Elf Jahre nach einer Stammzelltransplantation, die ihn von HIV und einer schweren Krebserkrankung befreite, hat ein 62-jähriger Berliner jetzt erstmals öffentlich über seine außergewöhnliche Krankengeschichte gesprochen. Thomas Kahlert ist jener Mann, der in der medizinischen Fachwelt bislang nur unter der Bezeichnung „Zweiter Berliner Patient“ bekannt war. Seit Jahren ist bei ihm kein HI-Virus mehr nachweisbar, obwohl er keine HIV-Medikamente mehr einnimmt.
Das Wichtigste im Überblick
- HIV-Heilung in Berlin: Der 62-jährige Thomas Kahlert ist der bislang nur als „Zweiter Berliner Patient“ bekannte Mann, bei dem nach einer Stammzelltransplantation kein HIV mehr nachgewiesen werden konnte.
- Seit Jahren ohne HIV-Medikamente: Nach einer Transplantation im Oktober 2015 ist Kahlert sowohl von seiner Leukämie als auch von HIV befreit. 2018 setzte er seine antiretrovirale Therapie ab.
- Medizinisch außergewöhnlicher Fall: Anders als beim ersten geheilten HIV-Patienten waren die transplantierten Stammzellen nicht vollständig gegen HIV resistent. Dennoch verschwand das Virus.
- Weltweit nur 13 Heilungsfälle: Alle bisher als geheilt geltenden Menschen erhielten wegen einer schweren Blutkrebserkrankung eine Stammzelltransplantation.
- Neue Forschungsansätze: Wissenschaftler wollen die Erkenntnisse nutzen, um HIV künftig auch ohne riskante Transplantation dauerhaft zu beseitigen oder zu kontrollieren.
HIV-Geheilter spricht
Kahlert trat jetzt bei einer Veranstaltung der Berliner Universitätsklinik Charité erstmals unter seinem vollständigen Namen auf. Auf die Frage nach seinem Gesundheitszustand erklärte er, es gehe ihm „sehr gut“. Sein Fall war bereits 2024 wissenschaftlich vorgestellt worden. Damals blieb seine Identität jedoch vertraulich. Kahlert arbeitet seit 38 Jahren an der Charité, wo er auch behandelt wurde. Der Zeitpunkt seines öffentlichen Auftritts hatte eine besondere Bedeutung: Genau elf Jahre zuvor hatte er jene Stammzelltransplantation erhalten, die nicht nur seine Leukämie behandelte, sondern offenbar auch seine HIV-Infektion vollständig beseitigte. Wissenschaftler sehen in seiner Krankengeschichte wichtige Hinweise darauf, wie eine HIV-Heilung möglicherweise auch ohne die bislang erforderlichen besonders riskanten Behandlungsmethoden erreicht werden könnte.
Kahlerts medizinische Vorgeschichte begann 2009. Bei einer Routineuntersuchung wurde festgestellt, dass er sich mit HIV infiziert hatte. Zu diesem Zeitpunkt standen bereits wirksame antiretrovirale Medikamente zur Verfügung, mit denen sich die Vermehrung des Virus unterdrücken lässt. 2015 erhielt Kahlert jedoch eine weitere schwerwiegende Diagnose: Bei ihm wurde eine akute myeloische Leukämie festgestellt, eine aggressive Form von Blutkrebs. Um die Erkrankung zu behandeln, war eine Stammzelltransplantation notwendig, im Oktober 2015 erhielt er die Blutstammzellen einer gesunden Spenderin.
Bei diesem Verfahren wird das erkrankte blutbildende System durch Stammzellen eines anderen Menschen ersetzt. Daraus entwickelt sich ein neues Immunsystem. Die Behandlung war erfolgreich. Seitdem wurden weder Krebszellen noch HIV bei Kahlert nachgewiesen, 2018 entschied er sich, seine antiretrovirale Therapie abzusetzen. Normalerweise würde sich HIV nach dem Absetzen der Medikamente erneut vermehren. Bei Kahlert blieb dieser Rückfall jedoch aus. Dass das Virus auch Jahre später nicht wieder nachweisbar wurde, macht seinen Fall für die medizinische Forschung besonders bedeutsam.
Heilung überrascht Wissenschaft
Die Besonderheit von Kahlerts Heilung wird im Vergleich mit dem ersten sogenannten Berliner Patienten deutlich. Der US-Amerikaner Timothy Ray Brown war 2008 ebenfalls an der Charité wegen einer Leukämie mit einer Stammzelltransplantation behandelt worden. Dabei gelang es erstmals weltweit, auch eine bestehende HIV-Infektion zu heilen. Brown erhielt Stammzellen eines Spenders mit einer seltenen genetischen Besonderheit. Um menschliche Immunzellen zu infizieren, nutzt HIV unter anderem einen Rezeptor auf deren Oberfläche. Dieser trägt die Bezeichnung CCR5 und dient bestimmten Virusvarianten als Eintrittspforte. Etwa ein Prozent der Menschen europäischer Abstammung besitzt eine genetische Veränderung namens CCR5-delta32 in beiden Genkopien. Durch diese Mutation fehlt der funktionsfähige CCR5-Rezeptor weitgehend auf der Zelloberfläche. Menschen mit dieser genetischen Ausstattung sind deshalb gegen HIV-Varianten, die diesen Rezeptor benötigen, weitgehend geschützt. Browns Stammzellspender besaß diese doppelte genetische Veränderung. Sein neues Immunsystem war dadurch gegenüber entsprechenden HIV-Varianten resistent.
