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Männlichkeit und Simonetti Riccardo Simonetti wünscht sich Männlichkeit ohne enge Grenzen

Von ms - 28.09.2026 - 14:30 Uhr
Männlichkeit und Simonetti
Foto: IMAGO / PIC ONE
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Schon als Kind bekam Riccardo Simonetti zu spüren, was andere von einem Jungen erwarteten. Weil er nicht in dieses Bild passte, wurde er nach eigenen Angaben ausgegrenzt und später sogar körperlich angegriffen. Heute fühlt sich der Entertainer, Autor und Moderator als schwuler Mann wohl – und fordert zugleich ein breiteres Verständnis davon, was Männlichkeit bedeuten kann.

Das Wichtigste im Überblick

  • Riccardo Simonetti beschäftigt sich in seinem neuen Buch mit Männlichkeit, Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Erwartungen. 
  • Schon im Kindergarten wurde ihm vermittelt, er sei kein „richtiger“ Junge. Später wurde Simonetti bespuckt und geschlagen.
  • Als Teenager dachte er über Hormonblocker nach, erkannte später aber, dass er sich als Mann wohlfühlt. 
  • Auch innerhalb der schwulen Community sieht Simonetti starre Vorstellungen von Männlichkeit. 
  • Wegen seiner langen Haare und seines Make-ups sei ihm bereits der Zutritt zu Clubs verweigert worden. 
  • Traditionelle Männlichkeit lehnt er nicht grundsätzlich ab. 
  • Entscheidend sei, dass unterschiedliche Lebensweisen und Formen von Männlichkeit respektiert werden. 
  • Simonetti glaubt, dass insbesondere heterosexuelle Männer von queeren Männern lernen könnten, gesellschaftliche Erwartungen zu hinterfragen und selbstbestimmter zu leben. 

Männlichkeit in der schwulen Community

In seinem neuen Buch „Wann ist ein Mann ein Mann?!“ beschäftigt sich der 1993 im bayerischen Bad Reichenhall geborene Simonetti mit einer Frage, die ihn nach eigener Darstellung schon fast sein gesamtes Leben begleitet. Im Gespräch mit dem ZEITmagazin berichtet er von seiner Kindheit, seinen Erfahrungen als schwuler Mann und von gesellschaftlichen Vorstellungen, die Männer bis heute unter Druck setzen können. Dabei nimmt Simonetti auch seine eigene Community nicht von Kritik aus. Gerade unter schwulen Männern besitze Männlichkeit eine starke symbolische Bedeutung. Hypermaskuline Körper, Muskeln oder Bärte könnten zu Statussymbolen werden.

„Männliche Statussymbole und männliche Körperideale werden in der schwulen Welt oft wie eine Währung eingesetzt. Je maskuliner, desto wertvoller.“ Simonetti selbst entspricht solchen Vorstellungen bewusst nicht. Er trägt lange Haare und Make-up. Das habe in der Vergangenheit sogar dazu geführt, dass er nicht in bestimmte Clubs gelassen worden sei. An einem Eingang habe man ihm direkt gesagt: „Wir sind ein Club für Männer.“ Obwohl er selbst ein Mann ist, sei er in den Augen der Verantwortlichen offenbar „nicht die richtige Sorte Mann“ gewesen. Simonetti betont, dass solche Erfahrungen nicht auf ihn beschränkt seien: „Auch die schwule Community ist nicht frei von Vorurteilen. Es gibt Hierarchien. Mancherorts soll nur eine bestimmte Form von Männlichkeit zelebriert werden.“ 

Geschlechterrollen verändern sich

Für Simonetti sind viele Vorstellungen davon, was männlich oder weiblich ist, gesellschaftlich geprägt und veränderbar. „Alle Ausdrucksformen von Gender sind eine Performance“, sagt er. Als Beispiele nennt er hohe Schuhe, Make-up, Perücken und Kleider. Was heute vor allem mit Frauen verbunden werde, hätten Männer in früheren Jahrhunderten ebenfalls zur Inszenierung von Macht und gesellschaftlichem Status genutzt. Auch die Geschichte der Farbe Rosa führt Simonetti an. Sie habe lange als männliche Farbe gegolten, weil sie als Abschwächung von Rot und damit einer mit Blut, Krieg und Stärke verbundenen Farbe betrachtet worden sei. 

