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Bisexuell // © efenzi
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Bisexuell Alles ganz easy?

sr - 01.05.2019 - 07:00 Uhr

Jeder hat den Spruch „Bisexualität ist nur ein Phase“ schon einmal gehört. Flapsig wird mit einer abfälligen Handbewegung und einem Rollen der Augen abgetan, was für andere Menschen Realität ist und ihre sexuelle Orientierung bedeutet. In der homosexuellen Welt wird Bisexualität häufig nicht gleichwertig anerkannt oder sogar in einigen Fällen diskriminiert und diskreditiert. Im Volksmund der Szene wird Bisexualität als die Straße zwischen Heterosexualität und Homosexualität angesehen. Also ist sie nur eine Haltestelle zwischen Start- und Zielpunkt. Aber warum herrscht dieses Schwarz-Weiß-Denken weiterhin vor und warum tolerieren auch Homosexuelle eine andere Randgruppe nicht, wobei sie doch selbst genau wissen, wie es ist, von einer Mehrheit nicht anerkannt zu werden?
Verglichen mit der Vergangenheit wird überall sehr offen über Sexualität gesprochen, sei es in den Medien, in der Schule oder auch im Elternhaus. Doch während Homosexualität inzwischen mehr oder weniger akzeptiert wird und offen ausgelebt werden darf, wird das Thema Bisexualität nach wie vor mit einem Fragezeichen versehen. Der Mensch sehnt sich danach, in Schubladen zu denken, und das Unbehagen, das entsteht, wenn man den Bisexuellen nicht in die „Straight“- oder „Gay“-Schublade stecken kann, muss psychologisch gesehen erklärt und beseitigt werden. Ganz nach dem Motto „friss oder stirb“ wird man als Bisexueller gesellschaftlich gezwungen, sich endlich, wie in einer Gameshow, für ein Tor zu entscheiden – Tor A oder Tor B. Die Möglichkeit, dass es ein Tor C (oder gar ein Tor D) gibt, kommt nur wenigen in den Sinn. Dabei ist Bisexualität in jedem Fall als eine mögliche sexuelle Ausrichtung anzusehen und ist nicht nur als eine Phase der Desorientierung oder eine Unsicherheit bei der Wahl ob hetero oder homo.
Um die mögliche Entwicklung einer bisexuellen Identität zu skizzieren, ist es notwendig, einige Begriffe zu klären. Machen wir also einen kleinen Exkurs: Ganz allgemein steht im Duden, dass Sexualität die „Gesamtheit der im Sexus begründeten Lebensäußerungen“ ist. Als sexuell bezeichnet man dementsprechend alle auf das Geschlechtsleben bezogenen Vorgänge und Eigenschaften. Unter sexueller Neigung versteht man das Interesse an sexueller Intimität mit dem einen oder anderen Geschlecht (Homo-, Heterosexualität) oder beidem (Bisexualität). Angelehnt an eine Definition des Begriffes Identität als „die als Selbst erlebte innere Einheit der Person“ kann man die sexuelle Identität als die innere Erkenntnis, das Eingeständnis und die Akzeptanz der eigenen sexuellen Neigung verstehen. Die sexuelle Identität kann sich im Laufe eines Lebens aber durchaus ändern. Sie ist kein fester innerer Kern. Sie ist eine Momentaufnahme in einem fortlaufenden Prozess. In dem Prozess verarbeiten wir all unser Wissen und unsere Erfahrungen über uns selbst.
Nun könnten wir noch weiter darauf eingehen, was Theoretiker wie Freud zur Bisexualität sagen, aber geht es hier doch nicht um die reine Definition. Wichtig ist es, dass wir Bisexualität nicht nur als reines sexuelles Interesse verstehen, sondern dass unter Bisexualität auch der ganze Lebensentwurf mit entsprechenden Wünschen und Träumen mit einem Partner/einer Partnerin einhergehen. Bisexualität setzt also in diesem Fall keine tatsächliche Umsetzung der sexuellen Neigungen voraus, sondern lediglich das von beiden Geschlechtern ‚Angezogen-Sein‘. Bezogen auf die von den Wissenschaftlern Kinsey/Klein für eine Studie entwickelte Skala zur Einstufung der sexuellen Orientierung, kann man jede Person als bisexuell einstufen, die sich selbst nicht als „ausschließlich homosexuell“ oder „ausschließlich heterosexuell“ bezeichnet. Das Spektrum der Begrifflichkeiten ist leider noch nicht weiter ausgereift, um die Wirklichkeit ausdrücken zu können. Denn die Gruppe der Bisexuellen ist unter sich nicht homogen und es gibt von Person zu Person deutliche Unterschiede. Begriffe wie „bi mit Tendenz zur Frau“ oder „bi mit Tendenz zum Mann“ müssten erst noch erfunden werden, um die Wirklichkeit ein wenig besser zu beschreiben. Die Anziehungskraft beider Geschlechter ist sicherlich ein Leben lang vorhanden, wie diese ausgelebt wird ist dann wieder eine sehr individuelle Entscheidung. Hinzu kommt, dass sich diese Auslebung der Sexualität natürlich im Laufe der Zeit verändern, formen und stärken kann. In einigen Fällen kristallisiert sich aus einer Bisexualität wirklich eine rein homosexuelle Lebensweise, aber ebenso ist es möglich, sein Leben lang bisexuelle Kontakte zu suchen oder sich gar wieder für eine heterosexuelle Auslebung zu entscheiden.
Wahrscheinlich kann davon ausgegangen werden, dass nahezu jeder Mensch bis zu einem gewissen Maße eine bisexuelle Neigung hat. Bloß entwickelt sich mit der Zeit eine Tendenz in die eine oder in die andere Richtung. Viele Menschen leben die Neigung zu beiden Geschlechtern jedoch nicht aus (was zahlreiche Gründe haben kann, u.a. gesellschaftliche Zwänge). Viele Bisexuelle berichten, dass sie durch Homosexuelle geradezu diskriminiert werden. Dieser sexuelle Rassismus zeigt ein hohes Maß an Intoleranz und Ignoranz, obwohl die Homosexuellen ständig selbst bemüht sind, Akzeptanz und Toleranz in der heterosexuell-genormten Gesellschaft zu bekommen. Es scheint fast so, dass Bisexuelle eine nicht zu bändigende Bestie für die Homosexuellen darstellen, denn ein Mann kann einem Bisexuellen nicht genau dasselbe geben, was eine Frau dem Bisexuellen geben kann. Was wiederum nicht bedeutet, dass ein Bisexueller nicht in der Lage ist, eine „normale“ Beziehung mit einem schwulen Mann zu führen.

