Meilen von Diversität entfernt Lena Cassel: Offene lesbische Stimme im Sportjournalismus
Lena Cassel zählt heute zu den sichtbarsten Stimmen im deutschen Sportjournalismus, obwohl sie diese Laufbahn anfangs gar nicht geplant hatte, erzählt sie im Interview auf journalist.de. Die 31-jährige ehemalige Fußballspielerin und studierte Medienwissenschaftlerin ist eine der wenigen weiblichen und offen lesbischen Persönlichkeiten, die in einer traditionell männlich geprägten Branche Präsenz zeigen. Ihr Weg von einer Jugend in Armut hin zur gefragten Sportjournalistin wirft ein Schlaglicht auf die nach wie vor schleppenden Veränderungen in Sachen Vielfalt und Inklusion.
Fußball als Lebensader und journalistisches Thema
Schon früh bot der Fußball Lena Cassel Halt, Gemeinschaft und ein Stück Heimat. Während sie früher selbst kickte, steht heute die journalistische Aufarbeitung der komplexen Fußballsphäre im Vordergrund: Cassel sieht den Sport nicht nur als Wettkampf, sondern als gesellschaftlichen Begegnungsort. Über ihren täglichen Podcast, Stadionbesuche und ihre Moderationen beleuchtet sie soziale wie wirtschaftliche Aspekte des Spiels und nimmt dabei auch kritische Haltungen zur zunehmenden Kommerzialisierung ein. Die Distanz zwischen Fans, Spiel und wirtschaftlichen Interessen sei gewachsen und ebenso die Verantwortung der Medien, diese Entwicklungen einzuordnen.
Frauen und Vielfalt: Fortschritt mit Hindernissen
Auch wenn der Anteil weiblicher Gesichter im Sportfernsehen gestiegen ist, bleibt echte Chancengleichheit laut Cassel eine Illusion. Frauen müssten immer noch mehr als ihre fachliche Kompetenz beweisen und litten oft unter geschlechterspezifischer Kritik. „Die Branche ist durchlässiger geworden, aber noch meilenweit davon entfernt, divers zu sein“, fasst Cassel zusammen. Trotz einzelner Vorbilder behindern weiter starre Rollenmuster und institutionelle Trägheit den Aufstieg qualifizierter Frauen. Eine jüngste Studie unterstreicht diesen Trend: Nur etwa 15 Prozent der Sportjournalistinnen und -journalisten in Deutschland sind Frauen und noch deutlich weniger erreichen leitende Positionen.
Zwar öffnen jüngere Streaminganbieter neue Türen und fördern Agilität, doch grundlegende Veränderungen erfordern auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk langfristigen Wandel. Barrierefreier Zugang und Diversität werden von Cassel als zentrale Zukunftsaufgaben betrachtet. Sie sieht die Medien nicht nur als Spiegel des Sports, sondern als aktive Gestalter gesellschaftlicher Realität.
Trotz aller Schwierigkeiten bleibt Lena Cassel optimistisch. Ihre Authentizität, gepaart mit fundierter Kritik, macht sie zur wichtigen Stimme im Bemühen um moderne Sportberichterstattung. Die Frage bleibt: Wann werden auch die Strukturen im Hintergrund so vielfältig, wie es der Fußball auf dem Platz längst sein könnte?