Fast fünf Jahrzehnte nach der Gründung von Soft Cell steht für die britischen Synthie-Pop-Pioniere das letzte Kapitel ihrer Studioarbeit bevor. Mit „Danceteria“ erscheint das sechste und zugleich letzte Studioalbum der Band. Sänger Marc Almond (69) blickt anlässlich der Veröffentlichung auf seine gemeinsame Zeit mit dem verstorbenen Dave Ball, die prägenden Jahre in New York und seine Erfahrungen als offen schwuler Musiker zurück.
Das Wichtigste im Überblick
- Soft Cell veröffentlichen mit „Danceteria“ ihr sechstes und letztes Studioalbum. Es wurde wenige Tage vor dem Tod von Gründungsmitglied Dave Ball fertiggestellt.
- Marc Almond bezeichnet das Album als „Liebesbrief an New York“. Die Stadt habe Soft Cell seit den frühen 1980er-Jahren musikalisch und persönlich stark geprägt.
- Dave Ball konnte das fertige Album zwei Tage vor seinem Tod noch vollständig hören. Almond will ohne seinen langjährigen Partner keine neuen Soft-Cell-Studioaufnahmen mehr machen.
- Als offen schwuler Künstler erinnert Almond an die massive Homophobie, mit der homosexuelle Menschen von den späten 1970er- bis in die 1990er-Jahre konfrontiert waren.
- Auch heute sei Homophobie nicht verschwunden, sagt Almond: „Sie hat nur andere Gesichter angenommen“.
- Almond lebt inzwischen in Portugal und schätzt dort besonders die gesellschaftliche Toleranz.
- Seine eigene Karriere will der Sänger fortsetzen. Er hat einen Vertrag über zwei weitere Soloalben und sagt: „Ich sehe mich auftreten, bis ich nicht mehr kann.“
„Liebesbrief an New York“
Für Almond ist „Danceteria“ untrennbar mit dem Tod seines langjährigen musikalischen Partners verbunden. Das Album wurde nur wenige Tage vor Balls Tod fertiggestellt. Der Soft-Cell-Mitbegründer starb am 22. Oktober 2025 im Alter von 66 Jahren. Inhaltlich führt das Abschiedsalbum Soft Cell zurück zu einer Stadt, die die Band entscheidend beeinflusst hat: New York. Das britische Duo reiste Anfang der 1980er-Jahre dorthin und nahm dort Musik auf. „Dieses Album führt uns zurück nach New York im Jahr 1982, als wir zum ersten Mal dorthin gingen, um das erste von drei Alben aufzunehmen“, sagte Almond. „Das Album ‚Danceteria‘ ist ein Liebesbrief an New York, an das Amerika jener Zeit und an die Kreativität, die wir erlebt haben, und daran, wie sie uns geprägt hat und sich damit der Kreis schließt.“
Obwohl Soft Cell von Beginn an eine britische Band gewesen sei, habe New York den eigenen Horizont erheblich erweitert. „New York hat uns wirklich geprägt und uns eine neue Welt von Erfahrungen eröffnet, die sich sowohl in der Musik als auch in den Texten widerspiegelte“, so Almond. Zu den amerikanischen Einflüssen zählt er New Yorker Punk sowie Devo, Suicide, Lou Reed und Velvet Underground. Später seien Disco-Künstler wie Giorgio Moroder und Sylvester hinzugekommen. „Alles daran war neu und aufregend und hatte einen unglaublichen Einfluss auf uns. Wir beide kannten New York nur aus Filmen, Fernsehen und Musik, aber dort zu sein und es selbst zu erleben, war überwältigend.“
Madonna und New Yorker Nachtleben
Die Verbindung zu New York zieht sich durch „Danceteria“. Titel wie „Times Square“ und „The Rainbow Room“ greifen das Nachtleben der Metropole auf. Der Albumtitel wiederum erinnert an den gleichnamigen mehrstöckigen Nachtclub in Manhattan, der Anfang der 1980er-Jahre Post-Punk, Disco und Hip-Hop zusammenbrachte. Auch Madonna taucht in einem Song auf. Ob Almond selbst einen ihrer frühen Auftritte im Danceteria erlebt hat, kann er heute nicht mehr sagen. „Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, worauf ich mich konkret beziehe. Es ist alles ein Nebel aus Erinnerungen und Drogen aus dieser Zeit. Vielleicht höchstwahrscheinlich, wer weiß?“ Almond und Madonna kannten sich zwar, eine Freundschaft entstand nach seinen Worten aber nicht. „Wir hatten nie wirklich Kontakt“, sagt er. „Ich glaube, wir haben uns ein paar Mal getroffen, und sie war so lieb und voller Ehrgeiz und Bescheidenheit, immer großzügig mit ihrer Zeit. Aber ich bin während ihrer gesamten Karriere ein Fan geblieben. Sie ist eine Pionierin. In vielerlei Hinsicht ist sie der weibliche David Bowie.“