Bei Thomas Kahlert war die Situation grundlegend anders. Sowohl er selbst als auch seine Stammzellspenderin hatten die CCR5-delta32-Mutation lediglich von einem Elternteil geerbt. Eine solche einfache Ausprägung schützt nicht zuverlässig vor einer HIV-Infektion. Dennoch verschwand das Virus nach der Transplantation vollständig aus den bislang untersuchten Proben. Damit widerlegt der Fall die frühere Annahme, dass für eine HIV-Heilung durch Stammzelltransplantation zwingend ein gegen HIV resistentes Spenderimmunsystem erforderlich ist.
Immunsystem beseitigte Viren
Eine mögliche Erklärung für Kahlerts Heilung liegt in der besonderen Wirkung des transplantierten Immunsystems. HIV besitzt die Fähigkeit, sich dauerhaft in bestimmten Immunzellen einzunisten. Diese sogenannten Virusreservoire können über viele Jahre bestehen bleiben. Während moderne HIV-Medikamente die Vermehrung des Virus zuverlässig unterdrücken, erreichen sie die verborgenen Virusreservoire nicht vollständig. Deshalb beginnt HIV bei den meisten Betroffenen erneut, sich zu vermehren, sobald die antiretrovirale Behandlung abgesetzt wird. Bei Kahlert scheint dieser Mechanismus durch die Stammzelltransplantation unterbrochen worden zu sein.
Wissenschaftliche Analysen, deren Ergebnisse im Dezember 2025 in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht wurden, liefern Hinweise darauf, dass das neue Immunsystem die verbliebenen infizierten Zellen selbst beseitigt haben könnte. Eine wichtige Rolle spielten dabei möglicherweise Antikörper. Diese können HIV-infizierte Zellen markieren, sodass spezialisierte Immunzellen sie erkennen und zerstören. Der Infektionsforscher Christian Gaebler von der Charité erklärte dazu: „Unsere Analysen deuten darauf hin, dass das neue Immunsystem bei Thomas Kahlert selbst die Virus-Verstecke beseitigt hat.“ Weiter sagte er: „Eine wichtige Rolle spielten offenbar Antikörper, die HIV-infizierte Zellen markieren, damit die Killerzellen des Immunsystems sie zerstören.“ Diese Erkenntnis eröffnet einen neuen Forschungsansatz. Wenn sich die entscheidenden Abwehrmechanismen gezielt nachbilden lassen, könnte eine HIV-Heilung möglicherweise auch ohne den vollständigen Austausch des Immunsystems gelingen.
13 Menschen weltweit geheilt
Trotz der außergewöhnlichen Erfolge bleibt eine HIV-Heilung bislang eine medizinische Ausnahme. Weltweit leben rund 41 Millionen Menschen mit HIV. Nach Angaben der Charité gelten bisher lediglich 13 Menschen als von der Infektion geheilt. Alle bekannten Heilungsfälle stehen im Zusammenhang mit einer Stammzelltransplantation, die wegen einer zusätzlichen schweren Blutkrebserkrankung durchgeführt wurde. Der Eingriff ist mit erheblichen gesundheitlichen Gefahren verbunden. Vor einer solchen Transplantation muss das bestehende blutbildende System durch eine intensive Behandlung mit Chemotherapie und teilweise Bestrahlung weitgehend ausgeschaltet werden.
Dadurch ist die Immunabwehr über einen längeren Zeitraum stark geschwächt. Selbst normalerweise harmlose Infektionen können dann lebensbedrohlich werden. Hinzu kommt die Gefahr, dass die übertragenen Immunzellen den Körper des Empfängers angreifen. Diese sogenannte Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion kann schwere Organschäden verursachen. Eine Stammzelltransplantation kommt deshalb grundsätzlich nur bei entsprechend schweren Erkrankungen wie bestimmten Formen von Blutkrebs infrage. Für Menschen, deren HIV-Infektion mit Medikamenten gut kontrolliert werden kann, wäre das Risiko einer solchen Behandlung nicht vertretbar.