Während der NS-Zeit mussten homosexuelle Männer in Konzentrationslagern den rosa Winkel tragen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich Rosa zur klassischen Mädchenfarbe entwickelt. „Das Beispiel Rosa zeigt gut, wie performativ und gesellschaftlich gelernt Geschlechternormen sind“, sagt Simonetti. Das Wissen um die Veränderlichkeit solcher Normen habe ihm selbst geholfen. „Ich habe selbst sehr lange mit den Fragen gestruggelt, ob ich ein richtiger Mann bin und wie ich meiner Rolle gerecht werden kann. Es war ein Segen, als ich erkannt habe, dass ich diesem traditionellen Männerbild gar nicht entsprechen möchte und auch einfach nach meinem eigenen Ideal leben kann.“

„Richtige Jungen kennen keinen Schmerz“

Aufgewachsen ist Simonetti in Bad Reichenhall im Berchtesgadener Land. Bereits im Kindergarten seien Spielsachen klar Jungen oder Mädchen zugeordnet worden. Er sei mit Sätzen wie „Richtige Jungen kennen keinen Schmerz“ groß geworden. Jungen seien früh in Sportvereine geschickt worden. Simonetti versuchte sich im Fechten und Karate, fühlte sich aber stärker zur Bühne und zum Theater hingezogen. Er wuchs als einziger Junge in einem von Frauen geprägten Haushalt auf. Seine Mutter war alleinerziehend, außerdem gehörten seine Schwester, Großmutter und Tante zu seinen engsten Bezugspersonen.

Im Rückblick hätte eine männliche Identifikationsfigur in manchen Situationen hilfreich sein können, sagt Simonetti. Vermisst habe er ein männliches Vorbild als Kind oder Jugendlicher dennoch nicht. „Die Frauen in meinem Leben haben mir Werte vermittelt, die gesellschaftlich oft mit Männern in Verbindung gebracht werden: Stärke, Mut, Ehrgeiz. Ich bin froh, dass ich zu Hause nicht unter dem Druck stand, auch noch einem Mann gefallen zu müssen.“ 

Männer-Klischees und Puppen 

Zu Hause durfte Simonetti nach eigener Darstellung Dinge ausprobieren, die außerhalb seiner Familie als unmännlich angesehen wurden. Wenn seine Schwester ihre Fingernägel lackierte und er mitmachen wollte, habe sich daran niemand gestört. Andere Männer in seinem Umfeld habe er dagegen teilweise als einschüchternd erlebt. Er berichtet von Lehrern und Vätern, vor denen er Angst gehabt habe. Ein Erlebnis ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. Als Kind habe er bei einem Freund eine Puppe vergessen. Am nächsten Tag habe ihm der Freund erzählt, sein Vater habe sie weggeworfen, weil er so etwas in seinem Haus nicht dulde. Sein Freund selbst hätte es deshalb niemals gewagt, zu Hause mit einer Puppe zu spielen. 

Wie begrenzt seine eigene Vorstellung von Männlichkeit damals war, verdeutlicht für Simonetti ein Bild, mit dem er als Grundschüler einen Malwettbewerb gewann. Die Kinder sollten zeichnen, wie sie sich selbst als Erwachsene sahen. Simonetti malte einen muskulösen Mann mit kurzen Haaren, Brusthaar und Vollbart. Links und rechts stellte er ihm jeweils eine Frau an die Seite. Während er deren Kleidung, Haare und Make-up detailliert gestaltete, bekam der Mann lediglich Hemd und Hose – sowie eine Rose im Mund. „Ich hatte gar keinen Bezug dazu, wie Männlichkeit für mich aussehen könnte“, sagt Simonetti. 

Gewalt wegen seines Auftretens

Schon im Kindergarten hätten andere Jungen behauptet, er sei ein Mädchen. Sie hätten ihn verspottet, weil er fast ausschließlich mit Mädchen befreundet gewesen sei. Mit zunehmendem Alter blieb es laut Simonetti nicht bei Worten. „Ich wurde regelmäßig bespuckt, geschlagen und im Schulbus wurde sogar meine Kleidung angezündet. Alles nur, weil andere Menschen nicht damit klargekommen sind, dass ich ein Junge bin, der anders aussieht und sich anders gibt.“ Die ständige Bedrohung habe ihn traumatisiert. „Ich habe lange geglaubt, dass ich als Mädchen glücklicher wäre.“ 

