Der britische Schauspieler Tom Cullen (41) hat die Bedeutung schwuler Repräsentation im Kino hervorgehoben. Bei einer Vorführung seines neuen Mystery-Thrillers „Black Church Bay“ im Rahmen des Iris Prize LGBTQ+ Film Festivals in Cardiff sprach der aus den Serien „Downton Abbey“ und „House of the Dragon“ bekannte Darsteller über die Verantwortung, die mit der Verkörperung homosexueller Figuren verbunden sei.
Das Wichtigste im Überblick
- Verantwortung als Schauspieler: Tom Cullen betont beim Iris Prize LGBTQ+ Film Festival, dass er die Darstellung schwuler Figuren als besondere Verantwortung betrachtet.
- Düsterer Thriller: In „Black Church Bay“ spielt der 41-Jährige einen Mann, dessen geheime Homosexualität und eine intime Begegnung sein Leben aus den Fugen geraten lassen.
- Cullen sieht in Filmen wie „Weekend“ und „Black Church Bay“ Beispiele für die große Vielfalt schwuler Geschichten.
- Drehort Wales: Der Film entstand auf der Insel Anglesey. Neben Cullen spielt „Heartstopper“-Star Joe Locke eine Hauptrolle.
Besondere Ehre
„Ich betrachte es keineswegs als selbstverständlich, die besondere Ehre zu haben, eine schwule Figur zu spielen. Ich nehme diese Verantwortung sehr ernst und hoffe, dass sich das auch in meiner Arbeit widerspiegelt“, sagte Cullen. Der aus Aberystwyth in der walisischen Grafschaft Ceredigion stammende Schauspieler übernimmt in „Black Church Bay“ die Rolle des Barry. Der Mann hält seine Homosexualität geheim und lebt in einer abgeschotteten Gemeinschaft. Nach einer intimen Begegnung mit einem jüngeren Mann gerät sein bisheriges Leben zunehmend aus den Fugen. Um den äußeren Schein zu wahren, ist Barry bereit, bis zum Äußersten zu gehen.
Unterschiedliche Lebensrealitäten
Für Cullen ist es nicht die erste homosexuelle Rolle. Bereits 2011 spielte er in dem britischen Liebesdrama „Weekend“, das zugleich seine erste Filmrolle war, einen schwulen Charakter. Beide Produktionen verdeutlichten seiner Ansicht nach, wie unterschiedlich schwule Geschichten erzählt werden könnten. „Das Schöne ist, dass schwules Kino meiner Meinung nach oft in eine bestimmte Schublade gesteckt wird. Diese beiden Filme zeigen jedoch, wie groß das Spektrum und wie vielfältig die Geschichten sein können“, sagte Cullen. An die Rolle des Barry sei er genauso herangegangen wie an die Darstellung einer heterosexuellen Figur. Entscheidend sei für ihn, die jeweilige Persönlichkeit und ihre Beweggründe zu verstehen.
„Es sind Charaktere, in die man sich hineinversetzen und die man verstehen muss. Und im Grunde besteht meine Arbeit darin, Empathie zu entwickeln“, erklärte der heterosexuelle Schauspieler. Bei der Vorbereitung auf „Weekend“ habe er sich intensiv mit den Erfahrungen homosexueller Männer beschäftigt. „Ich erinnere mich, dass ich für ‚Weekend‘ viel recherchiert habe. Ein wichtiger Teil davon bestand darin, meine schwulen Freunde zu befragen und mit ihnen über ihre Erfahrungen zu sprechen, um sie wirklich zu verstehen. Aber das ist letztlich einfach Recherche, wie man sie für jede Rolle betreiben sollte.“
Sehr düsteres Drehbuch
Ausschlaggebend für seine Beteiligung an „Black Church Bay“ sei vor allem das anspruchsvolle Drehbuch gewesen. Die Geschichte habe ihn gerade wegen ihrer ungewöhnlichen und düsteren Ausrichtung gereizt. „Das Drehbuch war außergewöhnlich und etwas, das in Großbritannien normalerweise nicht produziert wird“, sagte Cullen. „Es ist unglaublich düster.“ Geschrieben und inszeniert wurde der Film von dem walisisch-irischen Regisseur Rhys Marc Jones. Die Dreharbeiten fanden auf der Insel Anglesey im Norden von Wales statt. Die Landschaft spielte bereits bei der Entwicklung der Geschichte eine zentrale Rolle. „Der gesamte Film wurde mit Blick auf diese Orte geschrieben. Ich wollte schon immer, dass mein erster Spielfilm in Wales entsteht“, erklärte Jones.