SCHWULISSIMO traf sich mit Christian (27 Jahre – bisexuell – Name von der Redaktion geändert).

Schwulissimo: Wie würdest du dich selbst bezeichnen? Hetero? Homo? Bi? Und wie hast du bisher in deinem Leben deine Sexualität ausgelebt?

Christian: Ich bin bisexuell. Zumindest ist das die Bezeichnung, die am ehesten auf mich zutrifft. Ich kenne keinen anderen Begriff dafür. Ich bin in einer Kleinstadt groß geworden und habe mich auch dort schon geoutet, dass ich auch auf Männer stehe. Doch ich habe über viele Jahre eine feste Freundin gehabt. Ich war ihr auch immer treu, sie wusste, dass ich bi bin, aber ich habe es eben nie ausgelebt. Ich bin zufrieden, so wie es ist und fühle mich wohl. Ich lebe ganz offen damit und fühle mich nicht falsch oder nicht zugehörig – ich bin nicht heterosexuell und nicht homosexuell. So einfach ist das. Also ich habe früh gespürt, dass ich Männlichkeit an sich anziehend finde. Ich liebe die Kraft, die von Männern ausgeht. Ich mache selbst viel Sport und mich zieht der maskuline und muskulöse männliche Körper sehr an. Irgendwann wurde diese Anziehung zur Begierde.

Wie war es in deiner Beziehung mit deiner Ex-Freundin? Wann hast du damit Berührungspunkte gehabt, dass du auf Männer stehst? Und wieso hast du es in deiner Beziehung thematisier? Ist es nicht selten, dass Männer ihre Bisexualität einer Frau gegenüber zugeben?

