Buntes queeres Familienleben Alltag mit vielen Eltern, rechtliche Hürden bleiben
Die ZDF-Reportage „37°: Meine ziemlich bunte Familie“ begleitet Familien, deren Lebensrealitäten von klassischen Familienmodellen abweichen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Erfahrungen von Kindern und Eltern in Regenbogenfamilien – einschließlich persönlicher Herausforderungen, Trennungen und rechtlicher Hürden.
Das Wichtigste im Überblick
- Die ZDF-Dokumentation „37°: Meine ziemlich bunte Familie“ begleitet mehrere Regenbogenfamilien in Deutschland.
- Im Mittelpunkt steht der zehnjährige Oskar aus München, der von zwei Müttern, zwei Vätern und einer Stiefmutter geprägt wird.
- Während der Dreharbeiten trennt sich Oskars Mutter Judith von ihrer Partnerin Rita – mit spürbaren Folgen für die Familie.
- Eine zweite Geschichte erzählt von Jasmin und Lara aus Köln, die ihr erstes gemeinsames Kind bekommen.
- Obwohl beide Frauen aktiv an der Familiengründung beteiligt sind, wird zunächst nur Lara rechtlich als Mutter anerkannt.
- Erst nach einer Stiefkindadoption erhält Jasmin den rechtlichen Status als Elternteil.
Alltag in Regenbogenfamilien
Eine der Hauptfiguren der Dokumentation ist der zehnjährige Oskar aus München. Seine Familienkonstellation umfasst insgesamt fünf Elternteile: seine leibliche Mutter Judith, deren frühere Ehefrau Andrea, Judiths damalige Partnerin Rita sowie seinen leiblichen Vater Herbert und dessen Ehemann Christian. „Ich habe halt eben mehr Familienmitglieder als Normale“, sagt Oskar in der Dokumentation. Besonders gefällt ihm die Bezeichnung „Regenbogenfamilie“, denn: „Es zeigt halt eben, dass sie bunt ist – verschieden“, erklärt der Zehnjährige.
Oskar lebt zunächst gemeinsam mit seiner Mutter Judith, deren Partnerin Rita und seinem Stiefbruder Valentin in München. Rita und Judith sind seit fünf Jahren ein Paar. Beide Jungen stammen aus früheren Beziehungen. Neben seiner leiblichen Mutter Judith spielt auch Andrea eine zentrale Rolle in seinem Leben. Die beiden Frauen waren früher verheiratet. Andrea hat Oskar adoptiert und teilt sich mit Judith das Sorgerecht. Der Junge wechselt regelmäßig zwischen den beiden Haushalten. Wichtige Entscheidungen werden weiterhin gemeinsam getroffen. Für die Familie steht während der Dreharbeiten ein bedeutender Schritt bevor: Oskar soll auf eine weiterführende Schule wechseln. Judith blickt diesem Abschnitt mit gemischten Gefühlen entgegen. Der Gedanke an die bevorstehende Pubertät bereite ihr „Bauchkribbeln“, sagt sie. Diese werde „eben schwierig, wenn man anders ist“, befürchtet die 41-Jährige.
Vater wollte von Anfang an präsent sein
Zu Oskars erweiterten Familienkreis gehören auch Herbert und dessen Ehemann Christian. Herbert ist der leibliche Vater des Jungen. Alle zwei Wochen verbringt Oskar Zeit bei ihnen. Die ungewöhnliche Familienkonstellation entstand nach einer Begegnung auf einer Vernissage. Dort lernten sich Herbert, Judith und Andrea kennen und tauschten ihre Telefonnummern aus. Wenige Wochen später erhielt Herbert einen überraschenden Anruf. „Ich war sehr überrascht“, erinnert er sich.
Judith habe ihn gefragt, ob er sich vorstellen könne, Vater ihrer Kinder zu werden. Nach einiger Bedenkzeit entschied sich Herbert dafür. „Ich bin nicht der Überzeugung, dass es gut ist, wenn ein Kind nicht weiß, wer sein Vater ist“, sagt er. Von Beginn an sei vereinbart gewesen, dass er aktiv am Leben seines Sohnes teilnimmt. Auch Judith hält männliche Bezugspersonen für wichtig. „Ich kann halt kein männliches Vorbild sein“, erklärt sie.
