Olympionikin Silja Kosonen Historisches Outing im Spitzensport
Die finnische Hammerwerferin Silja Kosonen (23) hat bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham den bislang größten Titel ihrer Karriere gewonnen. Die 23-Jährige setzte sich im Hammerwurf der Frauen mit einem Vorsprung von fast zwei Metern auf die zweitplatzierte Athletin durch – und outete sich sozusagen nebenbei als homosexuell.
Das Wichtigste im Überblick
- Silja Kosonen gewinnt bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham Gold im Hammerwurf.
- Die 23-jährige Finnin siegt mit fast zwei Metern Vorsprung.
- Nach dem Erfolg spricht sie erstmals öffentlich über ihre Beziehung mit Senni Viren und outet sich als lesbisch.
- Laut dem Historiker Tony Scupham-Bilton hat sich zuvor kein olympischer Hammerwerfer öffentlich als homosexuell geoutet.
- Kosonen ist bereits zweimal bei Olympischen Spielen angetreten und peilt Los Angeles 2028 an.
- Finnlands Präsident Alexander Stubb gratulierte ihr persönlich zum EM-Titel.
- Kosonen berichtet von überwiegend positiven Reaktionen auf ihre öffentliche Bekanntgabe.
Dritter Olympia-Auftritt
Der Erfolg war für Kosonen nicht nur sportlich ein besonderer Moment. Nach dem Gewinn der Goldmedaille sprach sie öffentlich erstmals über ihre Beziehung mit der finnischen Futsal-Nationalspielerin Senni Viren und outete sich damit als lesbisch. Mit dem EM-Titel ist Kosonen erst die sechste finnische Frau, die bei den alle zwei Jahre ausgetragenen Europameisterschaften in einem Einzelwettbewerb Gold gewann. Die EM gilt als bedeutendster Leichtathletik-Wettbewerb Europas.
Kosonen verfügt bereits über große Olympia-Erfahrung. Bei den Spielen in Tokio 2021 feierte sie im Alter von 18 Jahren ihr Debüt und erreichte das Finale. Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris wurde sie Fünfte. Sollte sie sich wie erwartet für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles qualifizieren, würde sie dort als offen lesbische Athletin für Finnland antreten. Nach Angaben des Historikers Tony Scupham-Bilton gab es bislang keinen olympischen Hammerwerfer – weder bei den Männern noch bei den Frauen –, der sich öffentlich als homosexuell geoutet hat. Einzig der walisische Athlet Osian Jones hatte sich vor den Commonwealth Games 2022 als schwul geoutet. Bei Olympischen Spielen trat er jedoch nie für Großbritannien an.
Freundin jubelt im Stadion
Zu den Zuschauern im Alexander Stadium, die Kosonen bei ihrem Erfolg unterstützten, gehörte so auch ihre Freundin Senni Viren. Die 26-Jährige ist selbst Leistungssportlerin und spielt für die finnische Futsal-Nationalmannschaft. Finnland liegt derzeit auf Platz 17 der FIFA-Weltrangliste von 96 Nationen, die Futsal betreiben. Viren gehört zu den besten Spielerinnen der finnischen Liga. In der vergangenen Saison war sie mit 33 Treffern die erfolgreichste Torschützin.
Kosonen und Viren sind seit Anfang des Jahres ein Paar. Kennengelernt haben sie sich in Raisio im Südwesten Finnlands, wo beide leben. Nach ihrem emotionalen Sieg sprach Kosonen mit dem finnischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk YLE darüber, wie viel ihr die Unterstützung ihrer Freundin bedeutet habe. „Ich kenne sie noch nicht sehr lange, aber sie ist trotzdem hierhergekommen. Das hat mir viel bedeutet“, sagte die Europameisterin. „Ich habe schon von dem Moment geträumt, in dem ich mit ihr am Spielfeldrand feiern könnte. Es war großartig.“
Reaktionen aufs Outing
Kosonen sagte zudem, die Beziehung habe ihren Blick auf das Leben verändert. „Seit ich Senni Anfang des Jahres kennengelernt habe, hat das Leben auf eine andere Art zu lächeln begonnen. Ich habe einen weiteren Menschen gefunden, bei dem ich ich selbst sein kann. Jeder Tag ist einfach so wunderbar und macht so viel Spaß. Das hat vieles auf jede erdenkliche Weise wirklich heller gemacht.“ Der EM-Titel sorgte auch in Kosonens Heimat für große Aufmerksamkeit. Nach Angaben der Athletin meldete sich sogar Finnlands Präsident Alexander Stubb persönlich bei ihr, um ihr zum Gewinn der Europameisterschaft zu gratulieren.
Nach ihrem Sieg und den Berichten über ihre Beziehung sprach Kosonen auch über die Reaktionen auf ihr Coming-Out. Gegenüber der finnischen Zeitung Iltalehti erklärte sie, dass die öffentliche Bekanntgabe ihrer Beziehung ursprünglich nicht geplant gewesen sei. „Wir wollten es nicht öffentlich machen.“ Dennoch habe sie sich in diesem Moment dafür entschieden, offen mit ihrem Privatleben umzugehen. „Die meisten Nachrichten waren wirklich positiv“, sagte Kosonen weiter. „Es gibt immer auch einige negative. Wir hatten vorher überhaupt nicht geplant, es öffentlich zu machen. Ich hatte das Gefühl, dass ich den Moment genießen und die Freude mit anderen teilen wollte.“ Nach den Europameisterschaften verbrachte das Paar gemeinsam Zeit in Manchester, das für seine ausgeprägte homosexuelle Szene bekannt ist.
LGBTIQ+-Sportler aus Finnland
Kosonen war dabei in Birmingham nicht die einzige offen homosexuelle finnische Athletin. Auch Senni Salminen, die ebenfalls zweimal an Olympischen Spielen teilgenommen hat, startete bei den Europameisterschaften. Im Dreisprung belegte sie Platz 21. Zu den weiteren bekannten LGBTIQ+-Athleten aus Finnland, die bei Sommerspielen antraten, gehören der schwule Schwimmer Ari-Pekka Liukkonen und vor ihm die lesbische Siebenkämpferin Tiia Hautala. Bei den Olympischen Winterspielen gab es zudem mindestens neun offen lesbische und queere Eishockeyspielerinnen aus Finnland. Die finnische Frauenmannschaft gewann bei den Winterspielen 2010 in Vancouver, 2018 in Pyeongchang und 2022 in Peking jeweils Bronze. Für Kosonen geht es nach dem historischen EM-Erfolg nun wieder zurück ins Training. Ihr nächstes großes Ziel ist die Qualifikation für ihre dritten Olympischen Spiele. In Los Angeles will sie 2028 erneut um Medaillen kämpfen.