Jones bezeichnete „Black Church Bay“ als „eine Fantasie, die sich in einen Albtraum verwandelt“. Für diese Geschichte habe er eine Landschaft gesucht, deren Wirkung sich im Verlauf des Films grundlegend verändern könne. „Ich brauchte einen Ort, der wunderschön, idyllisch und hoffnungsvoll wirken kann, sich dann aber verändert und brutal und erbarmungslos wird“, sagte der Regisseur. Anglesey erfülle diese Anforderungen besonders gut. „Die Insel kann atemberaubend schön sein, hat aber zugleich etwas Unheilverkündendes.“
Zwischen Wales und London
Cullen hatte vor „Black Church Bay“ noch nie auf Anglesey gedreht, die Region Nordwales jedoch bereits durch zahlreiche Urlaubsaufenthalte kennengelernt. Er begrüßte, dass der Film „Wales ins Rampenlicht rückt“. Die Produktion bedeutete für ihn zugleich eine besondere organisatorische Herausforderung. Parallel zu den Dreharbeiten stand Cullen für die Fantasyserie „House of the Dragon“ vor der Kamera. Nach Abschluss der jeweiligen Drehwoche in Wales musste er deshalb nach London fahren, um dort am Wochenende weiterzudrehen. An seiner Seite spielt Joe Locke (23), der vor allem durch seine Rolle als Charlie Spring in der Netflix-Serie „Heartstopper“ bekannt wurde. Cullen erklärte, er und seine Partnerin, die Schauspielerin Alison Sudol, seien große Fans des jüngeren Kollegen. Die Zusammenarbeit mit Locke sei „eine absolute Freude“ gewesen. „Joe und ich haben uns gegenseitig den Rücken gestärkt“, sagte Cullen.
Joe Locke fühlt sich wie zu Hause
Für Locke war es nicht der erste Aufenthalt in Wales, wohl aber sein erster Besuch auf Anglesey. Die Insel erinnerte den Schauspieler an seine Heimat, die Isle of Man. „Ich komme von der Isle of Man, deshalb fühlte es sich irgendwie an, als wären die beiden Inseln Schwestern. Sie sind sich sehr ähnlich, abgesehen davon, dass auf Anglesey alle Walisisch sprechen“, sagte Locke. Auch landschaftlich und gesellschaftlich habe er viele Gemeinsamkeiten erkannt. „Die Landschaft ist sehr ähnlich, ebenso das Kleinstadtleben. Deshalb fühlte es sich ein bisschen wie zu Hause an.“ Seine Erfahrungen mit dem Leben auf einer Insel seien während der Dreharbeiten hilfreich gewesen.
Allerdings habe er sich auch auf die eingeschränkten Einkaufsmöglichkeiten einstellen müssen. Nach seinen Angaben schlossen die meisten Geschäfte auf Anglesey bereits um 19 Uhr. Deshalb habe er abends häufig auf Instantnudeln aus dem Becher zurückgegriffen. „Black Church Bay“ wurde beim Iris Prize LGBTQ+ Film Festival in Cardiff vorgestellt. Die jährlich stattfindende Veranstaltung widmet sich homosexuellen und queeren Filmgeschichten aus aller Welt und arbeitet mit BAFTA Cymru zusammen. In diesem Jahr feierte das siebentägige Festival sein 20-jähriges Bestehen.