Ein vergangenes Amerika
Mit dem Song „Wave to America“ richtet Almond den Blick zugleich auf den Mythos des amerikanischen Traums. „‚Wave to America‘, eine nostalgische Reise durch Amerika-Klischees, ist eine Achterbahnfahrt, und genauso habe ich mich bei meinem allerersten Besuch gefühlt“, sagt er. „‚Wave To America‘ handelt für mich auch vom Amerika meiner eigenen Vergangenheit, das für mich heute verloren ist.“ Auch die lange Tradition musikalischer Kooperationen setzt sich auf dem Abschiedsalbum fort. Bei „Out Come the Freaks“ ist Nona Hendryx von LaBelle zu hören. Zuvor arbeitete Almond unter anderem mit Siouxsie Sioux, Jimmy Somerville, Pet Shop Boys und Nico zusammen. „Alle Kooperationen sind ein Balanceakt zwischen Künstlern – es ist immer schwierig, es richtig hinzubekommen“, sagt Almond. Besonders hebt er Anohni hervor: „Anohni ist eine dieser Künstlerinnen. Sie ist unglaublich talentiert und so voller Liebe und Bescheidenheit. Vielleicht war mein Lieblingsduett das mit ihr.“
Dave Ball hörte das Album noch
Die längste musikalische Partnerschaft Almonds blieb jedoch die mit Dave Ball. Vor 47 Jahren hatten sich die beiden als Kunststudenten am Leeds Polytechnic zusammengetan und Soft Cell gegründet. Kurz vor seinem Tod konnte Ball das gemeinsame Abschiedswerk noch hören. „Er saß da und hörte sich das fertige Album zwei Tage vor seinem Tod an, und er war unglaublich stolz und begeistert davon“, erzählt Almond. „Wir sprachen darüber, wie sehr wir uns auf diese Platte freuten … sogar noch mehr als auf die letzte. Bei dieser fühlten wir uns stärker miteinander verbunden und freuten uns darauf, sie zu promoten und sogar eine Tour durch Großbritannien zu machen, die im März stattfinden sollte.“
Ball hatte bereits zuvor gesundheitliche Probleme. Almond hoffte dennoch, dass sich sein Freund und Kollege wieder erholen würde. „Für mich war allerdings offensichtlich, dass Dave ziemlich krank wirkte, mehr als sonst – ich hatte ihn schon zuvor sehr krank gesehen, deshalb hoffte ich, dass er bald wieder auf die Beine kommen würde. Ich hatte gehofft, dass ihm diese Platte einen Schub geben würde. Ich bin so glücklich, dass er sie fertig hören konnte.“
Mit Balls Tod ist für Almond auch die Studioarbeit von Soft Cell beendet. „Nach ‚Danceteria‘ wird es keine neuen Soft-Cell-Studioaufnahmen mehr geben – ich würde ohne David nicht als Soft Cell aufnehmen“, stellt der Sänger klar. Die bestehende Musik will Almond allerdings weiterhin auf die Bühne bringen. „Ich werde die Musik mit Shows und Tourneen am Leben erhalten, so wie David darauf bestanden hätte. Ich denke, es ist eine angemessene Hommage und in gewisser Weise ein perfektes Epitaph für Dave.“
Homophobie der 1980er Jahre
Almond war bereits in den 1980er-Jahren offen schwul. Gemeinsam mit Künstlern wie Boy George sowie Gruppen wie Bronski Beat und Erasure gehörte er zu einer Generation homosexueller Musiker, die in einer gesellschaftlich deutlich feindseligeren Zeit öffentlich sichtbar waren. „Wenn man diese Zeit von den späten 70ern bis Mitte der 90er nicht selbst erlebt hat, ist es nahezu unmöglich, das Ausmaß der Homophobie zu begreifen, mit der schwule Männer und lesbische Frauen konfrontiert waren. Und dann brachte der Beginn von Aids noch weitere Ebenen persönlichen Verlusts und Leids, aber auch Heldentum und Kampf mit sich“, sagt Almond.
