Pastor Malte Stets ist seit dem Sommer dieses Jahres neu beim Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreisverband Hamburg tätig, ein Kernthema von ihm ist die queersensible Seelsorge. SCHWULISSIMO wollte mehr wissen.
Ihr erster Gottesdienst zum Welt-Aids-Tag in Hamburg steht bevor. Mit welchen Gefühlen gehen Sie diesem besonderen Tag entgegen?
Ich freue mich auf diesen Gottesdienst, der in St. Georg eine lange Tradition hat. Da sind so viel Leid und Trauer im Raum, aber auch Hoffnung und Freude über das Erreichte. Mit der LAG AIDS stellen wir in diesem Jahr die biblische Geschichte eines Menschen in den Mittelpunkt, der wegen seiner Krankheit ausgegrenzt wurde. Ihr Kern ist: Du bist nicht allein. So wie du bist, bist du von Gott geliebt.
Was hat Sie persönlich dazu bewegt, Pastor zu werden?
Ganz geradlinig war mein Weg nicht. Ich habe zwar gleich nach dem Abitur mit dem Theologiestudium begonnen, aber lange war für mich offen, ob ich Pastor oder Schauspieler werde. Die Schauspielausbildung prägt meine Seelsorge bis heute: In beidem geht es darum, wirklich präsent zu sein und zuzuhören. Als Jugendlicher habe ich meine Gemeinde als Safe Space erlebt. Das hat mich und mein Coming-Out geprägt, und genau das möchte ich weitergeben.
Sie engagieren sich in der queersensiblen Seelsorge „Positiv leben & lieben“. Was bedeutet dieser Name für Sie?
An diesem Namen wird unsere Geschichte sichtbar: ‚Positiv‘ meint zunächst Menschen, die mit HIV leben. Mit der Zeit wurde daraus eine Haltung: Leben und Lieben sind gute Dinge, die Gott für uns will. Queersensible Seelsorge gibt es längst auch in vielen Gemeinden. Aber wer zum ersten Mal kommt, weiß oft nicht, wer ihn dort mit welcher Haltung erwartet. Bei uns weiß man es.
„Positiv leben & lieben“ begleitet seit mehr als 30 Jahren Menschen mit HIV. Wie haben sich deren Sorgen, Bedürfnisse und Erwartungen an die Kirche in dieser Zeit verändert?
In den ersten Jahren standen Trauer- und Sterbebegleitung im Vordergrund. Heute geht es oft um Gemeinschaft, aber auch um ganz praktische Fragen: Behördengänge, Wohnungssuche, Jobcenter. Denn queere Menschen werden auch heute noch diskriminiert. Vor über 30 Jahren hat sich die Kirche in Hamburg entschieden, an der Seite schwuler Männer und Menschen mit HIV zu stehen. Heute sind wir für alle queeren Menschen da. Und wer schon seit 30 Jahren zu uns kommt, hat bei uns weiterhin seinen Ort.

Die Kirche war für viele LGBTIQ+-Menschen lange kein sicherer Ort, sondern mit Ausgrenzung und Ablehnung verbunden. Wie kann sie verlorenes Vertrauen zurückgewinnen?
Es ist schon viel passiert. Aber man muss ehrlich sein: Kirche hat lange die Moral höher gehängt als die Liebe Gottes und damit viele Menschen verletzt. Auch heute gibt es in der Kirche Menschen, die Probleme mit queeren Menschen haben, wie überall in der Gesellschaft. Aber die Institution hat sich klare Spielregeln gegeben: Jeder Mensch ist von Gott geliebt, egal wie er ist. Unter dem Regenbogen, einem biblischen Zeichen für Gottes Bund mit den Menschen, ist viel Platz. Jetzt gilt es, das Erreichte zu verteidigen. Und trans* Menschen finden in den meisten Gemeinden noch keine selbstverständlich offenen Türen. Da müssen wir ran.
Die Aidsseelsorge wandelt sich zur Queerseelsorge. Welche Rolle spielen dabei Einsamkeit, Stigmatisierung und Diskriminierung?
Stigmatisierung und Diskriminierung sind für viele leider immer noch real: in der Familie, auf dem Amt, im Krankenhaus. Da hat sich viel getan, aber die Verunsicherung sitzt tief. Dazu kommt Einsamkeit: Viele unserer Langzeitpositiven haben in den Neunzigern ihren Freundeskreis verloren. Aids verschwindet also nicht aus unserer Arbeit, es kommen Themen hinzu.
