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Conchita begeistert als Frosch

Conchita begeistert als Frosch Queere Operette in Wien mit Tom Neuwirth

ms - 12.06.2026 - 14:30 Uhr
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Ein neuer Blickwinkel auf einen Operettenklassiker sorgt derzeit an der Volksoper Wien für viel Aufmerksamkeit. Mit der „Fledermaus – Pride Edition“ erhält Johann Strauß' berühmte Operette eine queere Neuinterpretation, die vertraute Figuren und Motive in einen anderen Zusammenhang stellt. Mit dabei: Conchita alias Tom Neuwirth. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Die Volksoper Wien zeigt mit der „Fledermaus – Pride Edition“ eine queere Neufassung des Operettenklassikers von Johann Strauß.
  • Die Produktion versteht sich nicht als Parodie, sondern als Weiterentwicklung des Originals.
  • Volksoper-Direktorin Lotte de Beer betont die Haltung des Hauses zu Vielfalt und queerer Sichtbarkeit.
  • Gaststar Tom Neuwirth tritt sowohl als Conchita als auch in der Rolle des Frosch auf.
  • Die Inszenierung verbindet humorvolle Operettenelemente mit Themen wie Identität, Ausgrenzung und gesellschaftlichem Druck.
  • Das Publikum reagierte mit Standing Ovations und einer außergewöhnlichen Zugabe.

Volksoper positioniert sich deutlich

Ausgangspunkt der Inszenierung ist die Frage, ob hinter dem berühmten Streich an Dr. Falke womöglich mehr steckt als ein harmloser Scherz. Die Produktion entwickelt daraus die Vorstellung einer verschwiegenen Liebesgeschichte und verleiht der bekannten Handlung damit eine neue emotionale Dimension. Die ursprüngliche Inszenierung von Robert Herzl, die im Laufe der Jahre mehrfach überarbeitet wurde, bildet dabei die Grundlage für die aktuelle Fassung. Das Kreativteam setzt auf behutsame Veränderungen statt auf eine grundlegende Neuerschaffung des Werks.

Bereits vor Beginn der Vorstellung machte Volksoper-Direktorin Lotte de Beer die Haltung des Hauses deutlich. Die Volksoper sei das gesamte Jahr über bunt und offen für Vielfalt. Diese Botschaft erhält vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Debatten besondere Bedeutung. Während politische Diskussionen über LGBTIQ+-Rechte in Österreich zunehmend an Schärfe gewinnen, versteht sich die Pride-Ausgabe der „Fledermaus“ auch als kulturelles Statement.

Unerfüllte Liebe zweier Männer 

Die Inszenierung knüpft dabei an eine lange Tradition des Genres an. Geschlechterrollen, Verkleidungen und Identitätswechsel gehören seit jeher zu den zentralen Elementen von Oper und Operette. Die Neufassung von Jürgen Bauer und Moritz Franz Beichl greift diese Tradition auf und entwickelt sie weiter. Regisseur und Choreograf Florian Hurler setzt dabei insbesondere bei der Figur des Dr. Falke an.

In seiner Interpretation wird aus der bekannten Demütigung nach dem Maskenball mehr als ein peinlicher Scherz. Eisenstein habe seinen Freund öffentlich bloßgestellt und damit dessen wahre Identität offengelegt. Vor dem Hintergrund des 19. Jahrhunderts erhält die Geschichte dadurch eine neue Tragweite. Während im Original vor allem die Untreue der Figuren eine zentrale Rolle spielt, rückt die neue Lesart die unerfüllte Liebe zweier Männer in den Mittelpunkt.

Geschlechtergrenzen werden aufgelöst

Im Verlauf des Abends verschwimmen traditionelle Zuordnungen zunehmend. Die Produktion löst feste Geschlechterrollen bewusst auf und spielt mit wechselnden Identitäten. Rosalinde tritt als ungarischer Prinz auf, Orlofsky entzieht sich klaren Zuschreibungen, und auch andere Figuren werden neu interpretiert. Als Leitgedanke schwebt dabei ein bekanntes Zitat von Drag-Ikone RuPaul über der Inszenierung: Nackt komme jeder Mensch zur Welt, alles Weitere sei Drag.

Dabei verbindet die Aufführung humorvolle Operettenelemente mit einer Botschaft über Freiheit und Selbstbestimmung. In der Welt des Prinzen Orlofsky dürfe jede und jeder so sein, wie er oder sie sein möchte. Der zweite Akt endet daher nicht mit einem rauschenden Fest, sondern mit einer Razzia, die die gesamte Gesellschaft hinter Gitter bringt. Dort begegnen die Figuren dem Gerichtsdiener Frosch, der in dieser Fassung als Hoffnungsträger und Vermittler erscheint.

Tom Neuwirth als Conchita und Frosch

Zu den Höhepunkten des Abends zählt der Auftritt von Tom Neuwirth. Der Künstler erscheint zunächst in seiner bekannten Kunstfigur Conchita als kolumbianische Prinzessin. Später übernimmt er die Rolle des Frosch und interpretiert Marianne Rosenbergs Klassiker „Er gehört zu mir“. Das Publikum reagiert darauf hörbar begeistert und macht sich das Lied regelrecht zu eigen. Auch der Eurovision Song Contest findet seinen Platz im Stück. Als Adele angesichts des schillernden Geschehens fragt, ob erneut Eurovision sei, antwortet Frosch trocken, er wisse selbst nicht genau, was das alles bedeuten solle.

Bemerkenswert ist dabei die Besetzung Neuwirths als Frosch. Statt einer glamourösen Figur verkörpert er einen müden Beamten mit resigniertem Wiener Charme. Nach eigenen Angaben habe ihn diese Rollenwahl zunächst überrascht. Im Laufe der Proben habe er jedoch die Figur für sich entdeckt. Gerade dadurch gewinnt die Aufführung zusätzliche Tiefe. Das Lied „Er gehört zu mir“ wird nicht nur zur Liebeserklärung, sondern auch zur Frage nach Zugehörigkeit, Sichtbarkeit und gesellschaftlicher Akzeptanz. Auch das übrige Ensemble überzeugt mit seinen Darstellungen. Musikalisch begleitet das Volksopernorchester unter der Leitung von Tobias Wögerer den Abend mit einem schwungvollen Strauß-Klang, der auch Operetten-Neulinge anspricht.

Begeisterung trotz kleiner Kritikpunkte

Ganz ohne Kritik bleibt die Produktion allerdings nicht. Mit einer Spieldauer von beinahe dreieinhalb Stunden inklusive Zugabe fällt der Abend vergleichsweise lang aus. Am Gesamteindruck ändert dies jedoch wenig. Die Reaktionen des Publikums fielen ausgesprochen positiv aus. Die Standing Ovations gipfelten schließlich in einer besonderen Zugabe, als Tom Neuwirth als Frosch noch einmal mit „I Am What I Am“ auf die Bühne zurückkehrte.

Die „Fledermaus – Pride Edition“ führt damit konsequent fort, was nach Ansicht ihrer Macher bereits zwischen den Zeilen des Originals angelegt war. Die Aufführungen laufen noch im Juni, eine Wiederaufnahme für 2027 ist bereits angekündigt. Warum die Produktion aus Sicht vieler Beteiligter gerade jetzt wichtig ist, brachte Neuwirth selbst auf den Punkt: Vor vier Jahren habe er noch optimistischer in die Zukunft geblickt. Heute sehe er die gesellschaftliche Entwicklung deutlich skeptischer. Gerade deshalb, so die Botschaft des Abends, dürfe dieser Ball nicht enden.

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