Die Folgen dieser Zeit wirkten bei vielen Betroffenen lange nach. „Viele schwule Menschen wurden von dieser Zeit vergiftet, mich eingeschlossen, und suchten irgendwie nach einem Gegenmittel. Andere wurden regelrecht in ihre Schränke genagelt, unfähig, sich zu outen oder sich selbst als wertvoll oder würdig anzuerkennen.“ Die 1970er-Jahre hätten mit der Entkriminalisierung von Homosexualität, der Androgynität von David Bowie und Marc Bolan sowie der Schwulenrechtsbewegung große Veränderungen versprochen. Nach Almonds Einschätzung dauerte es jedoch Jahrzehnte, bis gesellschaftliche Veränderungen tatsächlich deutlich spürbar wurden.
„Homophobie ist nicht verschwunden“
Trotz der Fortschritte sieht der Sänger Diskriminierung homosexueller Menschen keineswegs als überwunden an. „Auch heute ist sie noch da. Homophobie ist nicht verschwunden. Sie hat nur andere Gesichter angenommen – die Rechte, Familienwerte, die Unterdrückung von trans* Menschen. Es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen, wer man ist. Du bist der Einzige, der sagen darf, wer du bist.“ Zugleich wirbt Almond um Verständnis für ältere schwule Menschen, die sich bis heute nicht geoutet haben. „Jede Generation kämpft nicht nur darum, ihren Platz, sondern auch einen Kontext zu finden. Ich kenne ältere schwule Männer, die immer noch nicht geoutet sind, die diese sich verändernde Welt nicht annehmen können und denen diese neue Offenheit fremd ist – ihre Schränke sind durch Jahrzehnte der Scham oder des Missbrauchs fest verschlossen. Versucht, die Welt auch aus ihrer Sicht zu sehen. Vielleicht lernt ihr dabei etwas über eure eigene Vergangenheit.“
Rückzug nach Portugal
Almond selbst zog vor einigen Jahren nach Portugal. Das Land sei für ihn zu einem persönlichen Rückzugsort geworden. „Ich bin nach Portugal gezogen, weil es ein wunderschönes Land ist und die Menschen so herzlich sind“, sagt er. „Es fühlt sich Welten entfernt vom Wahnsinn der heutigen Welt an, und genau dort möchte ich sein.“ Er verweist zudem auf die gesellschaftliche und rechtliche Situation für homosexuelle und queere Menschen in Portugal und bezeichnet das Land als einen besonders toleranten Ort. „Ich möchte in einer solch progressiven Gesellschaft leben, fern von Hass und Engstirnigkeit.“
Ryan Murphy beeindruckt Almond
Als Beispiel für einen homosexuellen Kulturschaffenden, der ihn heute besonders beeindruckt, nennt Almond nicht etwa einen Musiker, sondern den US-amerikanischen Fernsehproduzenten Ryan Murphy. „Ryan Murphy ist außergewöhnlich und hat das Fernsehen mit bahnbrechender Arbeit auf so viele Arten verändert. Einfach brillant“, sagt Almond. Vor allem die Möglichkeit, homosexuelle Geschichten aus der eigenen Perspektive einem großen Publikum zu erzählen, sei ein bedeutender Fortschritt. „Geschichten erzählen, schwule Geschichten, menschliche Geschichten, sie neu erzählen und in den Mainstream bringen – das ist eine unglaubliche Leistung. Vielleicht stehen wir mit Menschen wie Ryan an der Spitze dabei, unsere eigene Geschichte zu erzählen. Sie liegt nicht mehr in den Händen anderer Menschen außerhalb der Community.“
„Tainted Love“ veränderte alles
Zu Soft Cells Vermächtnis gehört vor allem der 1981 veröffentlichte Welthit „Tainted Love“. Almond hatte zeitweise ein zwiespältiges Verhältnis zu dem Song, sieht ihn inzwischen aber anders. „Eine Zeit lang schon, aber heute nicht mehr. Wie hätten wir wissen können, dass er solche astronomischen Dimensionen erreichen würde – Rekorde brechen und zu einem der größten Songs der Musikgeschichte werden würde?“ Heute überwiegt die Dankbarkeit: „Mir wurde klar, dass mir dieser eine Song so vieles ermöglicht hat – diese drei Minuten haben alles unwiderruflich verändert, und dafür werde ich immer dankbar sein.“
Während „Danceteria“ die Studio-Diskografie von Soft Cell beendet, plant Almond keineswegs seinen Abschied von der Musik. Der Sänger hat einen Vertrag über zwei weitere Soloalben und weitere Tourtermine. Wie lange er noch Musik aufnehmen und Konzerte geben möchte, beantwortet der Sänger mit einem kurzen Satz: „Ich sehe mich auftreten, bis ich nicht mehr kann.“