Simonetti setzte sich deshalb über Jahre mit seiner eigenen Geschlechtsidentität auseinander. Als Jugendlicher habe er darüber nachgedacht, Hormonblocker einzunehmen. „Nicht, weil ich mir sicher war, ein Mädchen zu sein, sondern einfach, um die Zeit anzuhalten. Ich habe mich nach einer Verlängerung von diesem kindlich-neutralen Zustand gesehnt.“ Später sei ihm klar geworden, dass er mit seiner Geschlechtsidentität zufrieden sei. „Ich fühle mich sehr wohl als Mann. Ich mag bloß gerne Dinge, die von der Gesellschaft als eher feminin eingestuft werden.“

Privilegien und Grenzen

Simonetti sagt, er möge seinen Körper, seine Größe und seine breiten Schultern. Zugleich sei er sich seiner Privilegien als Mann bewusst. Als queerer Mann könne er jedoch nicht von allen Privilegien gleichermaßen profitieren. „Ich kann nicht nachts die Straße entlanggehen, ohne Angst zu haben, und werde auch nicht automatisch von anderen Männern als ebenbürtig angesehen. Vor allem mag ich, ein schwuler Mann zu sein.“ Gerade die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Erwartungen betrachtet Simonetti heute als wertvolle Erfahrung. Schwule Männer müssten sich nach seiner Auffassung häufig mit der Frage auseinandersetzen, ob sie gesellschaftlichen Normen oder ihrem eigenen Ideal entsprechen wollten. Was er in jungen Jahren als Belastung erlebt habe, sehe er inzwischen als „großes Geschenk“. 

Nützlich für heterosexuelle Männer

Simonetti glaubt deshalb, dass heterosexuelle Männer von den Erfahrungen homosexueller und queerer Männer profitieren könnten. Viele von ihnen lebten seiner Ansicht nach „in einem Käfig aus gesellschaftlichen Regeln“ und hätten Angst, ihren Status als Mann zu verlieren, sobald sie von traditionellen Erwartungen abwichen. Viele schwule Männer hätten dagegen erkannt, dass sie selbst über den „Schlüssel zu diesem Käfig“ verfügten. Sie experimentierten mit ihrem Äußeren, zeigten Gefühle und lebten offener nach eigenen Vorstellungen.

„Ein so selbstbestimmtes Leben würde ich mir auch für heterosexuelle Männer wünschen“, sagt Simonetti. Dazu gehöre auch, vermeintlich feminine Vorlieben nicht verstecken zu müssen: „Auch ein heterosexueller Mann muss nicht verstecken, dass er Britney Spears mag oder sich die Fingernägel lackiert. Es macht niemanden unmännlich, einen Matcha zu bestellen.“ Traditionelle Rollenbilder möchte Simonetti allerdings nicht grundsätzlich abschaffen. „Ich glaube, dass Stereotype auch Spaß machen können. Normen können Orientierung geben und es ist ja nicht alles schlecht an traditioneller Männlichkeit. Das sollte Selbstreflexion aber nicht ausschließen.“ 

Männlichkeit ist kein Problem 

Dass Männlichkeit zunehmend mit Begriffen wie toxischer Männlichkeit oder Debatten über die sogenannte Manosphere verbunden wird, bedeutet für Simonetti nicht, dass Männlichkeit selbst grundsätzlich problematisch sei. „Ich verstehe das, Männer verursachen auch viele Probleme. Ich glaube aber nicht, dass Männlichkeit an sich das Problem ist. Männer machen sie sich zum Problem.“ Grundsätzlich hält Simonetti es für sinnvoll, „ein progressives, facettenreiches Männerbild in die Mitte der Gesellschaft zu rücken“. Auch ein traditionelles Familienmodell könne aus seiner Sicht funktionieren. Wenn ein Mann die Versorgerrolle übernehme und seine Frau Hausfrau sei, sei dagegen nichts einzuwenden, solange die Beteiligten dies freiwillig wollten und andere Entscheidungen ebenfalls akzeptiert würden.

„Dann leb dein traditionelles Leben. Mein Wunsch ist nur, dass diese Männer auch andere Lebensweisen und alternative Formen von Männlichkeit respektieren.“  Bei einer Form demonstrativer Männlichkeit muss Simonetti allerdings schmunzeln: der „Gym-Bro-Culture“. Er beobachte, dass heterosexuelle Männer trainierten, um mit einem bestimmten Körperbau für Frauen attraktiver zu werden – die Aufmerksamkeit dafür komme seiner Wahrnehmung nach jedoch vor allem von anderen Männern. „Ich habe noch nie eine Frau sagen hören: Mein Gott, er ist so toxisch, aber er hat einen supergroßen Bizeps.“ 

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