HIV bleibt im Körper
Die medizinische Versorgung von Menschen mit HIV hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verbessert. Moderne antiretrovirale Therapien können die Vermehrung des Virus dauerhaft unterdrücken. Bei frühzeitigem Behandlungsbeginn und zuverlässiger Medikamenteneinnahme ist inzwischen eine weitgehend normale Lebenserwartung und Lebensqualität möglich. Besonders wichtig ist das medizinisch gesicherte Prinzip U=U, die Abkürzung für „Undetectable = Untransmittable“. bAuf Deutsch bedeutet dies „Nicht nachweisbar = Nicht übertragbar“. Menschen mit HIV, deren Viruslast durch die Therapie dauerhaft unter der Nachweisgrenze liegt, übertragen das Virus beim Sex nicht.
Eine erfolgreiche Behandlung verhindert allerdings nicht, dass HIV in verborgenen Zellreservoiren verbleibt. Ohne Medikamente kann die Virusvermehrung deshalb normalerweise erneut einsetzen. Unbehandelt kann die Infektion das Immunsystem zunehmend schädigen und schließlich lebensbedrohlich werden. Zudem weisen Menschen mit HIV nach Angaben der Charité selbst bei guter medizinischer Versorgung ein erhöhtes Risiko für bestimmte Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen auf. Auch gesellschaftliche Ausgrenzung und Stigmatisierung bleiben für viele Betroffene eine Belastung. Eine sichere Heilungsmethode könnte deshalb nicht nur die lebenslange Medikamenteneinnahme überflüssig machen, sondern auch die gesundheitlichen und sozialen Perspektiven vieler Menschen verbessern.
Neues Zentrum zur HIV-Forschung
Die Erkenntnisse aus den Fällen von Thomas Kahlert und Timothy Ray Brown sollen nun gezielt für die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden genutzt werden. Dafür hat die Berliner Universitätsmedizin Charité MItte Oktober das Berlin Center for HIV Cure (BeCURE) eröffnet. An der Veranstaltung nahmen neben Kahlert auch die Berliner Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra und Vertreter der Charité teil. Direktor des neuen Forschungszentrums ist der Infektionsforscher Professor Christian Gaebler, der an der Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin sowie am Berlin Institute of Health in der Charité tätig ist. „Wir wollen die Perspektive für Menschen, die mit HIV leben, grundlegend verbessern“, sagte Gaebler. Das langfristige Ziel besteht darin, HIV entweder vollständig aus dem Körper zu entfernen oder die Infektion dauerhaft ohne Medikamente unter Kontrolle zu halten.
Die Wissenschaftler wollen insbesondere jene Mechanismen untersuchen, die bei den bisher geheilten Menschen zur Beseitigung des Virus beigetragen haben. Im Mittelpunkt stehen moderne Antikörpertherapien, Immuntherapien sowie Gen- und Zelltherapien. Erste klinische Studien mit Antikörpern haben bereits begonnen. „Wir wollen Wege finden, das Virus ohne eine riskante Stammzelltransplantation aus dem Körper zu entfernen oder dauerhaft in Schach zu halten, damit sich der Heilungsansatz für möglichst viele Betroffene eignet“, erklärte Gaebler. Die Forschungsarbeiten könnten zudem für andere chronische Virusinfektionen relevant werden. Besonderes Interesse gilt Hepatitis B, einer Infektionskrankheit der Leber, mit der weltweit rund 240 Millionen Menschen leben. Auch bei dieser Erkrankung besteht die Herausforderung darin, das Virus langfristig zu kontrollieren oder vollständig zu beseitigen.
HIV-Betroffene direkt einbinden
Das neue Forschungszentrum verbindet medizinische Grundlagenforschung mit klinischen Studien und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen. Beteiligt sind Fachleute aus der Infektiologie, Virologie, Immunologie, Hämatologie, Geburtsmedizin und Hepatologie. Auch die systematische Auswertung medizinischer Forschungsdaten gehört zum Konzept. Besonderen Wert legt die Charité auf die direkte Beteiligung von Menschen mit HIV. „Wir haben ein Community Collaboration Board eingerichtet, über das Menschen, die mit HIV leben oder deren Bedürfnisse kennen, die Forschung mitgestalten“, sagte Gaebler. „Außerdem wollen wir ein Anlaufpunkt sein für Betroffene aus Berlin und Umgebung, die bei uns Zugang zu klinischen Studien mit neuen Therapien erhalten.“
Berlins Wissenschafts-, Gesundheits- und Pflegesenatorin Ina Czyborra betonte: „Vor fast zwanzig Jahren wurde an der Charité zum ersten Mal ein Mensch von HIV geheilt. Dies zeigt eindrucksvoll, was Medizin leisten kann, wenn sie direkt bei Patientinnen und Patienten ankommt. Das damit begründete neue Forschungsfeld erhält nun mit BeCURE ein dauerhaftes Zuhause. Hier geschieht exzellente Forschung für die Menschen und mit diesem Anspruch entwickeln wir Berlin zum weltweit führenden Gesundheitsforschungsstandort.“ Der Standort Berlin spielt auch aus epidemiologischer Sicht eine besondere Rolle: Etwa jeder fünfte Mensch mit einer HIV-Diagnose in Deutschland lebt in der Hauptstadt.