Sie sind Teil der LAG AIDS Hamburg. Wie wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Kirche, Aidshilfen und anderen gesellschaftlichen Organisationen?
Sie ist enorm wichtig. Die Community hat in den schweren Jahren gezeigt, was möglich ist, wenn man zusammensteht. Die Beratungsstellen in der LAG decken eine große Bandbreite ab. Als Kirche bringen wir einen Ort für Fragen nach Trauer, Gedenken und Sinn mit ein. Wir stehen in einer Tradition, die diesen zutiefst menschlichen Erfahrungen Worte, Rituale, Zeit und Raum geben kann.
HIV ist heute bei wirksamer Therapie medizinisch gut behandelbar. Warum halten sich dennoch Vorurteile gegenüber HIV-positiven Menschen?
Bilder und Gefühle sind oft stärker als Fakten. Viele sind noch von der Angst der Achtziger und Neunziger geprägt. Dass HIV unter wirksamer Therapie nicht übertragbar ist, wissen viele nicht. Und HIV wird immer noch mit Sexualität und Schuld verknüpft. Was hilft: reden, aufklären, sichtbar sein. Und als Kirche klar sagen: Krankheit ist keine Strafe.

Wie begegnen Sie Menschen, die mit einer schweren Diagnose, Angst vor dem Sterben oder existenziellen Lebenskrisen konfrontiert sind?
Das Beste, was ich tun kann, ist zuhören: den Menschen sehen, Zeit haben und gemeinsam das Schwere aushalten. Der Glaube hat nicht für alles eine passende Antwort, das wäre zu einfach. Manchmal ist es am ehrlichsten, gemeinsam zu klagen. Und oft liegt im Gebet oder im Segen eine Kraft, die hilft, die eigene Situation zu tragen.
„Kirche und queeres Leben gehören zusammen“, lautet eine zentrale Botschaft Ihrer Arbeit. Was entgegnen Sie Menschen, die Homosexualität oder trans* Menschen weiterhin für unvereinbar mit dem christlichen Glauben halten?
Die Bibel erzählt, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen ist. Mann und Frau sind für mich Pole, und dazwischen gibt es viel, so wie zwischen Tag und Nacht die Dämmerung. Wer Menschen auf diese Pole reduziert, reduziert auch das Ebenbild Gottes. Wenn es ein Bild für Queerness gibt, dann ist es Gott selbst, der vielfältig ist und das Leben in all seinen Facetten kennt. In Jesus begegnet er uns, wie er gegen alle gesellschaftlichen Erwartungen handelt und so seine Liebe zu den Menschen zeigt. Die engen moralischen Aussagen an einigen Stellen verstehe ich als historische Aussagen einer patriarchalen Gesellschaft.
Der Kirchenkreisverband Hamburg bündelt die Kräfte zweier Kirchenkreise, unter anderem in der Seelsorge. Welche Chancen bietet diese Zusammenarbeit und wo sehen Sie noch Versorgungslücken?
Wir verstehen uns als Dienstleister für die Gemeinden in ganz Hamburg und Südholstein: als Ideengeber und Ansprechpartner, etwa wenn eine Pfarrperson zum ersten Mal nach einer Transitionsfeier gefragt wird oder Eltern Rat suchen. Eine Lücke sehe ich bei queeren Jugendlichen. Viele von ihnen tragen sich mit Suizidgedanken. Sie brauchen in der Kirche mehr Orte, an denen sie mit ihren Fragen nicht allein sind.
Wenn Sie fünf Jahre in die Zukunft blicken: Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit in Hamburg erreicht haben?
Ich möchte, dass queere Menschen in jeder Hamburger Gemeinde queersensible Ansprechpersonen finden, ohne lange suchen zu müssen. Dafür muss Kirche den eingeschlagenen Weg mutig weitergehen, auch wenn der gesellschaftliche Wind rauer wird. Unsere Gemeinden sollen echte Safe Spaces werden: für alle, egal, was sie glauben oder wie sie lieben.
Herr Stets, vielen Dank für das Gespräch.
Gottesdienst zum Welt-Aids-Tag in St. Georg
Montag, 30. November 2026, 18 Uhr, Dreieinigkeitskirche St. Georg, St. Georgs Kirchhof 19, 20099 Hamburg. Pastor Malte Stets und das Team von „positiv leben & lieben“ gestalten den Abend unter Mitwirkung von Pröpstin Anne Arnholz.