Menschen.“

Die Angst nicht gewinnen lassen

Nach dem Angriff war Sterringas erste Reaktion, die Regenbogenflagge demonstrativ hängen zu lassen. „Mein erster Gedanke war: Ich lasse mich nicht einschüchtern, und die Flagge bleibt hängen“, berichtete er. „Ich wollte nicht zulassen, dass die Angst, die sie verbreiten wollen, die Oberhand gewinnt.“ Doch die Sorge um die Tochter überwog schließlich. Die Eltern mussten abwägen, ob sie mit ihrem sichtbaren Zeichen für Toleranz ein weiteres Risiko für das Mädchen eingehen wollten. „Es ist schließlich deine Tochter, die dort schläft“, sagte Sterringa. „Meine Frau sagte auch: Das ist gefährlich, das sollten wir nicht mehr tun.“ Die Familie entschied deshalb, die Regenbogenflagge abzunehmen. Ein Symbol, das jahrelang für Solidarität und Offenheit gestanden hatte, verschwand damit aus Angst vor weiteren Angriffen von der Hausfassade.

Polizei ermittelt wegen Angriff

Nach dem Ziegelsteinwurf rückte die Polizei an und leitete Ermittlungen ein. Beteiligt ist auch Roze in Blauw, eine spezialisierte Anlaufstelle innerhalb der niederländischen Polizei, die sich mit Anliegen und Straftaten gegen LGBTIQ+-Menschen befasst. Nach Angaben Sterringas reagierten die eingesetzten Beamten verständnisvoll. Sie hätten die Familie in ihrer Haltung bestärkt, zugleich aber die Entscheidung respektiert, die Flagge zum Schutz des Kindes abzunehmen. „Sie sagten zu uns: ‚Sie sollten stolz sein.‘ Aber sie verstanden auch, warum wir die Flagge abnahmen“, berichtete Sterringa. Über die Identität der Täter und mögliche Ermittlungsergebnisse lagen in dem Bericht keine weiteren Angaben vor.

Toleranzverlust in Amsterdam

Besonders erschüttert zeigt sich Sterringa darüber, dass sich die Vorfälle ausgerechnet in Amsterdam ereigneten. Die niederländische Hauptstadt galt lange Zeit international als weltoffen und als ein bedeutender Ort der LGBTIQ+-Bewegung. Für den Familienvater steht der Angriff im deutlichen Widerspruch zu diesem Selbstverständnis. „Ich bin so wütend und enttäuscht, dass so etwas jetzt in Amsterdam passiert, in einer Gesellschaft, die immer so tolerant gewesen ist“, sagte er. „Eine solche Flagge sollte eigentlich gar nicht notwendig sein. Aber dass so etwas passiert, zeigt, dass Toleranz immer weniger selbstverständlich wird.“ Auch innerhalb der LGBTIQ+-Community in Amsterdam sowie in den ganzen Niederlanden haben die Angriffe für einen Schock gesorgt. Die Lage für homosexuelle Menschen scheint sich schrittweise immer weiter im Land zu verschlechtern. 

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

Die Presse„Vor Scham im Boden versinken“: Audi-Chef Döllner erntet harsche Kritik für Auftritt bei Trump-WahlkampfSüddeutsche ZeitungNews-Überblick: Das sind die Nachrichten des TagesSüddeutsche Zeitung„Sextortion“ in München: Er wollte sich zum Sex treffen. Dann wurde er erpresstrbb24Queere Demo in Kreuzberg: Mehrere tausend Menschen fordern Schutz queeren LebensAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Welche Rolle sollten politische Forderungen auf CSDs spielen?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Die geheime Pionierin

Ihr Mut schrieb Geschichte

1947 gründete eine junge Sekretärin heimlich das erste bekannte homosexuelle Magazin der USA – und riskierte damit ihre berufliche Existenz.
CSDs erleben Gewaltrekord

LGBTIQ+-Sichtbarkeit unter Druck

299 CSDs und mindestens 156 gestörte Veranstaltungen: Eine neue Auswertung zeigt eine deutliche Zunahme LGBTIQ+-feindlicher Angriffe in Deutschland.
Kulturkampf bei Zwischenwahlen

Sportverbote und Geschlechtstests

In fünf US-Bundesstaaten entscheiden Wähler über Einschränkungen für trans* Menschen – von Sportverboten bis zu medizinischen Eingriffen.
Streit um schwule Veteranen

Großbritannien sucht Einigung

Zwei schwule Ex-Soldaten kämpfen um Entschädigung für ihre erzwungene Entlassung. Die britische Regierung will jetzt einen Prozess vermeiden.
UEFA bestraft Fußballfans

Stadionkurve droht Sperre

Wegen homophober Fangesänge muss Olympique Lyon 20.000 Euro zahlen. Bei weiteren Vorfällen droht dem französischen Club eine Stadionsperre.
Mehr Druck auf die Türkei

Kanada betont LGBTIQ+-Rechte

Kanada baut seine Beziehungen zur Türkei aus, spricht aber zugleich die zunehmende Verfolgung von LGBTIQ+-Menschen unter Erdoğan an.
Putin soll Trump helfen

Kampf vor US-Zwischenwahlen

Russische Desinformationskampagnen sollen offenbar Demokraten vor den US-Kongresswahlen diskreditieren und Donald Trump politisch stärken.
Silva gewinnt Richtungswahl

Neue Hoffnung in LGBTIQ+-Community

Präsident Silvas Wahlsieg verhindert eine Rückkehr des Bolsonaro-Lagers an die Macht und weckt Hoffnungen auf eine offenere Gesellschaft.
Taiwan Pride setzt ein Zeichen

Solidarität statt Ausgrenzung

Vor der Pride am 31. Oktober fordern die Organisatoren Respekt für queere Menschen mit Behinderung, HIV und unterschiedlichen sexuellen Lebensweisen.