Trennung verändert das Familienleben
Während die Dreharbeiten laufen, kommt es jedoch zu einer unerwarteten Veränderung. Rita trennt sich von Judith. Für Oskar bedeutet dies einen tiefen Einschnitt. Gemeinsam mit seiner Mutter zieht er vorübergehend zu Andrea, bis Judith eine neue Wohnung findet. Besonders schwer fällt ihm die Trennung von seinem Stiefbruder Valentin. Trotz der familiären Veränderungen beginnt für den Jungen gleichzeitig ein neuer Lebensabschnitt. Am ersten Tag auf der weiterführenden Schule wird er von seinen zwei Müttern und zwei Vätern begleitet. Fünf Monate später hat Judith eine eigene Wohnung gefunden. In seiner neuen Klasse hat Oskar bislang noch nicht über seine Familienkonstellation gesprochen. Das Thema beschäftigt ihn weiterhin.
Gemeinsamer Kinderwunsch in Köln
Neben Oskars Geschichte begleitet die Dokumentation auch Jasmin (39) und Lara (35) aus Köln. Das verheiratete Paar erwartet sein erstes gemeinsames Kind. Für die Schwangerschaft entschieden sich die beiden Frauen für einen besonderen Weg: In Österreich spendete Jasmin ihre Eizelle, während Lara das Kind austrägt. Dadurch sind beide Frauen biologisch und emotional eng an der Entstehung ihres Kindes beteiligt. „Lara schwanger zu sehen ist für mich ein totales Geschenk“, erzählt Jasmin. Es mache sie „stolz“, dass sie nun durch Lara zur Mutter werde. Auch Lara beschreibt die Situation als etwas Besonderes. Sie sei stolz darauf, Jasmins Gene in sich zu tragen und daran zu denken, dass das Kind möglicherweise einmal Jasmins Augen haben könnte. Bei diesen Worten kommen Jasmin die Tränen.
Für die werdenden Eltern steht fest, dass sie sich die Versorgung ihres Kindes teilen möchten. Deshalb unterzieht sich Jasmin einer Hormonbehandlung, um ebenfalls stillen zu können. Dafür nimmt sie täglich neun Tabletten ein. Gleichzeitig beschäftigen die beiden Frauen gesellschaftliche Entwicklungen und politische Debatten. „Wenn wir eben auch auf die politische Lage im Land gucken, machen wir uns da schon auch große Sorgen. Wie wird das aussehen, wenn unser Kind vier Jahre alt ist und wir andere Einflüsse in der Regierung feststellen?“, fragt sich Jasmin. In Köln fühlten sie sich jedoch weitgehend sicher. Dort müssten sie sich „keine Sorgen machen, händchenhaltend durch die Stadt zu gehen“.
Rechtliche Anerkennung nach Adoption
Nach der Geburt ihrer Tochter folgt für das Paar jedoch eine rechtliche Enttäuschung. In der Geburtsurkunde wird zunächst ausschließlich Lara als Mutter eingetragen. Der Grund liegt im deutschen Abstammungsrecht, das eine automatische Anerkennung beider Mütter nicht vorsieht. Weder die Ampel-Regierung noch die aktuelle schwarz-rote Koalition hat es bisher geschafft, eine Reform des Abstammungsrechts umzusetzen. Für Jasmin fühlt sich dies „ungerecht an“. Während sie ihre Tochter stillt, spricht sie offen über ihre Erfahrungen. Mit zunehmender Beschäftigung mit der Rechtslage werde ihre Wut größer. Sie fühle sich „einfach nicht gesehen“.
Der Weg zur rechtlichen Elternschaft führt schließlich über eine Stiefkindadoption. Dafür müssen verschiedene Prüfungen und Gutachten durchlaufen werden, bevor das Familiengericht entscheidet. Acht Monate nach der Geburt findet schließlich die entscheidende Anhörung statt. Nach wenigen Minuten ist die Erleichterung groß: Jasmin wird rechtlich als Mutter anerkannt. Damit sind beide Frauen nicht nur im Alltag, sondern auch vor dem Gesetz Eltern ihrer Tochter. Die ZDF-Dokumentation „37°: Meine ziemlich bunte Familie“ ist in der Mediathek verfügbar.