Reinhard Lüschows Buch Memoiren beschreiben Flucht in heterosexuelle Ehe
Reinhard Lüschow, heute 66 Jahre alt, erinnert in seinen nun erschienenen Memoiren „Volkers Brief. Mein Leben vor Heinz“ eindrücklich daran, warum er einst eine Frau heiratete. In seinem Text schildert Lüschow offen, wie er sich in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren aus Angst vor gesellschaftlicher Verurteilung in eine heterosexuelle Ehe flüchtete. Die Erzählung zeigt, wie wenige authentische Räume es damals für schwule Männer gab – und warum die Verbindung mit Sabine für ihn lange wie ein Ausweg erschien. Diese Auseinandersetzung mit persönlicher Anpassung wirft ein grelles Licht darauf, was gelebte Unsichtbarkeit für Individuen bedeutete. 2001 schloss Lüschow mit Heinz-Friedrich Harre als erstes schwules Paar Deutschlands eine eingetragene Lebenspartnerschaft in Hannover – ein Meilenstein im Kampf um Gleichstellung.
Das Wichtigste im Überblick
- „Volkers Brief. Mein Leben vor Heinz“ erschien am 1. Juni 2026 im Pinkvoss Verlag in Hannover.
- Reinhard Lüschow heiratete Sabine zu Beginn der 1980er Jahre, das Ende der Ehe folgte nur wenige Jahre später.
- In der Geburtsregion Staffhorst (Niedersachsen) wuchs er als jüngster Sohn eines Landwirt-Ehepaars auf und empfand früh seine Andersartigkeit.
- 2001 schloss Lüschow mit Heinz-Friedrich Harre als erstes schwules Paar Deutschlands eine eingetragene Lebenspartnerschaft in Hannover – ein Meilenstein im Kampf um Gleichstellung.
Herkunft und innere Zerrissenheit
Aufgewachsen in Staffhorst, einem niedersächsischen Dorf, war Lüschow von frühester Kindheit an anders: Er spielte lieber mit Puppen, sammelte Bilder attraktiver Männer und spürte, dass seine Gefühle nicht der Norm entsprachen. In der patriarchal geprägten Familienstruktur, in der Pflichterfüllung und gute schulische Leistung gefragt waren, fehlte jeder Raum für ein nach innen gerichtetes Anderssein.
Anpassung als Schutzmechanismus
Lüschow erzählt, wie er sich anpasste: Er half auf dem Hof, zeigte sich mit Freundinnen und stritt sich innerlich mit seiner wachsenden sexuellen Identität. Seine Ehe mit Sabine erschien ihm als ein möglicher Ausweg – für beide. Doch die emotionale Leere blieb bestehen, Konflikte wuchsen, bis zur endgültigen Trennung. Der Weg ins Verborgene blieb wirkungsvoller als die eigene Wahrheit.
Die Rolle der ersten Kontakte
Ein einschneidender Moment kam mit dem Stern-Titel „Wir sind schwul“. Lüschow besorgte sich die Ausgabe, reiste nach Bremen und fand erstmals eine Gruppe schwuler Männer, in der er sich verstanden fühlte. Diese Treffen boten den ersten Rückhalt – und begonnen wurde das Leben im Doppelspiel: öffentlich angepasst, privat befreit.
Aktivismus und eben auch Öffentlichkeit
Nach Jahren des Auftrags, des Zweifelns, folgte der Schritt in die Öffentlichkeit: 2001 trugen Lüschow und Harre ihre Partnerschaft im Alten Rathaus Hannover ein – als erstes schwules Paar bundesweit. Die Zeremonie wurde zum Symbol des Kampfes um rechtliche Gleichstellung – verbunden mit medienwirksamer Aufmerksamkeit und einem Anfang der Anerkennung.
Persönliches Schreiben als politische Tat
Mit zurückhaltender, fast freundschaftlicher Erzählweise lässt Lüschow sein Publikum teilhaben an einem langen, intimen Weg von Orientierungslosigkeit über Anpassung bis zur Selbstakzeptanz. Seine Memoiren sind kein pathologisierender Bericht, sondern vermittelt den schmalen Grad zwischen sozialer Zugehörigkeit und innerer Notwendigkeit zur Wahrheit.
„Volkers Brief“ erinnert daran: Hinter dem Begriff „Lebenspartnerschaft“ steht ein Mensch, der lange in der Rolle eines zufriedenen Biedermannes verharren musste – und darin fast sich selbst verlor. Die Frage bleibt: Wie viele Menschen bewegen sich heute noch in diesem Dilemma? Lüschows Lebensgeschichte ist ein Aufruf zu mehr Verständnis – und zur Kenntnis dessen, was Versteckspiel anrichten kann.