Christian: Ich habe mich mit meiner Ex-Freundin über meine Sexualität normal unterhalten. Warum? Ich weiß es nicht mehr. Es war einfach der offene und ehrliche Weg damit umzugehen. Aber in einer monogamen Beziehung war es eben nicht möglich, diese Orientierung auszuleben. Aber sicherlich kommt dann nach so vielen Jahren der Beziehung der Punkt, wo man sich entscheiden muss, was man will. Festigt man die heterosexuelle Beziehung und bekommt vielleicht Kinder und baut ein Haus? Oder eben man geht getrennte Wege. Das zweite ist in meinem Fall passiert und ich bin in die Großstadt gezogen, um eine Art neues Leben anzufangen. Das Interesse und diese Begierde, auch Männern nahe zu sein, waren einfach auch sehr stark in mir vorhanden und ich wollte nicht mein Leben lang etwas unterdrücken.

Wie fühlst du dich, seitdem du in dein „neues“ Leben umgezogen bist? Was hat sich seitdem getan und verändert?

Christian: In der schwulen Welt fühle ich mich wohl und ich mache viele neue Erfahrungen. Ich bekomme extrem viel Bestätigung, was mein Äußeres angeht, und lebe nun wirklich die bisexuelle Orientierung in meinem Wesen aus. Ich habe nun auch das Gefühl, dass ich mich in der Großstadt offener zu meiner Sexualität äußern kann. Allerdings muss ich mir ständig anhören, dass ich „auf dem Weg bin“ und „bald zu meinem Schwul-sein“ stehen werde. Ich finde es eine unglaubliche Einmischung in meine Intim- und Privatsphäre, wenn man mir mit so einem ignoranten Spruch entgegentritt. Ich urteile auch nicht über andere und ihre Sexualität. Für mich ist es so schlimm, dass ich manchmal einfach sage, dass ich schwul bin, um dieser Intoleranz und den häufigen Diskussionen zu entgehen.

Kannst du mir einige Erlebnisse schildern, bei denen du diese Intoleranz besonders gespürt hast? Fühlst du dich benachteiligt, weil du bisexuell bist?

Christian: Es fängt ja schon in der Familie an: Meine Eltern verstehen meine Bisexualität als „Phase“, was es definitiv nicht ist. Seitdem ich mich geoutet habe, wird nicht mehr über mein Privatleben gesprochen. Was traurig ist, denn Akzeptieren bedeutet nicht, dass man einen Teil meines Lebens verschweigen muss. Meine Freunde Zuhause vermuten, dass ich durchaus was mit Jungs habe, haben aber nicht den Mut, mich darauf anzusprechen. Da behält man lieber für immer das Bild von mir mit meiner Exfreundin im Kopf. Die Intoleranz bekomme ich vor allem von Homosexuellen zu spüren. Wenn das Thema Bisexualität aufkommt, dann wird mir meistens vorgeworfen, dass ich noch nicht weiß, dass ich schwul bin oder es an mir selbst noch nicht akzeptiere – nur deshalb sei ich bisexuell. Es fällt mir schwer, mich in dieser Schubladen-Welt zurechtzufinden. Ich empfinde das heterosexuelle Gehabe als falsch und dem rein homosexuellen Leben kann ich auch nur wenig abgewinnen. Manchmal fühle ich mich wie bei Hermann Hesses Steppenwolf innerlich zerrissen. Dabei liegt das Problem ja nicht bei mir, sondern bei der Gesellschaft, die mich in eine Schublade stecken möchte.

Wie ist denn deine eigene Theorie von Sexualität und sexueller Orientierung? Hast du dir darüber Gedanken gemacht?

Christian: Da kommen mir viele Inhalte aus meinem Studium in den Kopf und vor allem Gender-Theorien bringen mich oft zur Weißglut. Ich finde diese einseitige heterosexuelle Matrix und das Positionieren in „eine“ Sexualität einfach lächerlich. Ist nicht mancher mehr, mancher weniger homo-, bi- oder hetero­sexuell? Gibt es nicht unzählige Facetten der Sexualität? Warum geißeln wir uns selbst immer mit dem Wunsch nach Eindeutigkeit und dem Verlangen, alles in ein bekanntes Raster zu pressen?

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